«Isch es rächt?»

Was am Besuch eines Gault-Millau-Gastrotempels nervt. Und wieso der Big Mac auf dem Heimweg schlicht unverzichtbar ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Kunde ist König. Schon klar. Doch wenn dieses Credo von Angestellten in Edelrestaurants mit einer dermassen ausgeprägten Unterwürfigkeit inszeniert wird, dann irritiert mich das.

Schon bei meiner Ankunft herrscht beim dienenden ­Personal ein Freudentaumel wie in einem Kreissaal unmittelbar nach der Geburt. Dass mir als Gast zur Begrüssung nicht gleich noch die Füsse gewaschen werden, verwundert. ­Wäre ich verpflichtet, den ganzen Tag so übermässig freundlich zu interagieren, müsste ich mich abends in einem stickigen Keller im Ultimate Fighting ­duellieren, um mein inneres Gleichgewicht wiederzu­erlangen.

Dann beim Essen: «I wett öich no grad säge, was dir ­ässet», zwitschert die Servicefachkraft und zeigt mit gespreiztem kleinen Finger auf die jeweilige Zutat auf dem ­Teller: «Aso, hie hätte mir äs Lammkarree i fermentiertem Rotkohlsaft ufemne Kirsch­tomate-Quinoa-Bett, begleitet vomne Rande-Apfel-Chutney.»

Dass mir als Gast des Edelrestaurants zur Begrüssung nicht gleich noch die Füsse gewaschen werden, verwundert.

Wie würde das wohl in einer Dorfbeiz mit währschafter ­Küche klingen? Wahrscheinlich so: «Vorewäg hei mir ä grüene Blattsalat mitere Fertigsoose usem Volg. Drzue Schwiins­gschnätzlets anere Rahmsoose u gsalzni Pommfritt us dr Frittööse. Als Biilag dreierlei Gmües vo Ärbsli, Rüebli u Bluemechööhli.»

Ist im «Gault Millau»­-Tempel dann tatsächlich einmal etwas so richtig lecker, etwa ein Filet mignon vom Kobe-Rind, so ist dieses in zwei Bissen vertilgt. Teuer ist es trotzdem, denn das edle Stück Fleisch wurde ja ­offenbar in einem Barrique-Fass gelagert und von Delfin­gesängen beschallt.

Dazwischen immer wieder: «Isch es rächt?» – «Darf ig öich no chli nacheschänke?» – «Darf ig dr nächscht Gang scho bringe?» Die Teller werden mit einer ­Behutsamkeit vor mir ­abgestellt, als wärs eine der zehn Gebots­tafeln.

Zum Schluss gibts die gesalzene Rechnung: 147 Franken pro Person. Nicht eingerechnet ist die Sättigungsbeilage von 6.50 Franken für den Big Mac auf dem Nachhauseweg. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2018, 16:20 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Simone Lippuner und Sandra ­Rutschi teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und ­grossen Beobachtungen. Alle ­Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch

Artikel zum Thema

Die Gang

Wie Biel von der Gangsterstadt zum Kinderparadies wurde. Mehr...

Die Irren vom Balkon

Die ungebetenen Gäste auf dem Balkon unserer Autorin werden immer verrückter. Mehr...

Black Friday

Was ein Besuch im Nachtclub mit einem Tag an der Börse gemein hat. Mehr...

Dossiers

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Light Abo.

Das Thuner Tagblatt digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home So richten Sie geschickter ein

Tingler Neuer Name, neues Glück

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...