Von Männern und Memmen

Gregor Poletti sieht rot beim Gejammer vieler Männer.

Gregor Poletti@tamedia

Wie umgarnt man eine Frau, ohne eine Anzeige beziehungsweise Anprangerung zu riskieren? Stellvertretend für viele wirft ein Leser im «Blick» diese Frage auf. Verunsichert durch die Vorkommnisse um den amerikanischen Filmproduzenten Weinstein, die Aktion #metoo und die Entgleisung des CVP-Nationalrates Yannick Buttet, bittet er um einen Leitfaden. Andere aufgeschreckte Zeitgenossen befürchten gar, dass nun wohl jedes Kompliment für schöne Kleider als sexuelle Belästigung umgedeutet wird.

Tatsächlich erkennen viele Männer nicht, ob eine Frau auf sie steht. Dies hat eine wissenschaftliche Studie nachgewiesen. Das heisst aber noch lange nicht, dass der Annäherungsprozess an das weibliche Geschlecht deshalb ruppig und aufdringlich ausfallen muss – nur weil die Männer nicht richtig einschätzen können, ob sie beim Gegenüber landen können oder nicht. Bei einem Adoleszenten ist es nachvollziehbar, dass er die Grenzen nicht immer so genau einschätzen kann und auf klare Ansagen sowie ab und zu auf eine Zurechtweisung angewiesen ist.

Ein normal sozialisierter Mann weiss genau, wann er eine Grenzüberschreitung begeht – sei dies mit anzüglichen Bemerkungen oder provoziertem Körperkontakt. Er mag das als nicht so schlimm taxieren und sich über angeblich hysterische Reaktionen beschweren. Aber er weiss haargenau, dass er eine Gesellschaftsnorm verletzt hat.

Wenn er die Existenz dieser roten Linie negiert, dann leidet er an einer ernsthaften psychischen Erkrankung und gehört in Behandlung. Nicht akzeptabel ist, wenn Täter wie Buttet einen zu hohen Alkoholkonsum vorschieben. Dieser mag zwar tatsächlich enthemmend wirken, verstärkt aber nur den vorhandenen Charakter und macht nicht aus einem eigentlich zuvorkommenden Gentleman einen aufdringlichen Grüsel.

Deshalb gibt es auch keinen Leitfaden, wie man sich Frauen gegenüber korrekt verhalten kann, ohne gleich der sexuellen Belästigung bezichtigt zu werden. Männer, die nach einem solchen schreien, sind entweder bemitleidenswerte Memmen. Oder schlicht nicht bereit, auf ihre Machtspielchen und Demütigungen auf Kosten der Frauen zu verzichten.

Also, liebe Männer, entspannt euch, und wenn euch ums Flirten und Anbandeln ist, dann macht das. Ich zumindest habe noch keine Frau erlebt, die sich über ein schönes und ehrliches Kompliment ärgert oder sich sexuell belästigt fühlt, wenn man sie umgarnt – das Zauberwort heisst Charme.

Berner Zeitung

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