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Wer pöbelt vulgärer als Donald Trump?

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat eine Journalistin mit einer sexistischen Zote beleidigt. Unflätigkeiten sind auch bei anderen Populisten beliebt - aus gutem Grunde.

Sandro Benini
Sexistische und homophobe Sprüche gehören zu seinem Repertoire: Jair Bolsonaro.
Sexistische und homophobe Sprüche gehören zu seinem Repertoire: Jair Bolsonaro.
Keystone

Es gibt tatsächlich einen Politiker, der es an Vulgarität, Zotenhaftigkeit, pöbelndem Sexismus mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump nicht nur aufnimmt, sondern ihn sogar übertrifft. Dieser Politiker ist Brasiliens Regierungschef Jair Bolsonaro.

Das portugiesische Wort ‹furo› bedeutet Loch, und gleichzeitig wird es für einen journalistischen Primeur verwendet, also eine Nachricht oder Enthüllung, die ein Medium als erstes publiziert. Die Doppeldeutigkeit von «furo» nutzte Bolsonaro vergangene Woche während einer Pressekonferenz, um über die Journalistin Patrícia Campos Mello eine sexistische Anstössigkeit loszuwerden, sinngemäss: Campos Mello sei bereit, für einen Primeur ihr Loch zu geben.

Gelächter bei Bolsonaros umstehenden Anhängern.

Nun könnte man denken, der 64-jährige Ex-Berufsmilitär aus Rio de Janeiro wolle mit seinen Schweinigeleien von der blamablen Bilanz seines ersten Amtsjahres ablenken. Abgesehen von einer geglückten Rentenreform und einem halbwegs (aber nur halbwegs) akzeptablen Wirtschaftswachstum von 1.2 Prozent, war es geprägt von einem wirren Regierungsstil, Korruptionsvorwürfen gegen einen von Bolsonaros Söhnen, einer katastrophalen Zunahme von Kahlschlägen und Brandrodungen im Amazonas, einem Chaos beim landesweit wichtigsten Sozialprogramm Bolsa Familia, präsidialen Verstössen gegen die Gewaltentrennung, Beleidigungen von Eingeborenen und Homosexuellen.

Waffen für alle

Und Bolsonaros irrwitzigste Vorhaben, etwa die radikale Liberalisierung des Waffengesetzes oder die Erlaubnis für Polizisten, Diebe zu erschiessen, haben Kongress oder Gerichte gestoppt. Nach seinem ersten Jahr beurteilten gemäss einer Studie des Umfrageinstituts Datafolha lediglich 30 Prozent der Bevölkerung Bolsonaros Leistung als positiv. Die Werte seiner Vorgänger Dilma Rousseff (59 Prozent), Lula (42 Prozent) und Fernando Henrique Cardoso (41 Prozent) waren nach deren erstem Jahr deutlich besser.

Geflucht und gepöbelt hat Bolsonaro aber schon als Abgeordneter, deshalb dürfte sein verbaler Übergriff gegen die Journalistin Campos Mello kaum eine kompensatorische Reaktion auf sein schwaches erstes Präsidialjahr sein. Unterirdisch tief sank er etwa, als er einst einer Parlamentarierin zurief, sie sei zu hässlich, um von ihm vergewaltigt zu werden.

Der Brasilianer ist unter internationalen Spitzenpolitikern der Grossmeister verbaler Vulgarität, aber er hat neben Donald Trump mehrere Konkurrenten: Matteo Salvini («Das geht mir auf die Eier»), Beppe Grillo («Vaffanculo»), der philippinische Präsident Rodrigo Duterte («Papst, du Hurensohn»; «Fuck you, UNO»), der Venezolaner Nicolás Maduro («Fotze deiner Mutter»), Argentiniens Ex-Präsidentin und gegenwärtige Vizepräsidentin Cristina Kirchner («Hurensöhne»), die verstorbenen Hugo Chávez («Fahrt zur Hölle, ihr Scheiss-Yankees») und Fidel Castro («Ich scheisse in die Fotze deiner Mutter»).

Hugo Chavez äussert sich unflätig über die ungeliebten Amerikaner.

Vulgaritäten haben sich zwar auch traditionelle Politiker schon geleistet, man denke etwa an Joschka Fischers unvergessliches «Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch». Aber es ist offensichtlich, dass besonders jene Politiker gerne in die unterste Schublade greifen, die man gemeinhin als populistisch bezeichnet.

Obszönität als politische Strategie: Ein Fäkalspruch unterstreicht, dass Populisten den Tabubruch und das Disruptive, die sie politisch propagandieren, auch verbal wagen. Pöbelnd signalisieren sie Verbundenheit mit dem einfachen Volk, fluchend distanzieren sie sich von der verhassten Elite, gebärden sich als authentische Aussenseiter, verhöhnen die politische Korrektheit. Sie sagen, was sie eigentlich nicht sagen dürften, zum feixenden Gaudi ihrer Anhänger - und zur Entrüstung der sogenannt Wohlmeinenden. Sich um deren Reaktion demonstrativ zu foutieren, im Wissen, dass ihnen letztlich nichts geschehen wird - das ist ein fetter Spuckbatzen mitten ins Gesicht des Systems.

Der deutsche Soziologe Wolfgang Sofsky schreibt in einem Essay mit dem Titel «Vulgarität - die Anpassung nach unten»: «Vulgarität ist die Extremform der Unhöflichkeit. Sie missachtet jede Etikette - im Namen der Wahrhaftigkeit, Natürlichkeit oder der lebensfrohen Geselligkeit.»

Wer vulgär ist, wirkt kompetenter

Vor knapp sechs Jahren haben die beiden italienischen Psychologinnen Nicoletta Cavazza und Margherita Guidetti eine Studie verfasst, die im «Journal of Language and Social Psychology» veröffentlicht wurde. Sie haben den Teilnehmenden fiktive Blogs von fiktiven Kandidaten vorgelegt. In einem Text stehen die Wörter «scheisswütend» und «Scheisse», im anderen nicht. Resultat: Wer die Vulgärausdrücke benutzt, wird als ehrlicher, vertrauenswürdiger und kompetenter eingestuft - aber nur, wenn es sich beim Kandidierenden um einen Mann handelt. Bei einer Politikerin tritt dieser Effekt nicht auf.

Vulgarität ist ein Spuckbatzen mitten ins Gesicht des verhassten Systems.

Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek bezeichnet Manieren als «dünne Linie, welche die Barbarei von der Zivilisation trennt». Auf welcher Seite dieser Linie steht Jair Bolsonaro? Die brasilianische Zeitung Folha de São Paulo, bei der die geschmähte Journalistin Patrícia Campos Mello arbeitet, schrieb: «Der Präsident der Republik verhöhnt die Würde, die Ehre und den Anstand, den das Gesetz vom Inhaber des Präsidentenamtes verlangt.»

Der Satz wird Bolsonaro gefreut haben.

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