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Mehr als bloss ein Markt

Was gut ist, braucht keine Veränderung. Sonst wäre es nicht mehr gut. Das trifft auf den Wattenwilmärit in besonderem Mass zu.

Ernst Sinzig aus Riggisberg, einer der letzten Seiler der Schweiz, am Wattenwilmärit.
Ernst Sinzig aus Riggisberg, einer der letzten Seiler der Schweiz, am Wattenwilmärit.
Marc Imboden
Auch das Rösslispiel gehört zum Wattenwilmärit.
Auch das Rösslispiel gehört zum Wattenwilmärit.
Marc Imboden
Einheimische Produkte – wie hier am Käsestand – waren gefragt.
Einheimische Produkte – wie hier am Käsestand – waren gefragt.
Marc Imboden
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Ganz oben bei der Kirche steht der Stand mit ausgestopften Tieren, Murmelisalbe und Schlüsselanhängern aus Horn. Ganz unten, hinter dem Bären-Parkplatz, bietet ein Mann Seifen mit den unterschiedlichsten Duftnoten an. Etwa in der Mitte finden sich das Karussell, der Stand mit Reit- und Landwirtschaftsartikeln und jener von Ernst Sinzig aus Riggisberg, einem der wohl letzten Seiler der Schweiz.

Das war schon letztes Jahr so, und im Jahr davor auch. «Nein, es gibt dieses Jahr keine Neuerungen», sagt Heinz Krebs, seit 2013 Märitchef in Wattenwil. Als er damals zum ersten Mal für die Organisation des Traditionsanlasses zuständig war, verdoppelte er die Anzahl WC für die jeweils rund 10 000 Besucherinnen und Besucher und beseitigte einen Engpass in der Nähe des Rösslispiels, indem er einem besonders geräumigen Stand einen anderen Platz zuwies.

Krankheit und Pannen

Rund 180 Stände zähle der Märit heute, sagte Krebs gestern. «Ein paar Marktfahrer haben krankheitshalber kurzfristig abgesagt. Einige kommen altershalber nicht mehr.» Andere seien auf dem Weg nach Wattenwil mit einer Panne am Strassenrand gestrandet. «Ich frage mich, ob die Qualität der Autos in den letzten Jahren nachgelassen hat», sagt Krebs, der in seinem neongelben Leuchtanzug schon von weitem auszumachen ist.

Nein, geändert hat sich im Vergleich mit den letzten Jahren sehr wenig – und genau das macht den Reiz des Marktes aus. Er ist in Wattenwil und den Dörfern der Umgebung längst zum wichtigsten Ritual des Jahres geworden. Rituale sind Wiederholungen, und Wiederholungen bedeuten Sicherheit, Geborgenheit, Heimat. Was den Thunern der immer gleiche Ausschiesset, ist den Leuten aus dem Westen der Wattenwilmärit.

Alkohol und Hemmungen

Diese Rituale haben aber auch die Funktion eines Ventils – wie die Fasnacht, an der man einmal im Jahr so richtig über die Stränge schlagen kann, wo der Alkoholpegel steigt und die Hemmschwelle sinkt. Da die katholische Fasnacht im reformierten Kanton Bern aber lange verboten war, tobte man sich eben an den Jahrmärkten aus.

Das war schon im 17. Jahrhundert so. Auf der Alp Nünenen im Gantrischgebiet fand jeweils am ersten Dienstag im August ein ­Bocksmärit statt, «der natürlich mit den üblichen Lustbarkeiten begleitet war», wie Vinzenz Bartlome, wissenschaftlicher Mitarbeiter der kantonalen Staatskanzlei, herausgefunden hat. Das muntere Treiben kam der Obrigkeit aber zu Ohren.

Die gnädigen Herren zu Bern strengten eine Untersuchung an und stellten fest, dass dort «allerleÿ Üppigkeiten undt Kilpenen angestelt und ein unzulässliches Leben geführt werde», wie es in alten Unterlagen heisst. Der Markt sei ohnehin unnötig. So wurde er am 18. Juli 1662 verboten. Das Verbot wurde in den Regionen Schwarzenburg, Wabern, Thurnen, Gurzelen und Belp bekannt gemacht und gibt einen Hinweis auf die – von der Obrigkeit vermutete – Ausstrahlung des Marktes.

Drei Jahre später muss die Obrigkeit feststellen, dass dieses «nit allein un­nothwendige, sondern durch allerlei zusammengeloffenes Gesindtli mit Kilbi halten und übermässigem Essen und Trinken ärgerliches gottloses Leben» weiterging, indem der Bocksmarkt einfach nach Wattenwil verlegt wurde. Am 1. August 1667 wurde dieser Bocksmarkt daher nun auch in Wattenwil energisch verboten.

Erlaubnis und Kontrolle

Letzten Endes musste die Obrigkeit sich jedoch am 1. Juli 1672 geschlagen geben: Sie liess den Markt wieder zu, aber nur in Wattenwil, wo sie das Treiben besser unter Kontrolle halten und «Üppigkeiten, Ärgernissen oder Anstössigkeiten» den Riegel schieben konnte. «Dieses Datum darf als offizielles Gründungsdatum angesehen werden, auch wenn die Verleihung des Rechtes auf einen Jahrmarkt durch die Obrigkeit nicht ganz so freiwillig erfolgte», wie Vinzenz Bartlome weiter ausführte. Denn der Markt war wirtschaftlich zu bedeutsam, als dass man ihn weiter hätte verbieten können.

Doch das Feiern konnte man den Wattenwilern nicht nehmen. Jahrzehntelang gab es am Wattenwilmärit eine Freinacht, bei der es jeweils ziemlich laut und wild zu- und herging, was immer wieder für Reklamationen sorgte. Deshalb sind Restaurants und Bars seit 2007 bloss bis 3.30 Uhr geöffnet, die letzten Drinks können also etwa um 3 Uhr bestellt werden. «Die Leute um halb vier aus den Festwirtschaften zu bringen, ist keine einfache Aufgabe», musste Märitchef Heinz Krebs feststellen. Dass keine Getränke mehr verkauft werden, sei den hartgesottenen Märit­zechern egal. «Sie sorgen vor und bringen den Alkohol gleich selber mit.»

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