Der kugelsichere Senior

Mein Hobby

95 Jahre alt und kein bisschen müde: Einmal pro Woche trifft sich Erwin Wenger aus Ostermundigen mit seinen Klubkollegen im Löwen in Worb zum Kegeln.

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Erwin Wenger greift nach einer rund vier Kilogramm schweren Kugel aus Holz, positioniert sich vor der Kegelbahn, visiert die neun Kegel rund zwanzig Meter vor ihm an, geht leicht in die Knie, holt zum Wurf aus – und führt ihn aus, indem er die Kugel möglichst sanft aus der Hand gleiten lässt.

Mit etwas über zehn Stundenkilometern rollt sie nach vorne und trifft die Kegel idealerweise so, dass sie allesamt umfallen. Ist dies – ein sogenanntes Babeli – geschafft, schellt ein Klubmitglied mit der kleinen Glocke auf dem Tisch hinter der Kegelbahn, Mit- und Gegenspieler applaudieren. Und der erfolgreiche Kegler muss 20 Rappen in die Vereinskasse zahlen. So will es die Tradition im Berner Kegelklub Haruus. Beim ersten Versuch muss Erwin Wenger das Portemonnaie noch nicht zücken.

Vom Neuling zum Präsidenten

Eine Stunde vorher in der Gaststube des Löwen in Worb. Allmählich trudeln die Kegelfreunde ein. Zusammen mit Kassier Willy Weber auch Erwin Wenger. Beide wohnen sie in Ostermundigen. Einer nach dem anderen nimmt am Stammtisch Platz. Man trinkt etwas, tauscht sich aus.

Seit einem halben Jahr geniesst der 103-jährige Berner Klub hier Gastrecht. Zuletzt musste gar oft der Standort gewechselt werden. «Immer mehr Kegelbahnen verschwinden von der Bildfläche», begründet Wenger. 14 aktive Mitglieder zählt der Klub. Scheidet jemand aus, rückt ein neues Mitglied nach. Wie 2003 Erwin Wenger.

«Ob einer kegeln kann oder nicht, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass er als Mensch zu uns passt.»Ekkehard Dreher, Präsident Kegelklub Haruus

«Cheglä wär doch ono öppis für di», findet François Diebold, damals ein aktives Haruus-Mitglied und ein Bekannter Wengers. Obwohl er vorher noch nie gekegelt hat, schaut der ehemalige Vizedirektor der Jacobs Suchard Tobler AG beim Klub vorbei, spielt mit. Nach dem dritten Abend muss er vor die Tür treten, während drinnen über die Aufnahme des Neuen abgestimmt wird.

Nur wenn sich alle einig sind, wird ein neues Mitglied akzeptiert. «Ob einer kegeln kann oder nicht, spielt keine Rolle, wichtig ist, dass er als Mensch zu uns passt», erklärt Haruus-Präsident Ekkehard Dreher. Das ist beim damals bereits 80-jährigen Erwin Wenger der Fall. Aber auch sein Spiel weiss zu überzeugen.

«Meine Koordinationsfähigkeiten waren, glaub ich, ganz gut, die hatte ich mir beim Bocciaspielen in Italien und beim Curlen in Wengen angeeignet. Im Berner Oberland amtete Wenger 1947 als Pressesekretär für die Skimeisterschaften. Dafür opferte er seine Ferien. Lohn erhielt er keinen. Und auch keine Spesenvergütung. 

«Ich fuhr mit dem Velo von Bern nach Lauterbrunnen – und lief dann nach Wengen hoch, den Zug konnte ich mir nicht leisten.» Immerhin war für eine Unterkunft gesorgt.

«Wenn ich die Sicherheit verliere, höre ich von einer Woche auf die andere auf.» Erwin Wenger

Doch zurück zum Kegeln: Das neue Haruus-Mitglied startet sogleich durch. 2004 und 2005 gewinnt Wenger das Auskegeln, sichert sich den Wanderpokal, was dazu führt, dass er 2005 und 2006 als Präsident amten «muss». So wollten es damals die Statuten. Heute ist das anders. Was immer noch gleich ist: Frauen können nur Passivmitglied werden, sind nur beim jährlichen Ausflug und beim Jahresessen «willkommen».

Zum Ehrenmitglied ernannt

Mit seinen 95 Jahren ist Erwin Wenger das älteste Klubmitglied – und wurde am 1. Januar zum Ehrenmitglied ernannt. Dafür wurden sogar die Statuten geändert. Eine Ehre, die so nicht einmal Alt-Bundesrat Rudolf Gnägi zuteil wurde, der in den 80er-Jahren dem Klub angehört hatte.

«Und Erwin spielt immer noch vorne mit», betonen seine Kollegen. Wenger winkt ab. Das sind ihm zu viel der Komplimente. Er gewinne zwar gerne, habe einen gesunden Ehrgeiz, aber keinen falschen. «Ob ich gut oder schlecht spiele, ist nebensächlich, aber wenn ich die Sicherheit verliere, höre ich von einer Woche auf die andere auf.»

Wenger, der im Jahrbuch des Klubs als liebenswürdiger Charakter mit legendärem Humor beschrieben ist, trägt gerne mal ein Gedicht vor. Auch heute hat er passend zur Rubrik dieses Artikels einen Vers parat: «Ein Hobby ist harte Arbeit, die niemand täte, wenn es ein Beruf wäre.»

Gelächter am Stammtisch. Erwin Wenger geniesst das gesellige Beisammensein. Seine Frau ist 1996 verstorben, 2011 auch seine langjährige Lebensgefährtin. Und so führt er seinen Haushalt nun allein – wenn auch mithilfe einer Putzfrau. Er schaut selber zum Garten, mäht den Rasen. Ist auch sonst sehr aktiv. Er geht mit Freunden jassen oder wandern. Trifft seine beiden Söhne. «Für diese Selbstständigkeit bin ich sehr dankbar», sagt er denn auch.

Die Glocke schellt

Nach einer halben Stunde wechselt die heute achtköpfige Gruppe vom Stammtisch auf die Kegelbahn nebenan. Mit Jasskarten werden zwei Teams ausgelost. Dann heisst es «Guet Houz!». Kaum rollt die erste Kugel über die Bahn, geht die Tür auf. «Der Junior ist da», freut sich die Gruppe. Während von den restlichen Klubmitgliedern alle zwischen 68 und 95 Jahre alt sind, ist Damien Stoffel gerade mal 27-jährig.

«Komm zu uns ins Team», wird um den Jungspund gefeilscht. Aber auch er wird zugelost. Alles muss seine Ordnung haben. Dazu gehört ebenfalls die Buchhaltung an der Wandtafel. Fein säuberlich werden alle Würfe eingetragen. Erwin Wenger startet durchschnittlich. Bis zum sechsten Versuch. Dann ist es so weit. Alle Kegel fallen. Ein Babeli. Die Glocke schellt, Wenger ist um 20 Rappen ärmer.

Berner Zeitung

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