Die neue Nummer eins

Praktisch parallel zum Wechsel an der Konzernspitze rollt BMW den neuen 1er an den Start. Er soll die Verkaufszahlen in den wichtigsten Märkten stabilisieren.

Dank dem Wechsel von Heck- auf Frontantrieb konnten die Ingenieure das Raumangebot im Einstiegsmodell deutlich verbessern. Foto: PD

Dank dem Wechsel von Heck- auf Frontantrieb konnten die Ingenieure das Raumangebot im Einstiegsmodell deutlich verbessern. Foto: PD

Die Nummer eins bei BMW war Harald Krüger als Vorstandsvorsitzender nur gerade mal vier Jahre lang. Am 5. Juli gab der Topmanager unerwartet bekannt, dass er nicht mehr für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stehe und seinen Vertrag nicht verlängere.

Laut verschiedenen Medienberichten soll der frühzeitige Abgang Krügers nicht ganz freiwillig erfolgen, sondern vom BMW-Aufsichtsrat gefordert worden sein. Dies wohl auch deshalb, weil der BMW-Aktienkurs in der Amtszeit von Harald Krüger stetig fiel. Im ersten Halbjahr 2019 setzte BMW zwar weltweit die Rekordzahl von über 1,25 Millionen Fahrzeugen ab. Im gleichen Zeitraum aber sanken die Verkaufszahlen der Bayern in wichtigen Märkten wie Europa. Und – trotz dem i3 – bei der Elektromobilität fahren die Münchner der Konkurrenz derzeit hinterher. Deshalb übernimmt nun in vier Wochen der bisherige Produktionschef Oliver Zipse die Führung des Konzerns.

Bei BMW scheint man darum besonders froh über das Timing mit der anderen Nummer eins der Marke: Denn der neue 1er-BMW steht in Europa in den Startlöchern und soll Ende September auf die Strasse rollen. Entsprechend gross sind die Erwartungen an die dritte Generation des Kompaktwagens. «Der 1er bringt uns in Europa die grössten Stückzahlen und ist unser Volumenmodell», erklärt Fahrzeugprojektleiter Holger Stauch. «Deshalb ist er für BMW wirtschaftlich so bedeutend.»

Nur als Fünftürer erhältlich

Seit der Lancierung 2004 verkaufte sich die 1er-Modellreihe weltweit über 2,49 Millionen Mal. BMW-typisch mit Frontmotor und Heckantrieb ausgestattet, litt aber das Raumangebot unter der Antriebsarchitektur, was Mitbewerber wie der Audi A3 oder die Mercedes A-Klasse deutlich besser lösten.

Damit sei beim neuen 1er nun Schluss, verspricht Holger Stauch: «Wir haben uns bei der nur noch als Fünftürer erhältlichen neuen Generation für einen Frontantrieb entschieden, weil das den Kunden im Interieur deutlich mehr Kopf- und Beinfreiheit und grösseren Stauraum bietet. Insgesamt haben wir so den Nutzwert entscheidend verbessert.»

Tatsächlich ist das Raumgefühl im rund 4,3 Meter langen Kompaktwagen viel angenehmer als in den Vorgängermodellen. Insbesondere auf den – dank grösseren Türen – besser zugänglichen Fondsitzen ist die neue Grosszügigkeit fühlbar, und der Kofferraum fasst mit 380 Litern 20 Liter mehr als zuvor.

Ohne Elektroversion am Start

Weiter sticht im Interieur die scharfe Linienführung ins Auge, im Cockpit dominieren volldigitale Displays, und Spielereien wie beleuchtete Dekorleisten setzen zusätzliche Akzente. Wie fortgeschritten BMW bei der Fahrzeugbedienung in Sachen Digitalisierung mittlerweile ist, beweist der 1er mit überraschenden Funktionen: Auf Wunsch lässt sich das Auto mit dem gespeicherten Digital Key per Smartphone öffnen und starten. Und wird es den Passagieren auf langer Fahrt langweilig, tauschen sie sich mit dem Bordcomputer BMW Intelligent Personal Assistant munter über den Sinn des Lebens aus oder lassen über Sprachbefehl die fehlende Milch auf die digitale Einkaufsliste schreiben.

Bei aller Digitalisierung vergisst man beinahe, dass auch der 1er in erster Linie zum Fahren gedacht ist. Als Antrieb bietet BMW fürs Erste überraschenderweise ausschliesslich Drei- und Vierzylinder-Verbrennungsmotoren an: Zwei Benziner mit 140 oder 306 PS sowie drei Diesel mit 116, 150 oder 190 PS und je die stärksten Versionen mit Allradantrieb stehen zu Preisen von 36 100 bis 58 600 Franken zur Wahl. Hybrid- oder Elektroversionen sind noch keine in Sicht. «BMW steht zu Verbrennungsmotoren, und wir sind überzeugt davon, dass der sparsame Diesel auch zukünftig seine Daseinsberechtigung hat», so Holger Stauch: «Aber selbstverständlich ermöglicht die neue 1er-Architektur zukünftig alle Antriebe.»

Von den für die ersten Probefahrten zur Verfügung gestellten Antriebsvarianten hinterlässt der 118d-Diesel mit 150 PS im Vergleich zur Topversion M135i xDrive-Benziner den deutlich vernünftigeren Fahreindruck. Bei beiden Varianten überzeugt der 1er mit feinfühliger Lenkung, gut abgestimmtem Fahrwerk und einer Federung, deren Ansprechverhalten auf Knopfdruck angepasst werden kann. Und eines ist klar: Auch wenn BMW den Heckantrieb beim 1er beerdigt hat, stehen die Chancen gut, dass Oliver Zipse von der letzten Neuheit seines Vorgängers profitieren wird – trotz fehlender «Elektrifizierung» beim Einstiegsmodell der Münchner.

Thomas Borowski fuhr den 1er auf Einladung von BMW Schweiz in Deutschland.

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