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Macron fällt aus der Rolle

Frankreich staunt über seinen Präsidenten: Mit arroganten Sprüchen macht sich Emmanuel Macron bei Armen und Arbeitern unbeliebt. Schaden nimmt dadurch sein ganzer Reformkurs.

Ein «Präsident der Reichen»? Emmanuel Macron macht sich bei vielen Franzosen zunehmend unbeliebt.
Ein «Präsident der Reichen»? Emmanuel Macron macht sich bei vielen Franzosen zunehmend unbeliebt.
Keystone

Die Franzosen meinten, einen charmanten, eleganten Jungmann ins Elysée entsandt zu haben. Doch was Emmanuel Macron der Nation verbal zumutet, gehört eher in die Sparte starker Tobak. Diese Woche erklärte er in der ­Nähe einer Fabrik, deren ent­lassungsbedrohte Arbeiter streiken: «Statt ein Schlamassel an­zurichten, täten sie besser daran, Arbeit zu suchen.»

Wobei «Schlamassel» noch vornehm übersetzt ist: «Foutre le bordel» beinhaltet zwei Schimpfwörter, die zwar dem Volksmund entstammen, aber nicht gerade zum Vokabular eines Präsidenten gehören.Und das ist nicht Macrons erster Ausrutscher dieser Art. Im September hatte er die Gegner seiner Arbeitsmarktreform bereits als Faulpelze bezeichnet.

Die ganze Arroganz der Pariser Eliten drückte er zudem in einem Satz einer ansonsten belanglosen Rede aus: «In einem Bahnhof kreuzt man Leute, die Erfolg haben, und andere, die nichts sind.»

«Sarkozys verborgener Sohn»

Der jüngste Bordell-Spruch bewirkt denn auch geharnischte Reaktionen. Der Sozialist Olivier Faure schüttelt über die «soziale Geringschätzung» den Kopf, der Konservative Christian Jacob über die «Provokation eines verwöhnten Kindes, das nicht die geringste Kritik erträgt».

Die Zeitung «Libération» bezeichnete Macron gestern in ihrem Haupttitel als «Sarkozys verborgenen Sohn». Damit spielte sie auf einen Spruch des Ex-Präsidenten an, der einen unliebsamen Passanten 2008 zugeraunt hatte: «Hau ab, armer Trottel.»

Macron ist nicht so ausfällig geworden – dafür haben seine Sprüche offensichtlich System. Einem Staatschef lassen die Franzosen das nicht durch. Deren 57 Prozent bezeichneten sich gestern in einer Blitzumfrage als «schockiert».

Dass sie den Bordell-Ausdruck im Alltag selber benützen, ändert nichts daran: Ein französischer Präsident hat kein stilloser Sprücheklopfer zu sein. Und schon gar nicht aus elitärem Dünkel, wie er bei dem Eliteschulabgänger Macron durchschimmert.

Wo ist die «égalité»?

Gravierend ist der Spruch, weil er nun im aktuellen Kontext eine sehr politische Dimension erhält. Seit Tagen schimpft die Linke über den «Präsidenten der Reichen». Der Grund ist die geplante Abschaffung der Vermögenssteuer. Macron will dadurch Kapitalvermögen entlasten und erreichen, dass es in die Wirtschaft investiert wird; hoch bliebe hingegen der unproduktive Immobilienbesitz besteuert.

Ökonomisch macht diese Absicht durchaus Sinn: Nach Berechnungen des Rechnungshofes könnten Tausende französischer Grossverdiener in ihr Heimatland zurückkehren, wenn die Reichensteuer durch eine blosse Immobiliensteuer ersetzt würde. Das würde mehr Geld in die Staatskasse spielen als die in Europa fast einzigartige Ver­mögenssteuer. Politisch ist das Unternehmen aber gewagt, da diese von der Linken eingeführte Steuer im Land der «égalité» (Gleichheit) einen hohen Symbolwert hat.

Mit seinen hochmütigen Sprüchen liefert Macron der Opposition billige Munition gegen seinen Reformkurs. Der Linksabgeordnete François Ruffin meinte, der Staatschef sei ein «umgekehrter Robin Hood», der den Armen nehme, um den Reichen zu geben. ­Solche Aussagen fallen in Frankreich stets auf fruchtbaren Boden. Sie vermögen dem politischen Widerstand, den Macron mit seiner liberalen Arbeitsmarktreform schon besiegt zu haben geglaubt hatte, Flügel zu verleihen.

Als Konzession an den Volksgeist lässt Macron ankündigen, er wolle Jachten, Goldbarren, Rennpferde und Privatjets weiterhin besteuern. Was von der Vermögenssteuer aufgehoben würde, bleibt damit unklar. Damit verstärkt der Präsident aber nur selbst das politische Schlamassel oder, wie man in Frankreich eben sagen würde, «le ­bordel».

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