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Unermüdliches Engagement

Abertausende Helferinnen und Helfer waren auch am letzten Wochenende vor der US-Präsidentenwahl unterwegs, gingen von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, um Unentschlossene von ihrem Kandidaten zu überzeugen.

Der Ford Mustang hat auf der holprigen Schotterpiste durch die herbstbunten Hügel Virginias gefährlich oft aufgesetzt. Jetzt steht Melissa mit ihren Freundinnen Tamina und Giovanna vor einem alten Farmhaus und klopft an die windschiefe Tür, deren Farbe wie Lametta blättert. Ein barfüssiges Mädchen im Wollkleid öffnet, man hört ein Baby, die Mutter ruft: «Wer ist da?» Melissa räuspert sich: «Guten Tag, wir kommen von Barack Obama, wissen Sie schon, wen Sie wählen werden?»

Überall im Land sind jetzt Zigtausende Helfer unterwegs, um an Türen zu klopfen, Schilder zu schwenken, Wählerlisten abzutelefonieren. Beide Lager wollen Anhänger mobilisieren, Unentschlossene überzeugen. Auch hier in Purcellville, einem kleinen Ort an den Ausläufern der Blue Ridge Mountains, ist das so. Seit 1964 hat kein Demokrat bei einer Präsidentschaftswahl in Virginia gewonnen. Nun aber liegt Obama in Umfragen vorn, könnte der alte Südstaat vom Republikanerrot ins Demokratenblau wechseln.

Neue Methoden

Vor acht Jahren setzten die Republikaner erstmals das «Microtargeting» ein: eine Methode, bei der komplizierte Datensätze über Konsumverhalten oder die Mitgliedschaft in Kirchen und Vereinen ausgewertet werden, um potenzielle Wähler zu identifizieren. Wer Volvo fährt, ist eher Demokrat. Wer Budweiser trinkt, vermutlich Republikaner. Längst aber betreiben auch die Demokraten Wahlkampf wie Marketingexperten. Und diesmal könnte Obama die besseren «Bodentruppen» haben. Überall im Land hat er mehr Wahlbüros als John McCain, mehr Geld, mehr Freiwillige. Selbst Gegner loben die straff organisierten Helfer Obamas.

Zu diesen Helfern gehören Melissa, Tamina und Giovanna. Ihnen wurde eine Liste mit 36 Adressen in die Hand gedrückt. Alles unentschlossene Wähler, die schon einmal kontaktiert wurden. Jetzt sollen sie nachhaken. Wie man mit Alten redet, wie mit Jungen, ob lockere Gespräche geführt werden sollen, oder ob es besser ist, sich kurz zu fassen: All das hat die Teamleiterin genau erklärt.

Von eins bis fünf

Bislang läuft es blendend. Auch die Frau im Farmhaus ist ein Treffer. Sie ist parteilos, aber für Obama. Sie ist sogar eine «Eins» – eine sichere Stimme. Mit zwei werden Leute bezeichnet, die tendenziell für Obama sind. Drei bedeutet unentschlossen. Wer die Ziffer vier hat, ist eher für McCain, und die Fünfer sind überzeugte McCain-Wähler. Jeder Befragte wird eingestuft, später wertet der Obama-Stab die Angaben aus. Wenn an der Tür ein McCain-Anhänger steht, gibt es dann vielleicht Familienangehörige, die für Obama stimmen könnten? Wer braucht eine Mitfahrgelegenheit ins Wahllokal?

«Die Kampagne ist echt gut organisiert», sagt Tamina. Sie war schon mal für Obama Klinkenputzen, in Reno, im Wüstenstaat Nevada. Sie lebt in San Francisco. Das liegt am anderen Ende der USA, an der Westküste. Letzte Nacht ist sie quer über den Kontinent geflogen. Auf eigene Rechnung. Ihre Augen blinzeln müde. Sie wollte, sagt Tamina, das letzte Wochenende vor der Wahl nicht sinnlos herumsitzen. Kalifornien gewinnt Obama sowieso. Also hat sie ihre Freundin Giovanna in Virginia besucht, Melissa wohnt im nahen Washington.

Die drei haben zusammen studiert, jetzt sind sie promovierte Bioingenieure. «Da wird man irgendwie automatisch Demokrat», sagt Melissa. Sie hat in der Stammzellenforschung gearbeitet. Jetzt leitet sie in Washington Wissenschafter durchs bürokratische Unterholz, die an sogenannten «verwaisten Arzneimitteln» forschen – Medikamente und Impfstoffe, für die sich die Pharmaindustrie nicht interessiert, weil sie keine Profite versprechen.

Kampf der Evangelikalen

Purcellville liegt an der Schnittstelle zwischen Virginias rasant wachsendem Speckgürtel rings um Washington und der agrarischen Bergregion im Westen. Alte Farmhäuser und schicke Villen der Hauptstadtpendler wechseln sich hier ebenso ab wie Obama-Plakate und McCain-Schilder in den Vorgärten. Auch der Republikaner verfügt in Purcellville über unermüdliche Helfer. Einer der Eifrigsten ist Willie Deutsch. Der 18-Jährige ist Vizechef der Jungrepublikaner am Patrick Henry College, «God’s Harvard», einer Kaderschmiede für evangelikale Fundamentalchristen. Von hier soll eine neue Generation christlicher Aktivisten den Marsch durch die Institutionen antreten – in Politik, Wirtschaft und Kultur. Auch Willie Deutsch will in die Politik, Wahlkämpfe faszinieren ihn, für George W.Bush war er schon mit 14 in Florida Klinken putzen. Jetzt organisiert er im Landkreis Loudon die «Operation Joshua», junge Evangelikale für McCain. Gewinnt Obama die Wahl, ist auch der Christenmarsch durch Amerikas Institutionen vorerst gestoppt. «Dabei bräuchten wir nur noch einen guten Richter am Supreme Court, um das Abtreibungsrecht zu kippen», rechnet Deutsch vor. Das grosse Ziel könnte nun in weite Ferne rücken.

Deshalb kämpft Willie Deutsch jede freie Minute für McCain, auch wenn ihm der ehemalige Baptistenprediger Mike Huckabee als Kandidat lieber gewesen wäre. Oder Sarah Palin. Doch Virginia ist nicht verloren, glaubt Deutsch. Und selbst nach einer Niederlage lasse sich Amerika schon in vier Jahren zurückerobern. Man müsse einfach klügere Wahlkämpfe führen. Nicht polarisieren. Inspirieren. Organisieren. Menschen einbinden, die sonst nicht wählen. «Vielleicht brauchen wir einen Obama», meint der Jungrepublikaner.

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