Grimmiger Streit um Tannenbaum

Peter Meier klopft ­der Politik auf die Finger.

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Von wegen stille Nacht! Mal ehrlich: Wie oft haben Sie über die Weihnachtstage im trauten Kreis der Familie gestritten? Ist ja auch nicht verwunderlich: der Stress, die Hektik, die Erwartung, die überdrehten Kinder, die bucklige Verwandtschaft, die man sich nicht aussuchen kann, der Alkohol. Jeder kennt die hochexplosive Mischung. Ein falsches Wort, ein schiefer Blick – schon fliegen die Fetzen.

Fest der Liebe? Pah! Liest man die einschlägige Statistik, dann ist Weihnachten in manch einer Stube eher ein Fest der Hiebe. Auch dieses Jahr musste die Polizei schweizweit Dutzende Male ausrücken, weil der innerfamiliäre Zwist eskalierte und in tätlichen Auseinandersetzungen endete.

Ganz so weit kam es bei uns zwar nicht. Aber das obligate Absingen besinnlichen Liedguts sorgte schon für gröbere Dissonanzen. Konkret: Beim Intonieren von «O Tannenbaum» spaltete sich die Verwandtschaft in verfeindete Lager. Grimmig wurde um den korrekten Wortlaut der ersten Textzeile gestritten, die sich zu Beginn jeder Strophe wiederholt. Schöne Bescherung!

Die eine Fraktion schmetterte: «O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie neu sind deine Blätter.» Die andere bestand darauf, dass es richtig heisst: «...wie treu sind deine Blätter». Jedes Lager verhöhnte das andere und lieferte eine Begründung, warum die eigene Version zweifelsfrei die richtige sei. Es heisse «neu», behaupteten die einen, weil die immergrünen Nadeln ja stets wie neu aussähen, im Sommer wie im Winter. «Treu» heisse es, beharrten lauthals die andern, weil die Nadeln nicht ausfielen und damit eben ihre Treue bewiesen. Jemand warf noch die Kompromissvariante «...wie schön sind deine Blätter» in die Runde, wurde vom Rest aber gnadenlos niedergebuht.

Ich hatte keine Ahnung, wer recht hat. Ich kann mir Liedtexte nicht merken, singen schon gar nicht. Ich bin eher der Typ Play-back und bewege unter Beobachtung höchstens die Lippen. Für mich klang beides irgendwie einleuchtend. Also googelte ich den Text – und siehe da: Es heisst tatsächlich «. . . wie treu sind deine Blätter». Warum auch immer.

Siegesgeheul hier, kleinlautes Murren dort, schliesslich Zusammenraufen, gemeinsames Anstossen. Eigentlich alles wie in der Politik. Und auch in Abstimmungskämpfen gilt ja: Glaube nie unbesehen den Interpreten – lieber den Vorlagentext selber lesen. In diesem Sinne, liebe Leserinnen und Leser: Rutschen Sie gut ins Politjahr 2018!

Das ist die letzte Folge der «Echt jetzt?»-Kolumnen, in denen sich Lucie Machac, Stefan von Bergen, Gregor Poletti, Andreas Saurer und Peter Meier im zu Ende gehenden Jahr mit Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen befassten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.12.2017, 12:06 Uhr

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es in den «Echt jetzt?»-Kolumnen von Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti, Andreas Saurer und Lucie Machac.

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