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Zank um Französisch-LehrbücherBern gibt ignoriertem Lehrmittel eine Chance

Bern will Lehrmittel des Klett-Balmer-Verlags als Alternative zum unbeliebten «Mille Feuilles» prüfen. Kein einziger Kanton aber setzt sie ein.

Der Unterricht in der Pflichtsprache Französisch ist ein lukrativer Markt für Lehrmittelverlage.  Foto: Keystone
Der Unterricht in der Pflichtsprache Französisch ist ein lukrativer Markt für Lehrmittelverlage. Foto: Keystone
Foto: Keystone

Der Lehrmittelverlag Klett und Balmer mit Sitz in Baar ZG blickt derzeit hoffnungsvoll nach Bern. Der grosse Kanton mit seinen zahlreichen Schulklassen ist für ihn schon heute ein lukrativer Absatzmarkt. Und nun zeigen Berner Bildungspolitiker offen Interesse an einem Französisch-Lehrmittel des Zuger Verlags.

Noch sind im Kanton Bern «Mille feuilles» in der Unter- und «Clin d’oeil» in der Oberstufe obligatorisch. Der Unmut über die beiden Lehrmittel aber gärt seit Jahren. Grammatik und Vokabular seien unsystematisch und unstrukturiert, die Texte fern von der Alltagswelt, lautet die Kritik. Nachdem der Kanton Baselland das «Mille feuilles»-Obligatorium im letzten November an einer Urnenabstimmung abgeschafft hat, fordern nun auch Mitglieder des bernischen Grossen Rats in ihren Vorstössen im Fach Französisch die Lehrmittelfreiheit.

Bloss: Für die Primarstufe gibt es noch gar keine Alternative zu «Mille feuilles». Bern gehört zu den Kantonen des früheren Passepartout-Verbunds, in denen der Frühfranzösisch-Unterricht schon ab der 3. Klasse einsetzt. Die Berner Bildungsdirektorin Christine Häsler (Grüne) hat in einem Interview mit dieser Zeitung erklärt, man sei bereit, «Ça roule» von Klett und Balmer näher zu prüfen. Das neue Unterstufen-Französischbuch ist auf das Schuljahr 2021/22 angekündigt. Auch in seinen Antworten auf die Vorstösse im Grossen Rat bezieht sich der Berner Regierungsrat auf Klett und Balmer. Dessen Geschäftsführerin Irene Schüpfer bestätigt: «Wir werden ‹Ça roule› vor einem Gremium des Kantons Bern präsentieren dürfen.»

Andere Kantone sagen Nein

Das Problem ist aber: «Ça bouge» – das Lehrmittel ab der 5. Klasse, das «Ça roule» zugrunde liegt – ist derzeit in keinem Kanton der Schweiz offiziell im Einsatz. Wo der Französisch-Unterricht erst ab der 5. Klasse einsetzt, ist «Dis donc!» der Lehrmittelverlage Zürich und St. Gallen obligatorisch. Franziska Meier, beim Lehrmittelverlag Zürich für Kommunikation zuständig, erklärt: «In allen Kantonen, in denen ‹Dis donc!› und Konkurrenzprodukte wie ‹Ça bouge› evaluiert wurden, hat man sich für ‹Dis donc!› entschieden.»

Französisch-Lehrmittel im Wettbewerb: «Mille feuilles» vom Schulverlag plus.
Französisch-Lehrmittel im Wettbewerb: «Mille feuilles» vom Schulverlag plus.
pd
«Dis donc!» der Lehrmittelverlage Zürich und St. Gallen.
«Dis donc!» der Lehrmittelverlage Zürich und St. Gallen.
«Ça bouge» aus dem privaten Lehrmittelverlag Klett und Balmer.
«Ça bouge» aus dem privaten Lehrmittelverlag Klett und Balmer.
Fotos: pd
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Ist der Kanton Bern daran, als Alternative zu «Mille feuilles» ein Lehrmittel zu prüfen, das bei Evaluationen durchgefallen ist?

Irene Schüpfer vom Klett-Balmer-Verlag wehrt sich gegen dieses Verliererimage. Baselland schlage nach seiner Abstimmung über die freie Lehrmittelwahl nun auf der Oberstufe «Ça bouge» als Alternative vor. «So schlecht kann es also nicht sein», sagt sie. Auch die Erziehungsdirektion Basel-Stadt testet laut ihrem Sprecher Simon Thiriet «Ça bouge» in verschiedenen Schulen. «Es ist das Ziel, dass die Lehrkräfte nach dem Testlauf das Lehrmittel auswählen können», erklärt er.

Irene Schüpfer, Geschäftsführerin Klett-Balmer-Verlag.
Irene Schüpfer, Geschäftsführerin Klett-Balmer-Verlag.
Foto: pd/Klett-Balmer

«Von den Kantonen, die ‹Ça bouge› evaluierten, haben wir kein Feedback und keine Begründung erhalten, warum man sich dagegen entschied», macht Irene Schüpfer deutlich. Nur die Zuger Bildungsbehörden erklärten sich gegenüber dem in ihrem Kanton domizilierten Lehrmittelverlag: «Dis donc!» wie auch «Ça bouge» hätten Vorzüge, seien praxistauglich, an den Lehrplan 21 angepasst und klar strukturiert. Bei «Ça bouge» hob die Zuger Behörde gar «seine ansprechende und lustbetonte Art» hervor. Man habe sich aber dann aufgrund der digitalen Angebote für «Dis donc!» entschieden. «Der Entscheid ist aber nicht gegen den Klett-Balmer-Verlag gerichtet», schloss die Behörde.

«Einige Kantone schützen die Produkte ihrer Lehrmittelverlage mit einem Monopol.»

Irene Schüpfer, Geschäftsführerin Klett-Balmer-Verlag

Schüpfer ist überzeugt, dass «Ça bouge» genauso gut ist wie «Dis donc!». Es sei alltagsnah, verfüge über Vokabular- und Übungseinheiten, sei spielerisch, verlange aber den Schülerinnen und Schülern nicht so viel Lernautonomie ab wie «Mille feuilles» und «Clin d’oeil».

Die Lehrmittelverlage Zürich und St. Gallen, die «Dis donc!» publizieren, sind kantonale Institutionen. Analog ist der Schulverlag plus, der «Mille feuilles» und «Clin d’oeil» herausgibt, in je hälftigem Besitz der Kantone Bern und Aargau. «Es ist gut möglich, dass Zürich den anderen Kantonen klargemacht hat, wie wichtig die Einkünfte aus dem Französisch-Lehrmittel für den Verlag in Zukunft sind», erklärt sich Schüpfer den schweren Stand von «Ça bouge». In ihren Augen schützen einige Kantone die Produkte ihrer Lehrmittelverlage mit einem Monopol – vor allem Zürich, Bern aber sei offener. Hinzu komme, dass Vertreter der Verlage und Kantone Einsitz haben in der Interkantonalen Lehrmittelzentrale (ILZ). Sie koordiniert die kantonale Lehrmittelproduktion – und sie finanziert sich überdies zu über 50 Prozent über die Beteiligung am Umsatz der kantonalen Verlage.

Wie finanziert der Klett-Balmer-Verlag «Ça bouge», wenn es kaum an Schulen verkauft werden kann? «‹Ça bouge› rentiert nicht, wir haben aber aus unserem Haus andere Lehrmittel wie das ‹Schweizer Zahlenbuch›, die in mehreren Kantonen obligatorisch sind», erklärt Schüpfer.

Auch Aargau springt ab

Der private Klett-Balmer-Verlag rechnete sich auch im grossen Kanton Aargau Chancen aus. Wegen mangelnder finanzieller und personeller Ressourcen haben die Aargauer aber nun die vorgesehene Evaluation von «Ça bouge» und «Dis donc!» auf der Oberstufe fallen gelassen und sich für «Dis donc!» als obligatorisches Lehrmittel ab der 6. Klasse entschieden, sagt Sprecherin Simone Strub von der Aargauer Bildungsdirektion.

Man wolle eine «inhaltliche Kontinuität» garantieren mit der Oberstufe, auf der «Dis donc!» im Einsatz sei, begründet Strub. Man könne aber «Ça bouge» immer noch zu einem späteren Zeitpunkt evaluieren, tröstet sie den Klett-Balmer-Verlag. So setzt dieser darauf, mit seinen Französisch-Lehrmitteln wenigstens in den Kantonen aus dem früheren Passepartout-Verbund, die noch ein «Mille feuilles»-Monopol haben, Fuss zu fassen. Neben Baselland und Basel-Stadt wäre das vor allem der Kanton Bern.

Wann wissen die Berner, ob sie im Fach Französisch die Lehrmittelfreiheit und dann allenfalls «Ça roule» als Alternative zulassen? Die zur Abklärung der Mängel von «Mille feuilles» eingesetzte Arbeitsgruppe kommuniziere keinen Zeitplan, sagt Martin Werder von der Bildungsdirektion. «Alle Fragestellungen werden seriös geprüft, Entscheide werden erst kommuniziert, wenn sie vorliegen.»