Sie brachten die Bikes nach Thun

Thun

Am nächsten Wochenende findet der 8. Rocket Air Slopestyle in der Thuner Eishalle statt. Dass Mountainbikesport heute Tausende Zuschauer anlockt, ist auch das Verdienst von Pionieren wie Markus Luginbühl und Werner Friedli, die den Sport in den 80er-Jahren in die Region brachten.

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Marco Zysset@zyssetli

Sie kommen sofort ins Fachsimpeln: «Ah ja, klar, der Stumpjumper. Jahrgang 90?», fragt Markus Luginbühl (52) beim Anblick des zugegebenermassen einigermassen angerosteten Mountainbikes von Werner Friedli (60).

Dieser wiederum schätzt anerkennend «Oh – ein Stinger. Muss circa 94 gewesen sein...?», als Markus Luginbühl den auf Hochglanz polierten Oldtimer für den Fototermin aus dem Schaufenster holt.

Luginbühl hat sein Rad restauriert und stellt es zum Verkauf aus, während Friedli seines als Erinnerung an die Zeit behält, in der er zu den zwanzig besten Downhill-Mountainbikern der Schweiz gehörte. «Ich war einer der Ersten, denen ein Hersteller ein Velo sponserte», sagt er nicht ohne Stolz.

Pioniere mit viel Wirkung

Der Thuner Luginbühl und der Steffisburger Friedli sind Pioniere einer Bikeszene in der Region, welche mit dem Swatch Rocket Air mittlerweile die Aufmerksamkeit von Mountainbikern rund um den Globus auf sich zieht – oder zumindest jener, die sich für die Sparte Freestyle interessieren.

«Oh – ein Stinger. Muss circa 94 gewesen sein...?»Werner Friedli

«Die Hunziker-Giele oder auch Thomas Ryser haben alle bei mir angefangen», sagt Friedli, der sich im Racingclub Steffisburg lange Jahre um den Nachwuchs gekümmert hat. Die «Hunziker-Giele» sind die Gebrüder Ramon und Jérôme, die heute die Köpfe der Rocket-Air-Organisation sind; Thomas Ryser organisiert das Homberg Race mit, das letztes Wochenende stattgefunden hat.

Sowohl Ryser als auch Ramon Hunziker haben als Rennfahrer beachtliche Erfolge verbucht. Mit dem mehrfachen WM- und Olympiamedaillengewinner Christoph Sauser aus Sigriswil gibt es in der Region ferner einen Weltstar in der Szene, der auch von Friedli entscheidend geprägt wurde.

Das Jahr 1985

«Es war 1985 – ich war Mechaniker auf einer organisierten Veloreise nach Österreich –, als uns der frühere österreichische Spitzenskifahrer Erwin Resch die ersten Mountainbikes vorstellte», erinnert sich Friedli. «Ich war sofort begeistert von der Technologie und vor allem von den breiten Pneus», sagt der frühere Radquerfahrer. «Mir war gleich klar, dass sich da ganz neue Möglichkeiten eröffnen.»

Auch Markus Luginbühl wurde im Ausland mit dem Bikefieber infiziert, ebenfalls im Jahr 1985, «in den Ferien mit Freunden in Frankreich». Wie Friedli war Luginbühl sofort ein Fan der neuen Fahrräder aus Übersee. «Ich mietete im Glockenthal einen Keller und schraubte zwei Jahre Velos nach Kundenwünschen zusammen», erinnert sich der gelernte Bäcker-Konditor.

 «Ich war sofort begeistert von der Technologie und vor allem von den breiten Pneus.»Markus Luginbühl

1988 eröffnete er den legendären Bikeladen Bycruiser, in dem er zunächst an der Grabenstrasse, später an der Bernstrasse Alt und Jung aus der Region mit den neuen Trendvelos aus den USA versorgte. Heute ist er an der Mittleren Strasse in Thun zu finden. «Zunächst gab es hier kaum Velos aus Amerika – und jene der europäischen Marken Kettler oder Cilo waren nicht das, was wir uns vorgestellt hatten», sagt Luginbühl.

Inspiriert von US-Magazinen wie «Mountainbike Action» fingen die Pioniere in der Region Thun an, in Zusammenarbeit mit MTB Cy­cletech des Berner Butch Gaudy Räder grosser Marken wie Ritchey oder Klein zu importieren, plus die zugehörigen Komponenten wie Federgabeln, welche Anfang der 1990er-Jahre gross aufkamen.

Ohne Internet ging vieles weniger schnell als heute. «Wir bestellten per Fax, die Ware wurde mit dem Schiff geliefert», erinnert sich Luginbühl. «Wenn etwas nicht passte, schickten wirs zurück und bestellten ein neues Teil. So konnten gut und gerne drei Monate ins Land ziehen.»

Ungern gesehene Sportler

Wenn am nächsten Wochenende die jungen Wilden – manche könnten Grosskinder der Pioniere sein – zum achten Mal vor Tausenden euphorischer Zuschauer über die Hindernisse und durch die Lüfte der Thuner Eishalle fliegen, sind sie sich kaum mehr bewusst, dass die Mountainbiker in den Anfängen höchst ungern gesehen waren.

«Da wurden Drähte über Waldwege gespannt, um uns das Leben schwerzumachen. Oder Wanderer gingen mit Stöcken auf uns los», erinnert sich Markus Luginbühl. Auch wenn solches selbst heute noch vorkommen soll, ist es eher die Ausnahme als die Regel.

«Da wurden Drähte über Waldwege gespannt, um uns das Leben schwerzumachen. Oder Wanderer gingen mit Stöcken auf uns los.»Markus Luginbühl

Vielmehr haben Bergbahnen in den letzten Jahren auch im Berner Oberland realisiert, dass Mountainbiker eine ernst zu nehmende Kundengruppe sind und dass es durchaus in wirtschaftlichem ­Interesse sein kann, ihnen die nötige Infrastruktur abseits ausgetrampelter Pfade bereitzustellen. «Wenn es immer weniger Schnee gibt, kann Mountainbiken durchaus eine wirtschaftliche Alternative werden», sagt Luginbühl.

«Wunderbare Möglichkeiten»

In Bezug auf das Angebot in der Region Thun, sprechen er und Friedli unisono von «wunderbaren Möglichkeiten» für Radfahrer, die keine Lust auf geteerte Strassen haben.

Nach dreissig Jahren machen sich indes auch bei den Pionieren gewisse Abnützungserscheinungen bemerkbar. «Nach dem 200. Mal auf der Blume ziehts dich irgendwann halt doch ins Wallis», sagt Luginbühl. Friedli sagt seinerseits, dass er heute wieder vermehrt auf dem Rennvelo unterwegs sei...

Am nächsten Wochenende wird zumindest Werner Friedli auch in der Eishalle anzutreffen sein. «Was diese Jungs mit ihren Velos machen, ist schon verrückt», sagt er. «Auf solche Ideen wären wir gar nicht gekommen.» Markus Luginbühl hingegen sagt von sich, er gehe Grossanlässen in der Regel aus dem Weg. «Aber die Idee mit dem Teamwettkampf tönt schon spannend. Möglich, dass ich trotzdem reinschaue . . .»

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