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«Genial» oder «respektlos»?

Schräge Leserzuschriften vor Publikum vorlesen: Soll man das? Darf man das? Ja, finden manche Leserinnen und Leser. Doch es gibt auch Vorbehalte.

Die Idee stammt nicht von uns, sondern von deutschen Journalisten. Gut ist sie nach Ansicht von einigen Leserinnen und Lesern trotzdem: Zuschriften, die es aus moralischen, ethischen, juristischen oder was auch immer für Gründen nicht in die Zeitung geschafft haben, werden von Journalisten vor Publikum vorgelesen. Solche «Hate-Poetry-Slams» gibts bereits in Augsburg, Stuttgart und Berlin, wo sie sich laut Augenzeugen «wachsender Beliebtheit» erfreuen. «Brillant» nennt Thomas Aebersold aus Langenthal diese Möglichkeit, unpublizierbare Briefe trotz oder gerade wegen ihrer Schrägheit öffentlich zu verwerten. «Bitte, bitte organisiert so einen ‹Hate-Poetry-Slam›», schreibt er und schlägt vor, den Event im Chrämerhus in seiner Wohnstadt steigen zu lassen. Nach Langenthal hätte es auch Alfred Leuenberger nicht sehr weit. Der Huttwiler würde, «wenn irgendwie möglich», eine Leserbrieflesung besuchen, wie er mit lesbarer Vorfreude mailt. Auch Eva Glauser-Kleefeld aus Oberhofen wäre gerne mit von der Partie. Und der Entlebucher «Volksrocker» Willy Vogel möchte eine «Hate-Poetry» nicht als Zuhörer miterleben, sondern am liebsten gleich mitgestalten. «Wir stellen gerade ein Bühnenprogramm nach dem Motto ‹Lieder&Geschichten› zusammen», schreibt seine Partnerin Eveline Hari. «Wir könnten uns gut vorstellen, solche Leserbriefe in unsere Show zu integrieren. Es wäre super, wenn wir einen gemeinsamen Weg gehen könnten.» Nicht ganz so euphorisch reagiert auf unsere kleine Umfrage eine Leserin aus dem Oberaargau, die ihren Namen aus für die Redaktion nachvollziehbaren Gründen nicht in der Zeitung lesen will. «Ich finde das öffentliche Vorlesen von Leserbriefen keine gute Idee», teilt sie mit. Sie sei «überzeugt, dass die Mehrzahl der ‹skurrilen› Beiträge von Menschen verfasst wurde, die ein gestörtes Verhältnis zur Realität haben». Und «sich auf Kosten von psychisch gestörten Menschen lustig zu machen, ist respektlos», schreibt die Frau weiter. So oder so: Wir bleiben dran, sammeln weiterhin abseitige, grenzwertige, über die Stränge schlagende «Fanpost». Und selbstverständlich freuen wir uns auch über jeden Leserbrief zum Thema «Hate-Poetry-Slam».

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