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Der trostlose Held auf dem Plakat

Stefan von Bergen schaut in die Vergangenheit, um heute besser durchzublicken.

Vor fünfzig Jahren starb der Berufsrevolutionär Ernesto «Che» Guevara einen trostlosen Tod. Mit seinen letzten vierzehn Getreuen floh er im Hochland von Bolivien vor der Armee. Hinzu kam, dass sich die lokale Bevölkerung nicht von Ches Guerillatrüppchen befreien lassen wollte. Am 9. Oktober 1967 wurde er in einem Kaff in den Anden vom Militär gefangen und ohne Prozess erschossen.

Zwanzig Jahre später, als ich im letzten Jahrzehnt des Kalten Kriegs in Bern studierte, hatte der Che – auf dem legendären Plakatbild – an den Wänden vieler Studenten-WGs die Deutungshoheit inne. Ich war beeindruckt. In diesen WGs wohnten offenbar aufmüpfige Geister.

Eines verstand ich allerdings nicht: Wie konnte man sich einen Stalin-Bewunderer, der die meisten Projekte seines Lebens in den Sand setzte, zum Vorbild nehmen? Che Guevara war zwar 1959 mit Fidel Castro an der Spitze der kubanischen Revolution in Havanna ein­marschiert. Dann aber pro­bierte er als militanter Entwicklungshelfer das kubanische Volksbefreiungsmodell erfolglos in Afrika und Bolivien aus.

Erst später wurde mir klar: Das Leben des Che und sein Abbild auf dem Plakat in den WGs klafften auseinander. Mit seinem frühen Tod mit 39 Jahren begann sein triumphaler Aufstieg zur weltberühmten Ikone – auf dem Foto des kubanischen Fotografen Alberto Korda, das Andy Warhol später zur Pop-Art-Affiche umgestaltete.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: In den WGs hing natürlich die Pop-Art-Version des Che. Der heroische Gue­rillero wurde als Kunstobjekt verehrt – und von den WG-Bewohnerinnen als Sexsymbol. Nachdem 1989 zuerst mein Studium und wenige Monate später auch die Ära des Sozialismus ein Ende fanden, verschwand der Che aus den WGs. Überlebt hat er bis heute als eines der häufigsten T-Shirt-Sujets.

Ich kenne nur einen Menschen, der den Che noch heute für einen Helden und den kubanischen Sozialismus für einen Erfolg hält: Jean Ziegler, 83-jähriger Berufsrevolutionär aus Genf. Stolz erzählte er mir, er habe den Che 1964 in Genf während eines Kongresses herumchauffiert. Gern zitiert Ziegler den Che-Ausspruch «Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse» – und verschweigt, dass der Che scheiterte, weil er Revolutionen anzettelte, die keiner wollte.

Erfolglos versuchte ich Ziegler zu erklären, dass ein Re­voluzzer heute erst mal auf Social Media abchecken würde, ob seine Revolution mit genug Followern rechnen könnte.

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