Alles ganz normal

Martin Burkhalter holt zum Jahresende ein Versäumnis nach.

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Ich habe die Ehre, die letzte Kolumne für dieses Jahr zu schreiben. Ich dachte mir deshalb: Lassen wir es etwas persönlicher werden und holen ein Versäumnis nach. Ich sass am Ende des Tresens in einer Weinbar mit einem modern-rustikalen Interieur. Sie, keine 20 Jahre alt, die Haare schneewittchenschwarz, Augen wie schwarze Sterne, die Lippen blutrot, die Haut weiss wie Alabaster. Sie sass an einem hölzernen runden Tisch in der Ecke. Ein Glas Rotwein vor sich.

Sie weinte. Dicke bauchige Tropfen, wie von tauenden Eiszapfen fielen auf das dunkle Holz des Tisches. Wow, dachte ich und wurde auch ein bisschen wehmütig. Das muss Liebeskummer sein. Ein herrlich jugendlicher, zerstörerischer, ungezähmter Liebeskummer.

Ich bin kein Mensch, der zu weinenden jungen Frauen hingeht und sie tröstet. Und sowieso ist nichts schlimmer in solchen Momenten, als gut gemeinte Ratschläge. Ich bezahlte und ging. Als ich dann im Bus sass, bereute ich, nichts gesagt zu haben. Die schneebedeckten Hänge des Emmentals zogen am Fenster vorbei und ich erinnerte mich. An damals.

Auch ich hatte dieses Leiden mal. Wie alle. Auch ich habe geweint damals. Wochenlang. Niemand verstand mich. Ich dachte, ich sei falsch. Ein Fehler. Aus der Welt gefallen. Ich weinte so lange, bis ich fand, dass es genug sei, ich mir professionelle Hilfe suchte. Ich vereinbarte einen Termin bei einer Psychologin.

Eine Woche in der Hölle musste ich warten. Dann nochmals zwanzig Minuten im Wartezimmer. Dann gings schnell. Fein säuberlich hatte ich auf fünf A4-Seiten meinem Schmerz pathetischen Ausdruck verliehen. Meine Gefühle wie mit Skalpell aus mir herausgeschnitten und sie in schöne Sätze gegossen. Präzise ausformulierter Schmerz, wie mit Blut geschrieben. Die wichtigsten zwanzig Sätze hatte ich mit einem Leuchtstift markiert. Die Frau bat mich, sie vorzulesen.

Als ich nach zwei Minuten fertig war, schaute ich hoffnungsvoll auf. Sie sass mit übereinandergeschlagenen Beinen da und blickte mich etwas ratlos an. «Aber», sagte sie. Dann eine Pause. «Aber, das ist doch alles ganz normal.»

Fünf Minuten später sass ich frustriert im Bus und war schon dabei auszurechnen, was mich diese zehn Minuten wohl kosten werden, bis ich merkte, dass es mir besser ging. Dass ich geheilt war.

Wenn es etwas gibt, was ich euch und der weinenden jungen Frau ins neue Jahr mitgeben möchte, dann ist es vielleicht das: Wie unverstanden und falsch man sich auch fühlen mag – keine Panik. Wahrscheinlich ist das alles ganz normal. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.12.2017, 20:38 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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Letztens wagte ich mich in ein Tearoom. Mehr...

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