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Rammstein im Feierabend-Zügli

Wenn im Wankdorf plötzlich zwei Fürsten der Finsternis den Zugwaggon betreten, erwachen die Pendler umgehend aus dem Wachkoma – beste Unterhaltung für unseren Redaktor.

Das abendliche Pendeln im Zug ist ein Reisen unter Wachkomapatienten. Nix passiert, kein Wort fällt. Es ist ein Heimkehren im Vakuum. Letzthin aber, da bekam ich beste Unterhaltung geboten.

Beim Wankdorf steigt ein Pärchen ein. Er: glasiger Blick, schwarzes Shirt einer Band, die sich nebenberuflich für den Opferkult der Azteken zu interessieren scheint. Sie: viel Metall im Gesicht, Pullover mit grossem Pentagramm und 666-Symbol. Mit dabei: ein 24er-Gascho mit Anker-Bier und ein Musikböxli, aus dem Rammstein dröhnen.

Die zwei machen sich am Boden breit. Sofort durchbricht das Duo infernale die behäbige Stille. Ihre übermässig laute Konversation ist von Missverständnissen geprägt. Ob das am Alkoholpegel liegt oder am laut aufgedrehten Sound, ist nicht klar eruierbar.

Nach 10 Minuten erhebt sich ein Mann von seinem Platz. Typ Bürogummi, Scheisstag gehabt, dringend Ruhe nötig. Er schreitet auf die beiden zu mit einer Mir-kommt-keiner-blöd-Attitüde.

Die pochende Schläfe und der starre Blick lassen darauf schliessen, dass sich da jetzt einer einbringt, der nicht die «Gspürsch mi»-Schiene fährt. Und so ist es auch. Mit einem beherzten Tritt kickt er das Musikböxli um.

«Was zum… Schliifts?!», röhrt es vom Boden herauf. «Den Lärm will hier niemand hören», schnaubt der Hobby-Sheriff und reiht sich wieder in die Pendlerschaft ein. «Ausserdem kenne ich Rammstein wahrscheinlich besser als ihr», schickt er hinterher.

Der Typ mit dem Azteken-Shirt mault etwas von wegen «Abteil wechseln, wenns dir nicht passt». Der Freundin wirds indes zu viel, sie dreht den Regler runter – zum Missfallen ihres Begleiters. Doch dessen Widerstand hält nur zwei Haltestellen, dann pennt er auf dem Bier-Gascho ein.

Irgendwo im Aaretal weckt die Fürstin der Finsternis ihren Begleiter unsanft. Zeit, auszusteigen. Kaum auf dem Perron, dreht die junge Frau demonstrativ den Regler an den Anschlag.

Rammstein singen jetzt über einen Kannibalen. «Du bist, was du isst», hallt es durch den Bahnhof. Ein paar Rentner bringen sich in Sicherheit. Derweil ruckeln die Pendler weiter Richtung Oberland – im gewohnten Stand-by-Modus.

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