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US-PräsidentschaftswahlenBidens Latino-Problem macht die Demokraten nervös

Gewöhnlich stimmt eine grosse Mehrheit der US-Latinos für die Demokraten. Doch diesmal ist der Vorsprung ihres Bewerbers geringer als auch schon. Woran liegt das?

Will bei Latinos aufholen: Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden vor dem Abflug an einen Wahlkampfanlass in Florida.
Will bei Latinos aufholen: Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden vor dem Abflug an einen Wahlkampfanlass in Florida.
Foto: Reuters

Vielleicht hängt der Ausgang der Präsidentschaftswahl im Swing State Florida ja tatsächlich von zwei Männern ab: einem schwulen Influencer aus Kuba, der Werbung für Donald Trump macht. Und einem Rapper aus Puerto Rico, der gegen Donald Trump vom Leder zieht.

Der Kampf um Florida, den der US-Präsident und sein demokratischer Gegner Joe Biden austragen, ist in diesem Wahljahr noch mehr als sonst ein Kampf um die Latinos. Sie könnten dort bis zu einem Fünftel der Wähler stellen. Gewöhnlich stimmt eine Mehrheit der Latinos für die Demokraten, daran dürfte sich auch diesen November nichts ändern.

Doch in Bidens Lager steigt die Nervosität darüber, dass der Vorsprung des 77-Jährigen gegenüber Trump bei diesen Wählern kleiner ist, als erwartet. Das ist nicht nur, aber insbesondere in Florida der Fall, wo oft wenige Tausend Stimmen über eine Wahl entscheiden.

Die Rolle der Exil-Kubaner

Das hat viel damit zu tun, dass die Latinos in dem Bundesstaat politisch ganz unterschiedlich ticken. Die grösste Gruppe sind die Einwanderer mit kubanischen Wurzeln, die vor dem sozialistischen Castro-Regime geflüchtet sind. Die Älteren unter ihnen wählen traditionell die Republikaner. Die jüngeren Kubaner unterstützten dagegen zuletzt zunehmend die Demokraten – zumindest bis vor kurzem.

Hier kommt der Influencer ins Spiel: Alex Otaola wanderte aus Kuba nach Miami ein. Dort wurde er mit spanischsprachigen Videos über kubanische Promis zum Youtube-Star mit Hunderttausenden Fans. Otaola wandelte sich vom Befürworter Barack Obamas zum flammenden Unterstützer Donald Trumps und begründete das mit dem Aufstieg der linken Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez zum Star der Demokraten.

Was die Partei heute anstrebe, sei nichts anderes als der Sozialismus, vor dem er aus Kuba geflüchtet sei, behauptet Otaola. Trump stehe dagegen für Wohlstand und Erfolg, auch wenn er manchmal «die falschen Dinge» sage.

Die Antwort der Demokraten

Nach Ansicht von örtlichen Parteistrategen hat Otaolas Wort bei jungen Kubanern, die in den USA wahlberechtigt sind, viel Gewicht: Er werde Trump Zehntausende zusätzliche Stimmen in Florida einbringen, schätzt der demokratische Berater Carlos Odio. Otaola erreiche Wähler, die den Parteien mit ihren üblichen Wahlkampfmethoden durch das Netz gingen.

Die Antwort der Demokraten auf den Influencer heisst mit bürgerlichem Namen Benito Antonio Martínez Ocasio, besser bekannt als Bad Bunny. Der Rapper aus Puerto Rico ist nochmals einiges erfolgreicher als Otaola.

Er ist derzeit mit seinem Lied «Pero Ya No» («Aber jetzt nicht mehr») in einem Wahlkampfspot für Joe Biden zu sehen. Es geht darin um enttäuschte Liebe, und Bidens Wahlkampfteam hat das Video mit dem Hashtag #BreakWithTrump versehen – mach Schluss mit Trump. Im Spot sieht man unter anderem Bilder von festgehaltenen Migranten an der US-Südgrenze.

Im Stich gelassen

Die Einwanderer aus Puerto Rico sind die andere grosse Latino-Gruppe in Florida, und sie sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen: Nachdem der Hurrikan Maria 2017 Zerstörung über die Insel gebracht hatte, siedelten Zehntausende Puerto Ricaner in den Bundesstaat über, wo sie das Wahlrecht haben. Die Demokraten gehen davon aus, dass die meisten dieser Menschen überwiegend Biden wählen würden, auch weil sich bei der Bewältigung des Sturms viele in Puerto Rico von Trumps Regierung im Stich gelassen fühlen.

Bidens Problem ist jedoch, dass viele Latinos womöglich überhaupt nicht zur Wahl gehen werden, nicht nur in Florida, sondern überall in den USA. Nach einer Erhebung des Voter Participation Center sagen weniger als 60 Prozent der Latinos, dass sie im November bestimmt an der Wahl teilnehmen wollen – was erstaunen mag angesichts eines Präsidenten, der über Migranten aus Lateinamerika schimpft, eine harte Einwanderungspolitik verfolgt und papierlose Einwanderer vermehrt abschieben lässt.

Die Organisation Voto Latino, die den Demokraten nahesteht, führt dies auf «geringe Begeisterung» für Joe Biden zurück. Während der frühere Vizepräsident bei schwarzen Wählern beliebt und bekannt sei, wüssten viele Latinos nicht viel über ihn – und seien von seinem Wahlkampfteam auch noch gar nie kontaktiert worden.

Schlachtfeld Florida

Die geringe Begeisterung schlägt sich in anderen Umfragen nieder: Nach einer Rechnung von CNN beträgt der Vorsprung des Demokraten auf Trump bei den Latinos über alle Umfragen gesehen 28 Prozentpunkte. Bei Hillary Clinton waren es vor vier Jahren 37 Prozentpunkte gewesen. In Florida trennen Biden und Trump bei den Latinos nur gerade 3 Prozentpunkte.

Für die Nervosität in Bidens Lager gibt es also gute Gründe. In den Medien reden demokratische Politiker inzwischen offen von «Bidens Latino-Problem». Sein Wahlkampfteam hat nun damit begonnen, vermehrt spanischsprachige Werbespots zu schalten – später als Trumps Team. Der Milliardär Mike Bloomberg hat angekündigt, 100 Millionen Dollar in den Wahlkampf der Demokraten in Florida zu stecken.

Und Biden selbst reiste am Dienstag nach Florida, um sich mit Latinos zu treffen – das erste Mal seit einem halben Jahr.