Anpacken auf dem Abfallsammelhof

Wünsch dir was

Ein paar Stunden auf dem Abfallsammelhof in Thun mitarbeiten. Das «Forum» half mit, diesen Wunsch von Leserin Doris Hunziker zu erfüllen.

Und weg damit! «Forum»-Leserin Doris Hunziker bei der Arbeit auf dem Abfallsammelhof Thun. Fotos: Adrian Moser

Und weg damit! «Forum»-Leserin Doris Hunziker bei der Arbeit auf dem Abfallsammelhof Thun. Fotos: Adrian Moser

«Wohin mit diesen Kabeln?», fragt Doris Hunziker. Hofwart Jürg Hadorn zeigt auf eine hölzerne Mulde. Keine Zeigerumdrehung später hilft die «Forum»-Leserin einer Frau beim Entladen des mit Karton und Papier gefüllten Kofferraums. Das Auto fährt weg und macht dem nächsten Platz, bis unters Dach gefüllt mit Holz und Elektromüll.

Pro Tag fahren auf dem Abfallsammelhof Thun über 250 Autos ein und aus. Und jedes Jahr werden es mehr. Die Wegwerfgesellschaft lässt grüssen. Die Leute entladen Eisen, Gips, Zement, Holz, Papier, Karton, Bauschutt, elektronische Geräte, Chemikalien und vieles mehr. Mittendrin packt heute Doris Hunziker mit an. Für die 54-jährige Thunerin geht damit ein Wunsch in Erfülllung.

Die freundlichen Mitarbeiter

«Als wir vor fünf Jahren umgezogen sind, hat meine Frau oft den anfallenden Grossabfall direkt zum Abfallsammelhof der Stadt Thun gebracht. Sie hat jedes Mal über die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Unterstützung der dort arbeitenden Mitarbeiter(innen) gestaunt – und mir danach gesagt, dass sie dort gerne einmal ein paar Stunden mithelfen würde.

Auch heute noch, reisst sie sich jeweils um den Auftrag, wenn es darum geht, etwas Grösseres zu entsorgen.» Das schrieb Jean-Luc Hunziker in seinem Mail an die Redaktion. Das «Forum» kontaktierte in der Folge das Tiefbauamt der Stadt Thun. Hier war man angetan vom Wunsch – und bereit, diesen zu erfüllen.

«Die Arbeit ist hart. Ich bin kaputt.»Doris Hunziker

An einem Mittwochnachmittag ist es schliesslich so weit. Kurz vor halb zwei wird Doris Hunziker von Rachel Neuenschwander, Abfallberaterin der Stadt Thun, empfangen. Noch ein paar Minuten, dann öffnet der Abfallsammelhof. Erste Autos stehen bereits Schlange. Es bleibt gerade noch genug Zeit, die beiden Hofwarte, Jürg Hadorn und Christian Siegenthaler, kennen zu lernen.

Dann kann sich die Spitexmitarbeiterin im Materiallager passende Handschuhe aussuchen. Und sie erhält eine orange Leuchtweste, damit sie von den Kunden auch als Mitarbeiterin wahrgenommen wird. Aller Anfang ist schwer? Von wegen. Doris Hunziker braucht keine Anlaufzeit, legt sogleich selber Hand an. Nach einer halben Stunde wird sie befragt nach ihrem Empfinden.

Teamwork: Doris Hunziker und Hofwart Jürg Hadorn.

Die Antwort: «Wann kann ich anfangen?» Begleitet wird die «Forum»-Leserin von Jürg Hadorn, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. So weist er sie darauf hin, den Abfall möglichst vom Körper weg zu tragen. «Es kann Nägel im Holz haben oder Glasscherben in Plastiksäcken. Wir wollen die Gefahr möglichst gering halten.»

Und weiter: «Jede einzelne Schachtel, jeden einzelnen Behälter müssen wir öffnen und durchsuchen.» Christian Siegenthaler, der heute für die Kasse zuständig ist, erinnert sich an einen Fall, als ein Mann 14,5 Kilogramm Sprengstoff in einem Plastiksack entsorgen wollte.

Ohne viele Worte

Die freundlichen, hilfsbereiten und unterstützenden Mitarbeiter, von denen Doris Hunziker ihrem Mann vorgeschwärmt hatte, sind neben den beiden Hofwarten Männer und Frauen vom städtischen Arbeitseinsatzprogramm. Schweizer, Türken, Italiener oder Kosovaren arbeiten hier Hand in Hand.

Sofort im Element: Die «Forum»-Leserin braucht keine Anlaufzeit.

«Verschiedene Nationen, verschiedene Sprachen – und trotzdem versteht man sich hier irgendwie. Es ist ein Kommen und Gehen ohne viele Worte. Das fasziniert mich», sagt die zweifache Mutter – und öffnet den nächsten Kofferraum.

Dann neigt sich der «Schnuppertag» auch schon dem Ende zu. Zeit für ein Fazit: «Es war sehr spannend, die vielen Fragen, die mir beantwortet wurden, der Blick hinter die Kulissen, ja sogar das Wetter hat mitgespielt.» Auch Jürg Hadorn hat nur lobende Worte für die Frau. «Sie hat sehr gut mitgearbeitet.»

Wann kann Doris Hunziker also auf dem Abfallsammelhof eine Stelle antreten? Oder war die Antwort zu Beginn vielleicht doch etwas voreilig? «Es war unglaublich anstrengend. Die Arbeit ist hart. Ich bin kaputt.» Kein Wunder, trotz relativ kurzen Distanzen legen die Mitarbeiter täglich zehn bis zwölf Kilometer zurück – und tragen dabei viele Kilogramm Abfall durch die Gegend.

«Umso grösser meine Bewunderung für die Mitarbeitenden, die dennoch immer freundlich ihre Arbeit verrichten.» Ja, Doris Hunziker wird sich auch in Zukunft darum reissen, wenn etwas Grösseres auf dem Abfallsammelhof entsorgt werden muss.

Haben auch Sie einen Wunsch? Dann melden Sie sich! Per Mail an redaktion@bernerzeitung.ch (Vermerk: Wünsch dir was)

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt