Trumps gigantische Fehlkalkulation

Donald Trump wollte Kandidat sein, jedoch nicht US-Präsident werden. Das könnte ihn nun ins Verderben stürzen.

Er wollte gewinnen, indem er verliert: Trump umarmt während eines Wahlkampfauftritts die amerikanische Flagge. (2. März 2019)

Er wollte gewinnen, indem er verliert: Trump umarmt während eines Wahlkampfauftritts die amerikanische Flagge. (2. März 2019)

(Bild: Reuters Yuri Gripas)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Das Netz der Ermittlungen gegen den US-Präsidenten und sein Immobilien-Imperium wird zusehends enger, auch Trumps Geschäftspraktiken werden unter die Lupe genommen. Es verwundert deshalb nicht, dass dem Präsidenten nach seiner Rückkehr vom erfolglosen Gipfel mit Kim Jong-un am Samstag der Kragen platzte: Auf einer Konferenz konservativer Aktivisten nahe Washington bezeichnete Trump die Untersuchung von Sonderermittler Robert Mueller als «Bullshit» und klagte, seine politischen Feinde wollten «jeden Deal untersuchen», den er jemals getätigt habe.

Die missliche Situation, in der sich Trump befindet, ist Folge einer gravierenden Fehlkalkulation: Der TV-Star und Unternehmer wollte zwar in den Wahlkampf ziehen, jedoch nicht im Weissen Haus landen.

Er und seine engste Umgebung verstanden die Präsidentschaftskandidatur 2015 und 2016 als Marketing-Bonanza und einmalige Gelegenheit, Trumps Image mitsamt seinem «Brand» zu polieren. «Donald Trump wollte niemals Präsident werden», sagte Trumps Ex-Anwalt Michael Cohen am vergangenen Mittwoch vor dem Kongress aus.

Die Niederlage sollte Gewinn bringen

Auch Trumps Familie und Helfer rechneten nicht mit einem Sieg: Sein Wahlkampfmanager Paul Manafort versprach sich dank der Publizität während des Wahlkampfs ebenso blendende Geschäfte wie Tochter Ivanka Trump und Schwiegersohn Jared Kushner.

«Verlieren hiesse gewinnen», beschreibt Bestsellerautor Michael Wolff in seinem Buch «Feuer und Zorn» den Plan des republikanischen Präsidentschaftskandidaten: «Trump wäre der berühmteste Mann der Welt – und ein Märtyrer als Opfer der schurkischen Hillary Clinton.»

Weil er bis weit in den Hauptwahlkampf 2016 nicht an einen Einzug ins Weisse Haus glaubte, verfolgte Trump unbeirrt Geschäftsinteressen wie etwa den Bau eines Trump Towers in Moskau. «Es war gut möglich, dass ich nicht gewonnen hätte, und dann wäre ich wieder ins Geschäftsleben zurückgekehrt – warum also sollte ich viele Gelegenheiten nicht wahrnehmen?», verteidigte der Präsident die Verhandlungen über den Bau.

Trump beschädigt seine Marke

Die Rechnung aber ging nicht auf: Trump gewann die Präsidentschaftswahl und schlitterte völlig unvorbereitet ins Amt. Seitdem leiden seine Geschäfte. «Er polarisiert derart, dass die Leute Angst haben, mit ihm Geschäfte zu machen», sagte der Marken-Experte Jeff Lotman dem Wirtschaftsmagazin «Forbes» im vergangenen September. Trump habe seine Marke «erheblich beschädigt», so Lotman.

Schon die Ankündigung seiner Präsidentschaftskandidatur im Juni 2015 war ein Desaster: Kaum hatte Trump in seiner allerersten Rede mexikanische Einwanderer als «Vergewaltiger» beschimpft, kappte der TV-Sender NBC, der Trumps Reality-Shows ausgestrahlt hatte, die Verbindungen zu ihm.

Trump-Wähler frequentieren seine Hotels nicht

Alarmiert von Trumps Attacken auf Einwanderer und seiner polarisierenden Rhetorik begannen sich Unternehmen von ihm abzuwenden. Das Kaufhaus Macy’s nahm Trumps Herrenbekleidung aus den Regalen, der Matratzenhersteller Serta distanzierte sich ebenso von ihm wie andere Firmen, die um ihr Ansehen fürchteten. Lizenzdeals versiegten, Trumps Marke verlor an Wert.

Zudem scheiterte bislang der Versuch, mit einer neuen und billigeren Hotelkette Trump-Wähler anzuziehen, die sich Übernachtungen in den teuren Hotels des Präsidenten ebenso wenig leisten können wie den Zeitvertreib auf seinen Golfplätzen.

«Präsident zu sein, hat mich ein Vermögen gekostet», erklärte Trump im November 2018. Es stimmt: Das Vermögen des Präsidenten hat sich seit der Ankündigung seiner Kandidatur nach Schätzungen amerikanischer Experten um mindestens eine Milliarde Dollar verringert, allein die Einnahmen aus Lizengebühren fielen von 23 Millionen Dollar im Jahr 2015 auf rund drei Millionen.

Jeder Winkel wird durchforstet

Jetzt dürfte Trumps Eigentor weitere unliebsame Konsequenzen nach sich ziehen: Staatsanwälte in New York und Washington sowie von Demokraten geleitete Ausschüsse im Abgeordnetenhaus werden jeden Winkel seines Geschäftslebens durchforsten.

Der Präsident mag sich nicht ohne Grund darüber beklagen, nun werde unter dem Mikroskop nach juristisch verwertbaren Verstössen gesucht. Eingebrockt aber hat er sich sein Schicksal selbst: Fast 63 Millionen Amerikaner wählten ihn, sensationell errang er die Präsidentschaft.

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