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Da werden Sie geholfen

Dank dem Telematikdienst Onstar fährt bei Opel künftig ein virtueller Privatsekretär mit.

Opel will mit dem Service Onstar im Herbst starten und bis zum Sommer 2016 fast alle Modelle damit anbieten. Fotos: Opel
Opel will mit dem Service Onstar im Herbst starten und bis zum Sommer 2016 fast alle Modelle damit anbieten. Fotos: Opel

Bei Verona Feldbusch («Hier werden Sie geholfen») musste man in Deutschland noch die 11880 wählen. Doch bei Opel reicht künftig der Druck auf einen blauen Knopf, damit einem geholfen wird. Denn als erster Hersteller diesseits der Oberliga bringen die Rüsselsheimer im Herbst einen Telematikdienst mit virtuellem Privatsekretär an den Start.

Das Zauberwort heisst Onstar und ist natürlich nicht ganz neu. Vielmehr hat Opel das Projekt in den 90er-Jahren schon einmal gestartet, musste es damals aber mangels Nachfrage sang- und klanglos wieder einstellen. «Doch jetzt ist die Zeit reif», sagt Projektleiter John Hyde mit Blick auf eine Onlinegesellschaft, die lieber auf das Auto als ihren Internetzugang verzichtet. Und dass die EU-Kommission unter dem Schlagwort «E-Call» für neue Autos ab 2018 ohnehin einen automatischen Notruf vorschreibt, hat der Entscheidung den nötigen Nachdruck verschafft.

Onstar ist Hispeed-Hotspot

Aber so komfortabel der Abruf von Navigationszielen am Telefon auch ist und so sicher man sich fühlen mag, wenn man bei einem Notfall auf Knopfdruck professionelle Hilfe rufen kann oder gar automatisch die Rettungskette anläuft, wenn einer der Airbags auslöst – für Opel ist Onstar mehr als eine Cyber- Nanny. Sondern mit dem LTE-Modul in jedem Fahrzeug, das mit dem Bordcomputer vernetzt ist und auch als Highspeed- Hotspot für bis zu sieben Geräte fungiert, gilt Opel-Chef Karl-Thomas Neumann der neue Dienst als Anschluss an die elektronische Zukunft: «Damit bringen wir das digitale Leben ins Auto und das Auto ins digitale Leben.»

Das digitale Leben im Auto, das ist mit Onstar viel mehr als das Highspeed- Surfen auf dem Smartphone, die individuelle Frage nach Supermärkten am Wegesrand oder der elektronische Hilferuf. Schon heute können Fahrer über Onstar und ihr Smartphone von überall auf den Wagen zugreifen, Ölstand oder Reifendruck überprüfen oder die Türen verriegeln. Die Werkstatt kann über eine Fernabfrage die wichtigsten Diagnosedaten abrufen und bald sogar drohende Pannen im voraus erkennen. Wird der Wagen als gestohlen gemeldet, hilft das System der Polizei bei der Suche. Bei einem technischen Problem schickt das Servicecenter auf Knopfdruck einen Helfer. Und wer seine Schlüssel verliert oder im Wagen einschliesst, muss sich nur über das Handy identifizieren, schon entriegelt Onstar die Türen. In Zukunft soll die Telematik-Einheit zudem Updates in Echtzeit ermöglichen, zur Schnittstelle für die Car-2-Car-Kommunkation werden.

Als Vorbild für Europa gilt den Hessen das Netzwerk in Amerika, wo Onstar bereits seit fast 20 Jahren angeboten wird und mittlerweile ein gigantisches Ausmass hat. «Die 36000 Anrufe, die wir im ersten Jahr insgesamt hatten, die laufen bei uns jetzt alle 15 Minuten auf», sagt Callcenter-Chef Terry Inch und jongliert mit gewaltigen Zahlen: Pro Monat werde fünf Millionen Mal der blaue Rufknopf gedrückt, es würden vier Millionen Navigationsziele abgerufen, 100000 SOS-Meldungen abgesetzt und allein 139000 Türen per Fernentriegelung geöffnet. Kein Wunder, dass General Motors gleich vier Callcenter unterhält und dort rund um die Uhr etwa 2500 sogenannte Advisor an der Strippe hängen.

Ganz so gross wird der Personalstamm im europäischen Onstar-Zentrum in Luton vor den Toren Londons aber erst einmal nicht werden – selbst wenn allein die acht Sprachen, in denen der Dienst starten soll, für zusätzliches Personal sorgen. Denn wo in Amerika mittlerweile sechs Millionen Kunden bei Onstar unterschrieben haben, rechnet Produktmanagerin Sara Nicholson für Europa zum Start mit «mehreren Hunderttausend Teilnehmern».

Dass es anders als beim ersten Anlauf vor knapp 20 Jahren diesmal so viele sein sollen, liegt vor allem an den ambitionierten Rollout-Plänen von Opel: «Wir fangen im Herbst an und werden Onstar schon Mitte nächsten Jahres in fast allen Baureihen vom Karl bis zum Insignia anbieten», sagt Opel-Chef Neumann, und es braucht nicht viel Fantasie zur Annahme, dass Opels Onlineoffensive auf der IAA mit der Neuauflage des Astra beginnt. Von da an werden alle neuen oder überarbeiteten Modelle die drei zusätzlichen Knöpfe am Spiegel, die Blackbox mit der eingebauten SIM-Karte und die leistungsstarke Antenne bekommen, die für den Service nötig sind, heisst es in Rüsselsheim.

Kosten und Datensicherheit

Nur was der Service kosten soll, dazu sagt Opel noch nichts. Schliesslich sei der Dienst im ersten Jahr gratis, man habe also noch ein bisschen Zeit zum Überlegen, reden sich die Hessen raus. Also bleibt nur den Blick nach Amerika, wo die Probezeit bei drei Monaten liegt. Danach verlangt General Motors je nach Servicevertrag 20 bis 35 Dollar im Monat – den Aufpreis für die Onstar-Technologie beim Fahrzeugkauf und die Kosten für das Datenvolumen von bis zu 150 Dollar im Jahr noch nicht mitgerechnet. So teuer sollte der Service in Europa nicht werden, wenn er diesmal schneller zünden soll.

Was neben dem Preis als grösste Hürde für den Erfolg eines solchen Systems gilt, ist die Angst um die Datensicherheit. «Zwar gibt jeder beim Smartphone bedenkenlos alle möglichen Daten preis. Aber bei solchen neuen Anwendungen schwingt eine latente Angst um die Privatsphäre mit», hat Neumann beobachtet und trägt dieser Sorge mit einem speziellen Knopf Rechnung: Anders als Chevrolet & Co. in Amerika baut Opel in seinen Modellen einen «Privacy- Button» ein, mit dem man die Ortungsdienste jederzeit abschalten kann.

Zwar freuen sich die Mitarbeiter in den Callcentern über das erhebende Gefühl, wenn man jeden Tag Menschen helfen kann. Und wenn Emergency-Advisor wie Bryan Anta kleine oder grosse Katastrophen verhindern oder bisweilen sogar mal übers Telefon bei einer Notgeburt aushelfen und so Cyber-Paten werden, menschelt es plötzlich gewaltig in der gigantischen Servicemaschine. Doch sitzen in Detroit keine Samariter, und General Motors betreibt diesen Dienst nicht aus reiner Menschenliebe. Sondern was GM und damit auch Opel eigentlich antreibt, bringt Onstar-Manager James Kobus überraschend deutlich auf den Punkt: «Auch unser Service muss Geld verdienen und als Differenzierungsmerkmal am Ende dafür sorgen, dass wir mehr Autos verkaufen als unsere Konkurrenten.»

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