Nach Doha soll alles besser werden

Sebastian Coe hat als Chef des Leichtathletik-Weltverbands Reformen angeschoben – aber auch brisante Fragen elegant umschifft. Wie macht er nun weiter?

Schon als Läufer spitze: Seb Coe beim 1000-m-Weltrekord 1981. (Bild: Getty Images)

Schon als Läufer spitze: Seb Coe beim 1000-m-Weltrekord 1981. (Bild: Getty Images)

Für einen Moment erlebte man Sebastian Coe am Mittwoch tatsächlich so, wie er selten auftritt: sprachlos. 203 Delegierte aus den Landesverbänden hatten sich gerade im Sheraton Grand Hotel zur Abstimmung eingefunden – ein paar waren offenbar an der Kaffeebar geblieben –, und diese 203 schickten Coe dann in seine zweite Amtszeit als Präsident des Leichtathletik-Weltverbands (IAAF).

Der frisch Gekürte erhob sich, neigte den Kopf gerührt zur Seite, sprachlos. Dann teilte er mit, «sehr, sehr, sehr geehrt» zu sein. So beschwingt wirkte der 62-Jährige am ersten Kongresstag der IAAF in Doha, dass es nicht verwundert hätte, hätte er sich noch ans Klavier gesetzt und die Jazzmusik intoniert, die sie während der Kaffeepausen im Tagungssaal einspielten.

Da kann die Leichtathletik ihre WM nach Katar vergeben und kübelweise Kritik auf sich ziehen – Coe moderiert das in diesen Tagen so elegant weg, als hätte dem Sport kein besserer Ausrichter passieren können. Die umstrittene Menschenrechtslage im Emirat? Da könne der Sport doch Veränderungen anstossen. 40 Grad ausserhalb des klimatisierten Stadions, Marathon um Mitternacht? Man werde schon aufpassen, mehr Wasser ausschenken. Ausserdem werde man so der Nachtlaufbewegung gerecht.

Coe würde wohl auch einen Marathon durch die Wüste anpreisen, vielleicht als Hommage an die Beduinen. Man spürt, dass er im echten Leben eine PR-Firma führt, dass er Dinge oft ein wenig schöner macht, als sie sind. Eine Fertigkeit, die ihm in den ersten vier Jahren seiner Präsidentschaft nicht ungelegen kam.

Es stimmt schon: Es hat sich einiges zum Besseren gewandelt, seitdem der Lord den schwer unter Korruptionsverdacht geratenen Lamine Diack abgelöst hat. Ein IAAF-Präsident darf mittlerweile nur noch für zwölf Jahre wirken. Mindestens einer der vier Vizepräsidenten muss eine Frau sein, so will es die neue, von Coe angeschobene Verfassung.

In Doha fiel diese Rolle erstmals Ximena Restrepo zu, einer ehemaligen Hürdensprinterin aus Kolumbien. Die IAAF hat ihre Integritätseinheit (AIU) vom Verband abgekoppelt, die Doping- und Ethikverstösse separat ahnden soll. Zu Wochenbeginn suspendierte sie wieder diverse Athleten, darunter Dilschod Nasarow, den Hammerwurf-Olympiasieger von 2016 aus Tadschikistan, der bei Nachtests der WM 2011 mit Turinabol aufgeflogen war. Ahmed al-Kamali aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, ein Bewerber für den IAAF-Rat, bestand zudem den – mittlerweile obligatorischen – Integritätscheck nicht.

Das russische Geständnis

Der Kongress segnete dann auch die Entscheidung von Coes Rat ab, Russlands Leichtathletikverband weiter von internationalen Wettkämpfen zu suspendieren. Wenn auch mit 30 Gegenstimmen. «Ein Beispiel, dem alle Sportarten folgen sollten», fand Rune Andersen, der Chef der zuständigen Taskforce – schöne Grüsse ans Internationale Olympische Komitee (IOK), das Russland längst wieder in die Sportfamilie aufgenommen hat, trotz vieler offener Fragen.

Andersen erklärte auch, dass der Hochspringer Danil Lyssenko zuletzt der AIU gestanden habe, mithilfe von russischen Verbandsfunktionären ein Attest gefälscht zu haben, mit dem er um eine Dopingkontrolle herumgekommen sein soll. Lyssenko habe sein Geständnis mittlerweile zwar widerrufen, aber solange diese Affäre ungeklärt sei, wäre es absurd, den Verband wieder zuzulassen.

Nicht wenige Insider vermuten, dass Coe auch wegen dieser ungewöhnlich robusten Haltung im Weltsport bis heute nicht mit einer IOK-Mitgliedschaft belohnt wurde, im Gegensatz zu seinen Vorgängern. Ach wo, hatte IOK-Präsident Thomas Bach sinngemäss entgegnet: Coe müsse derzeit doch so viel reformieren, da könne er nicht auch noch im Olymp dienen.

Die dubiosen Vorgänge

Es ist richtig, dass noch einige Geister der Vergangenheit durch die Flure von Doha bis Monaco spuken, dem Stammsitz der IAAF. Frankreichs Finanzstaatsanwälte hatten zuletzt, nach vierjährigen Ermittlungen, ihre Anklage vorgelegt, die sich vor allem um Coes Vorgänger Lamine Diack und dessen Filius Papa Massata dreht. Der Vater steht nach wie vor unter Hausarrest, der Sohn wird von Interpol gesucht.

In der 89-seitigen Schrift finden sich viele der bereits bekannten, schwindelerregenden Vorwürfe – vor allem, wie der ehemalige Präsident und sein Sohn Geld von russischen Athleten eingetrieben haben sollen, um positive Dopingtests verschwinden zu lassen.

Es gibt aber auch weitere Fährten – zum Beispiel zur Frage, wie die Weltmeisterschaften 2019 und 2021 unter Diack senior nach Doha sowie Eugene kamen. Coe hat beide Vergaben stets verteidigt. Sein Sport müsse nun einmal neue Märkte erschliessen.

Der Eindruck beschleicht einen halt auch oft bei diesem PR-Profi: dass er sich gerne etwas unwissender gibt, als er in Wahrheit ist, auch wenn Coe das streng bestreitet. Einst betonte er, dass er dank sieben Dienstjahren als Vizepräsident unter Diack – seinem Lehrmeister – prächtig als dessen Nachfolger geeignet sei. Als Diack verhaftet wurde, fiel Coe ein, dass er doch gar nicht so viel Zeit mit Diack verbracht habe.

Und eine ominöse E-Mail, die ihm im Sommer 2014 zugespielt wurde und aus der hervorging, wie die Diacks eine russische Marathonläuferin erpresst haben sollen? Die habe er ungelesen an die damaligen Ethikwächter weitergeleitet, behauptete Coe vor dem britischen Sportausschuss. Der hielt das für bedingt glaubhaft, sprach ihn letztlich aber von Fehlverhalten frei.

Die grosse Ankündigung

Letztlich erging es den Delegierten in Doha offenbar wie Jürgen Kessing, seit zwei Jahren Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV): «Ich kann mir im Moment keinen besseren Präsidenten vorstellen.»

Coe bewies am Mittwoch dann noch einmal, wie man sich die Gunst der Delegierten sichert: Er verkündete den «grössten, singulären Sponsorendeal» in der Historie der IAAF, mit dem chinesischen Wanda-Konzern, der auf dem – für seine Korruption bekannten – heimischen Immobilienmarkt gross wurde.

Filetstück des Pakets: Der Konzern übernimmt für zehn Jahre die Rolle des Titelsponsors der Diamond League, die lange vakant war. Er freue sich, sagte Coe, dass bald «viele grossartige Leichtathletik-Events» im Land seines neuen Sponsors entstehen würden.

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