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Kein Gottesdienst wegen CoronaBesinnliche Alphornklänge erinnern die Leute an die Kirche

Pfarrer Daniel Sutter muss seit dieser Woche aufs Predigen verzichten. Umso mehr setzt er auf Zeichen wie sein Alphornspiel.

Hört her, die Kirche ist noch da: Zweimal am Tag greift Pfarrer Daniel Sutter zu seinem Alphorn und entlockt ihm besinnliche Töne.
Hört her, die Kirche ist noch da: Zweimal am Tag greift Pfarrer Daniel Sutter zu seinem Alphorn und entlockt ihm besinnliche Töne.
Foto: Raphael Moser

Seit Mitte Woche ertönen von der kleinen Anhöhe, auf der die Kirche Grafenried steht, zweimal am Tag die Klänge eines Alphorns. Hinter dem mächtigen Instrument steht Daniel Sutter, der Pfarrer. Mit den besinnlichen Tönen will er seiner Gemeinde mitteilen: Hört her, die Kirche ist und bleibt da. Sie wird all jene, die in diesen bewegten Zeiten so dringend Zuwendung nötig haben, nicht vergessen.

Denn die Corona-Krise trifft auch die Kirchen mit voller Wucht. Seit der Bundesrat am Montag im Kampf gegen das hochansteckende Virus das öffentliche Leben in der Schweiz stillgelegt hat, sind auch Versammlungen im kirchlichen Rahmen strikt verboten. Der Gottesdienst von morgen Sonntag muss also in Grafenried wie flächendeckend im ganzen Kanton ausfallen – zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten.

Was tun? Diese Frage habe er sich mehrfach gestellt in den letzten Tagen, sagt Sutter. Zu gut ist ihm noch der Moment in Erinnerung, in dem er die Agenda zur Hand genommen und alle Termine gestrichen hat, die er nun nicht mehr wahrnehmen kann. Zeile um Zeile verschwand, «viel blieb am Schluss nicht übrig». Wen wunderts, schliesslich gehört es zum ureigensten Wesen der Kirche, Gemeinschaft zu pflegen, persönliche Begegnungen möglich zu machen.

Glocken bleiben

Doch dann besannen sich Sutter und sein Team darauf, dass auch in der Krise etliche Dinge Bestand haben. Das schlichte Kirchgebäude etwa, das seit Jahr und Tag rund um die Uhr offen steht und «für einen kurzen Schwatz mit dem Chef im Himmel zur Verfügung steht». Oder die Glocken, die zu den gewohnten Zeiten weiter läuten und als vertrautes Ritual Halt geben– «Halleluja!».

Mit solchen Sätzen schlägt Sutter im «Anzeiger» und auch auf seiner Homepage Hallokirche.ch bewusst einen heiter-zuversichtlichen Ton an. Wie wohltuend in all dieser Ungewissheit.

Unterricht in der Praxis

Der kirchliche Unterricht darf natürlich, wenn die Schulen geschlossen sind, ebenfalls nicht stattfinden. Dafür schicken die Siebt- und Achtklässler den Heimbewohnerinnen und -bewohnern aus der Kirchgemeinde einmal pro Woche einen Brief. Die Pensionäre werden die Abwechslung zu schätzen wissen. Weil sie zu den Corona-Risikogruppen gehören, leben sie mittlerweile völlig von der Aussenwelt abgeschottet. Besuche, die den Alltag auflockern, sind verboten.

Pfarrer Daniel Sutter sucht neue Wege, wie er die Kirche den Leuten näherbringen kann.
Pfarrer Daniel Sutter sucht neue Wege, wie er die Kirche den Leuten näherbringen kann.
Foto: Raphael Moser

Wer von den Jugendlichen genau wem schreibt, ist mittlerweile klar. Jeder und jede hat auch Briefpapier gefasst und dazu einen Zettel mit Themenvorschlägen – Sutter hat in diesem, wie er sagt, «sozialdiakonischen Auftrag» eine andere Form des Unterrichts gefunden.

Die Jugendlichen führen auch Besorgungen aus für Leute, die ihre eigenen vier Wände nicht mehr verlassen, weil sie ebenfalls zur Corona-Risikogruppe gehören. Rasch und unkomplizert lasse sich dieser Service organisieren, sagt Sutter mit Blick auf den Whatsapp-Chat, den er für den Unterricht ohnehin eingeführt hat: «Ich bin überzeugt, dass sich bei Bedarf umgehend jemand für einen solchen Dienst findet.»

Seelsorge aus der Ferne

Sutters Alltag ist inzwischen auch nicht mehr so leer wie seine Agenda. Nach wie vor redet er zwar davon, dass sich «die Stille, die sich übers Land gelegt hat, auch aufs Büro überträgt». Umso mehr Zeit nimmt er sich nun für alternative Formen des Kontakts. Er setzt dabei auf die Seelsorge auf Distanz: Ausdrücklich ermuntert er die Leute, ihm eine Mail zu schicken. «Innert 24 Stunden haben Sie Antwort, und zwar in ausführlicher Form und in hoffnungsvoller grüner Schrift gehalten», schreibt er dazu im «Anzeiger». «Wir können hin und her schreiben und auf dem Bildschirm über Gott und die Welt diskutieren.»

Natürlich gibt es jedes Wochenende auch eine Predigt. Zum Auftakt in schriftlicher Form und ab nächster Woche sogar als Podcast.

Hörprobe gefällig? Pfarrer Daniel Sutter und sein Alphorn.
Video: Raphael Moser