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Ein Lenker und Denker

Der Rechtsanwalt Jordi Turull soll katalanischer Regionalpräsident werden. Er ist bereits der dritte Kandidat. Die spanische Justiz könnte ihn am Freitag festsetzen.

Jordi Turull wurde 2004 erstmals ins katalanische Regionalparlament gewählt. Foto: Gonzalo Fuentes (Reuters)
Jordi Turull wurde 2004 erstmals ins katalanische Regionalparlament gewählt. Foto: Gonzalo Fuentes (Reuters)

Eigentlich ist der 52-jährige Jordi Turull ein Bilderbuch-Katalane: Als Kind hat er noch die Unterdrückung der katalanischen Kultur in der ausgehenden Franco-Zeit erlebt. Nach dem Tod des Diktators 1975 entstanden aber überall in der Region in der Nordostecke Spaniens Vereine, die die Sprache und das Brauchtum wieder aufleben liessen. Turull war hier in seinem Heimatort Parets rund 20 Kilometer nördlich von Barcelona seit seinen Schülerzeiten aktiv. Bald engagierte er sich auch politisch, im liberalkonservativen Lager, dessen Parteien wiederholt die Namen wechselten. 2004 wurde er erstmals in das Regionalparlament gewählt.

In einem Punkt aber unterscheidet er sich von den meisten Befürwortern eines eigenen Staats: Als Fussballfan hält der Vater zweier Töchter nicht zum FC Barcleona, dessen Stadion, das Camp Nou Hochburg der Sezessionisten ist, sondern zum Lokalrivalen Espanyol, der sich «Königlicher Club» nennt und deshalb die Unionisten, die Verteidiger der spanischen Einheit, hinter sich weiss.

Seit den Regionalwahlen 2015 gehörte der Jurist, der sich auf Arbeitsrecht spezialisiert hat, zu den Mitstreitern des neuen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont. Energisch trieben sie die Sezession voran, obwohl deren Befürworter nur 47 Prozent der Wähler hinter sich gebracht hatten. Turull galt als der Lenker und Denker hinter Puigdemont, der eher als politisches Leichtgewicht betrachtet wird. Als Sprecher des Kabinetts hat Turull massgeblich die Unabhängigkeitserklärung mitformuliert, deren Proklamation Madrid allerdings dazu brachte, die Region unter Zwangsverwaltung zu stellen.

Protest der Rechtsprofessoren

Turull ist nun der dritte Kandidat des liberalkonservativen Wahlbündnisses «Gemeinsam für Katalonien» (JxC) für das Amt des Regionalpremiers. Der erste war Puigdemont selbst, der zweite der Aktivist Jordi Sánchez, der sich seit fünf Monaten in Untersuchungshaft befindet. Sein Antrag auf Freilassung bis zu einem Verfahren lehnte der Ermittlungsrichter mit der Begründung ab, dass er dann erneut «in verfassungswidriger Weise» politisch tätig würde. Die Justiz liess sich dabei nicht durch einen offenen Brief von mehr als 100 Rechtsprofessoren beirren, die dagegen protestierten: Weder kenne das spanische Strafrecht eine Vorbeugehaft, noch seien die Tatbestände der Rebellion und des Aufruhrs gegeben; diese seien laut Definition nämlich mit Gewaltakten verbunden, zu denen es in Katalonien aber nicht gekommen sei.

Die JxC-Fraktion ist die grösste unter den Sezessionisten, daher erhebt sie Anspruch auf das Amt des Premiers. Doch droht Turull nun das Gleiche wie Sànchez: Für Freitag ist er von der Staatsanwaltschaft vorgeladen, es wird spekuliert, dass er festgesetzt wird, damit er nicht kandidieren kann. Nicht alle Sezessionisten wären betrübt, sollte er als Kandidat für das Spitzenamt ausfallen. Die zweitgrösste Fraktion der Sezessionisten, die Republikanische Linke (ERC), fordert schon seit Wochen die Führung von JxC auf, einen Kandidaten zu nominieren, gegen den die Justiz in Madrid nichts in der Hand hat. Es sei vordringlich, endlich eine Regierung in Barcelona zustande zu bringen, um die Zwangsverwaltung durch Madrid zu beenden.

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