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Die Predigt zum WochenendeBeziehungen sind das Wichtigste im Leben

Trotz Gottesdienstverbot: Harald Rein, Bischof der Christkatholischen Kirche, sieht in der Corona-Krise die Kirche als Gemeinschaft gestärkt.

Bischof Harald Rein, Bischof der christkatholischen Kirche in der Schweiz.
Bischof Harald Rein, Bischof der christkatholischen Kirche in der Schweiz.
Foto: Raphael Moser

Die Coronavirus-Pandemie zeigt uns, wie wichtig im Leben Beziehungen und Gemeinschaft sind. Auch Christin und Christ kann man trotz aller persönlicher Spiritualität und Gotteserfahrung nicht nur für sich allein sein. Die Bibel hören und diskutieren, das Abendmahl feiern und anderen Menschen helfen, geht nur miteinander. Verkündigung, Liturgie und Diakonie/Seelsorge machen Kirche-Sein aus.

Persönlich habe ich die letzten Wochen vor allem die Firmungen vermisst. Es ist spannend und inspirierend, mit jungen Menschen darüber zu sprechen, warum sie sich firmen lassen möchten und was ihnen der christliche Glaube für ihr Leben bedeutet. Seit Jahren schenke ich allen Firmlingen immer ein Schaf als Plüschtier zur Erinnerung daran, dass sie nun voll zur Gemeinschaft der Kirche gehören.

Das trifft sich gut mit dem Bibeltext vom morgigen Sonntag aus dem 10. Kapitel des Johannesevangeliums, wo die Kirche immer wieder mit einer Schafherde verglichen wird, die letztlich nur einen Hirten hat, Jesus Christus. In der frühen Christenheit ist diese Symbolik weitverbreitet. Der abgebildete Jesus trägt ein
Schaf auf dem Rücken oder weidet eine Herde. Mir ist bewusst, dass das heute auf den ersten Blick nicht verständlich ist. Eigenverantwortliche und selbstbewusste Menschen wollen mit Recht nicht folgsame Schafe sein.

«Eigenverantwortliche und selbstbewusste Menschen wollen mit Recht nicht folgsame Schafe sein.»

Aber wenn wir uns die Bibel und das ganze 10. Kapitel im Johannesevangelium näher anschauen, stellt es sich differenzierter dar. Schafe kommen in der Bibel und bei Jesus – vom historischen Kontext der damaligen Landwirtschaft abgesehen – nicht vor, weil sie niedlich und dumm sind, sondern weil sie als friedvoll und gewaltlos gelten.

«Schafe kommen in der Bibel und bei Jesus nicht vor, weil sie niedlich und dumm sind, sondern weil sie als friedvoll und gewaltlos gelten.»

In diesem Sinne besagt das Bild von der Kirche als Schafherde, dass die Christen und Christinnen friedvoll und gewaltlos miteinander und mit der Welt umgehen und auch untereinander wegen ihres gemeinsamen Glaubens eine gute Gemeinschaft bilden und miteinander pflegen sollen. Und der eigentliche letztendliche Hirte dieser Herde bzw. der Kirche ist nur Gott bzw. Jesus Christus selbst und nicht stellvertretend der Papst, der Bischof oder der Pfarrer und die Pfarrerin. Deshalb hat sich unsere Kirche nach ihrer Entstehung bewusst christkatholisch genannt. Christus ist das Haupt seiner Kirche. Gott ist mein Hirte, so beginnt auch der bekannte Psalm 23.

So gesehen ist Kirche vor allem Gemeinschaft. Daher wurden und werden Gottesdienste, Versammlungen, Religionsunterricht, Seelsorge in der Corona-Krise stark vermisst. Zugleich hat es mich freudig überrascht, wie Laien und Geistliche in allen Kirchen über Nacht neue Gemeinschaftsformen aus dem Boden gestampft haben, die zur gleichen Zeit zu Hause Kerzen anzünden und beten, einander anrufen, Risikogruppen beim Einkaufen helfen und finanziell in Not Geratene unterstützen. Ihre spirituelle Kraft wurde gestärkt, weil sie auch in dieser schwierigen Zeit die Gemeinschaft pflegen und vor allem ihr Hirte Jesus Christus sie nicht im Stich lässt. Die Kirche lebt. Das Gebet kehrt in die Häuser zurück, wo die Kirche entstanden ist.