«Alternativ ist keine Alternative»

Der deutsche Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer (63) blickt in die Zukunft der individuellen Mobilität und hofft auf «Revolutionäre» wie Apple und Google.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer: «In Genf stehen immer die schönen Autos im Fokus.» Foto: zVg

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer: «In Genf stehen immer die schönen Autos im Fokus.» Foto: zVg

Unseren Rundgang durch die Geneva Motor Show 2015 haben wir «PS-Party» betitelt. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Ja, Genf ist traditionell PS und Luxus. Da macht 2015 keine Ausnahme.

Vor 5 Jahren sprachen wir vom «grünen Salon» in Genf, dieses Jahr stehen zwar fast überall Autos mit alternativem Antrieb, aber für Schlagzeilen sorgen primär Sportwagen und SUV. Was ist passiert?
Alternativ ist heute keine Alternative. Billiges Benzin und Diesel lassen Elektroautos, Plug-in-Hybride und das traditionelle Erdgas in eine Sackgasse fahren. Grün war gestern, heute geht es um mehr PS und mehr SUV. Am besten sieht man das in den USA. Dort boomt alles, was mit dicken Motoren unterwegs ist. Bei 50 US-Cent pro Liter Benzin spricht niemand mehr vom Spritsparen.

Obwohl fast alle Marken einen Hybridantrieb im Angebot haben, bewegen sich die Verkäufe in der Schweiz auf bescheidenem Niveau: Ende Februar lag der Marktanteil von Autos mit «alternativem Antrieb » bei 3,5 Prozent. Ist das ein guter oder schlechter Wert?
Das ist im Vergleich zu Deutschland ausgezeichnet. Nur 1,2 Prozent aller Neuwagen sind derzeit in Deutschland Hybride plus Elektroautos. Eigentlich verkauft nur Toyota Hybride. Und auch bei Toyota stehen sich bei den Händlern die Plug-in-Hybride die Reifen platt. Der Diesel ist bei den aktuellen Kraftstoffpreisen unschlagbar.

Warum sind die Schweizer in dieser Beziehung an der Spitze der Rangliste?
Fast überall in Europa wird Diesel-Kraftstoff niedriger besteuert als Benzin, also subventioniert. Warum, weiss eigentlich keiner. Nur in der Schweiz macht man diesen Unsinn nicht. Daher haben wir in der Schweiz mehr Benziner und eben auch etwas bessere Marktanteile beim Hybrid.

In Ihrer Vorschau auf die Geneva Motor Show bemängelten Sie, dass «Auto-Revolutionäre nicht in Genf sind». Gehören Elektropionier Tesla oder die Schweizer Tüftler von Rinspeed nicht zu den Revolutionären?
Rinspeed ist kein Autobauer, sondern eher eine Art Daniel Düsentrieb, der immer wieder Überraschungen parat hat, die aber wenig zur Serie taugen. Tesla ist sicher revolutionär, hat aber wenig beim autonomen Fahren zu bieten – und das ist das grosse Zukunftsthema.

Und wer wären Ihrer Meinung nach die echten Revolutionäre?
Google und Apple. Die beiden Firmen stehen für eine neue Art der individuellen Mobilität.

Diese Firmen dürften vor allem im Bereich automatisiertes Fahren für Furore sorgen. Ganz ehrlich: Braucht es das? Sollen jene Leute, die nicht mehr selber fahren wollen, nicht einfach auf Bahn und Bus umsteigen?
Schauen Sie: Für mehr als 95 Prozent der Unfälle ist der Autofahrer verantwortlich. Wir können also echt besser werden und von den 1,3 Millionen Verkehrstoten weltweit viele Leben retten. Und wir können Autos intelligenter einsetzen, sodass sie nicht 23,5 Stunden am Tag stehen und 30 Minuten in Bewegung sind. Google und Apple sind nicht an den vier Rädern interessiert, sondern an deren Nutzung und Buchung.

Denken Sie wirklich, dass es Apple gelingen kann, den Automobilmarkt so zu revolutionieren wie den Mobiltelefonmarkt mit dem iPhone?
Schauen Sie, Uber hat mit einer kleinen App erstmals seit 100 Jahren im Taxigewerbe eine Revolution ausgelöst. Die intelligente Nutzung ist mehr als nur vier Räder verkaufen. Und genau das werden Google, Apple und – ich bin sicher – bald auch Alibaba machen. Individuelle Mobilität wird zum Multi-Milliarden-Geschäft, und das interessiert Google und Co.

Aber wo bleibt denn beispielsweise die von BMW seit Jahrzehnten proklamierte «Freude am Fahren» in einer automatisierten Zukunft?
Wir werden sehen, wohin sich die Welt bewegt. Vor 120 Jahren wurden Autos aus Kutschen abgeleitet. Damals sass der König in der Kutsche, und der Kutscher hatte die weniger angenehme Arbeit. Dann kamen die Autobauer und haben das umgedreht: Unsere Autos und deren Emotion werden um das Lenkrad gebaut. Die Mitfahrer sind Nebensache. Das könnte sich ändern. First Class zu fliegen ist doch schöner, als vorne im Cockpit zu sitzen. Also Premium könnte morgen was anderes sein als heute.

Ihrer Ansicht nach zeigt die Geneva Motor Show 2015 – wie gefällt Ihnen übrigens der neue Name? – fast nur konventionelle Autos. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?
Ich fand die Bezeichnung Auto-Salon nicht so schlecht. Mit dem Begriff assoziiert man schon ein bisschen Luxus und Prestige. Und in Genf stehen immer die schönen Autos im Fokus: Mercedes- Cabrios, Ferrari, Aston Martin, Bentley, Porsche, Jaguar-Landrover, Rolls-Royce. Und genau das ist in diesen Tagen ja auch zu sehen.

Und wie erklären Sie sich eigentlich den weltweiten SUV-Boom, nachdem die Offroader gerade in der Schweiz zum Ende des vergangenen Jahrzehnts extrem in die Kritik gefahren sind?
Die SUV vereinigen Abenteuer-Feeling und Komfort. In einen Porsche 911 einzusteigen, ist nicht unbedingt komfortabel, aber beim Porsche Cayenne fühlt man den «Marlboro Cowboy». Deshalb verkauft Porsche heute mehr SUV als Sportwagen. Wenn dann noch billiges Benzin und Diesel dazukommen, geht die Nachfrage fast durch die Decke.

Auffallend ist auch die Tatsache, dass die Kompaktwagen immer stärker werden. Als ich 1982 meinen ersten Golf GTI mit 110 PS gefahren bin, dachte ich: Mehr geht nicht. Jetzt zeigt Ford in Genf einen Focus mit 320 PS und Honda einen Civic mit 310 PS. Das macht auf einer Rennstrecke sicher Spass, aber macht es auch Sinn?
Nicht alles, was mit Autos zu tun hat, ist ausschliesslich Vernunft. Die Autobauer machen ihre besten Gewinne mit den Emotionen – und die sind, zumindest heute noch, an PS gebunden.

Apropos Sinn und Unsinn: Wie immer gibt es in Genf jede Menge Tuner und Veredler. Haben Sie dort etwas «Revolutionäres» entdeckt?
Der Quant e , das Konzeptfahrzeug der nanoFlowcell AG, fällt aus dem üblichen Rahmen. Statt mit Strom aus der Steckdose wird das Elektroauto mit einer Elektrolyt-Flüssigkeit getankt, einer wässrigen Lösung mit Metallsalzen. Also Salzwasser. Das geht schnell und klingt zunächst spannend. Ob es sich aber durchsetzt, ist eher zweifelhaft. Für Genf aber sicher ein Hingucker.

Was hat Sie bei Ihrem Rundgang auch noch beeindruckt?
Der DTM Mercedes-AMG GT ist spannend, der Bentley EXP 10 Speed 6, der Aston Martin Vulcan, der Ford GT. McLaren stellt seinen P1 GTR vor mit 986 PS – hier frage ich mich, warum man keine 14 PS mehr geschafft hat. Alles Hochleistungs-Konzepte, die weniger für den Normalverbraucher gedacht sind. Aber dazu sind die Automessen ja auch da.

Und welches der neuen Serienautos würden Sie sich sofort kaufen?
Träumen würde ich vermutlich vom Ferrari 488 GTB. Doch für den Alltag ist der Renault Kadjar sicher die praktischere Alternative unter den Neuen.

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