«Schiefe Töne gehen gar nicht»

Meine Musik

Kathrin Dolder aus Kirchenthurnen spielt nicht nur ein, sondern gleich drei Instrumente: Querflöte, Piccolo und Drehorgel. Während sie den ersten beiden viel Zeit widmet, geht letzteres auch, ohne zu üben.

Wenn Kathrin Dolder an der Orgel dreht, sieht es spielend leicht aus. Video und Fotos: Nicole Philipp

Spielend leicht sieht es aus, wie Kathrin Dolder ihrer Mini-Drehorgel Töne entlockt. Ein freundliches Lachen auf dem Gesicht, ebenso freundlich die Melodie, die Dreh um Dreh erklingt. Rasch noch hat sich die 68-Jährige fürs Foto umgezogen. So macht ihre Kleidung die Show perfekt, der schwarze Hut, die stechend grüne Bluse, der bodenlange Rüschenrock. Beigebracht hat sie sich das Spielen selbst.

«Mit etwas Gefühl für die Musik lernt man das schnell», sagt sie und hängt der Journalistin die Orgel über die Schulter. Ganz so einfach ist es dann aber nicht. Mal im Schnelldurchlauf, mal im Schneckentempo, abwechslungsweise und stockend ertönt die Katzenmusik. Wer die Orgel spielt, macht eben doch einen Unterschied. Womöglich liegt es auch am Respekt vor der wertvollen Sonderanfertigung, dass man die Kurbel erst mal nicht ganz so schwungvoll betätigt.

Sind Drehorgeln sonst nur dank Fahrgestell transportabel, ist Kathrin Dolders Mini-Version gerade mal 5 Kilogramm schwer. Nur 100 Stück gebe es davon. «Faszinierend ist, dass sie fast gleich klingt wie eine grosse, bloss etwas leiser.» 5000 Franken kostet das Modell, das ein befreundeter Drehorgelbauer angefertigt hat. Nebst der Faszination für die technischen Finessen auf kleinstem Raum hatte es aber auch einen praktischen Grund, dass sie und ihr Mann sich das kleine Sondermodell geleistet haben.

Von dieser Mini-Drehorgel gibt es nur 100 Stück.

«Zwei grosse Drehorgeln passen fast nicht in unser Auto.» Gemeinsam fahren die beiden nämlich bereits seit mehr als 30 Jahren an Drehorgelfeste, oftmals nach Frankreich, etwa nach Dijon oder Lyon. Die Faszination begann an einer Hochzeit. Dort sorgte ein Drehorgelspieler für Unterhaltung. «Ich wollte schon immer mal in eine Drehorgel schauen, und dort habe ich mich endlich getraut zu fragen.»

Komplexe Mechanismen

Damit Kathrin Dolder das Innere ihrer Drehorgel zeigt, muss man aber gar nicht erst fragen. «Das ist doch wahnsinnig spannend, dass mit einem Dreh gleichzeitig so viele Mechanismen betätigt werden», sagt sie. Welcher Ton beziehungsweise welche der 20 Pfeifen erklingt, bestimmt das Lochband: eine Papierrolle, die sich beim Drehen bewegt. Jedes eingestanzte Loch darauf steht für einen Ton, jeder Abschnitt für ein Musikstück.

Die Versuchung

Während die Pfeifen aus Kunststoff kaum Pflege benötigen würden, seien die papierenen Rollen äusserst empfindlich, sagt Kathrin Dolder. «Wenn es anfängt zu regnen, werfe ich den Regenschutz lieber über die Orgel und werde selbst nass.» 60 Rollen haben sich bei der Familie Dolder in Kirchenthurnen über die Jahre angesammelt. «Jetzt haben wir uns aber einen Kaufstopp auferlegt», sagt sie und lacht.

Querflöte und Piccolo spielt Kathrin Dolder seit der Jugend.

Hin und wieder komme sie schon in Versuchung. Etwa als Kathrin Dolder an einem Festival von weitem den «Böhmischen Traum» hörte, ein Blaskapellenstück. Sie borgte sich die Rolle, wie es unter Drehorgelspielern so üblich ist, und spielte das Stück auf ihrer eigenen Orgel. Der Klang habe sie dann jedoch nicht überzeugt.

Lieber Musik als Sport

Kathrin Dolders Vorliebe für Blasmusik kommt nicht von ungefähr. Die heute 68-Jährige ist damit aufgewachsen. Vater und Grossvater spielten in der Musikgesellschaft. Dass sie dereinst in ihre Fussstapfen treten würde, verdankte sie ihrer Hartnäckigkeit. Die Querflöte wollte die Schülerin lernen. «Ich habe meine Eltern bekniet, mir eine zu kaufen.» Nicht dass diese grundsätzlich etwas dagegen gehabt hätten, es sei halt auch eine finanzielle Frage gewesen.

Als das kostbare Stück in ihrem Besitz war, nahm sie Stunden beim Lehrer. «Eine Musikschule gab es hier damals nicht.» Und trat als Achtklässlerin ebenfalls der Seftiger Musikgesellschaft bei. Als erste Querflötistin. «Damals hat man das kaum gespielt.» Der Leiter der Musik musste jedes Stück für sie umschreiben, da Klarinetten, Posaunen oder Trompeten auf B gestimmt sind, die Querflöte hingegen auf C. Mithalten mit den mehrheitlich älteren Männern in der Musik konnte Kathrin Dolder schnell. «Ich habe viel und gerne geübt.» Während ihre Geschwister im Turnverein aktiv waren, habe sie immer lieber Musik gemacht, als sich zu bewegen.

Das ist heute noch so. Querflöte und Piccolo übt Kathrin Dolder täglich eine halbe Stunde. Als Sport hingegen muss die Gartenarbeit reichen. Seit die beiden Töchter ausgezogen sind, hat sie nun mehr Platz für ihre Leidenschaft. Aus einem der Kinderzimmer wurde ihr Übungsraum. «Man lässt sie ja nur ungerne gehen, aber schliesslich muss man die Vorteile nutzen.» Üben tut die pensionierte Sachbearbeiterin nicht nur für sich. Sondern auch für die Auftritte mit der Gürbetaler Blaskapelle. «Zusammen spielen ist einfach schöner.»

Kaum mehr Festivals

Die Auftritte an den Drehorgelfestivals werden hingegen immer weniger. Noch ein, zwei Mal im Jahr. Nicht weil das Ehepaar Dolder es etwas ruhiger angehen möchte. «Es gibt leider immer weniger solche Feste.» Nach Visp und Burgdorf würden sie regelmässig gehen, jene in den meisten anderen Städten hätten aber zumindest in letzter Zeit nicht mehr stattgefunden. Warum dem so ist, darüber kann Kathrin Dolder nur rätseln.

Vielleicht wolle es niemand mehr organisieren. Für Geburtstage und Hochzeiten wird das Ehepaar jedoch regelmässig angefragt. Ein spezielles Programm möchten sie für einen solchen Auftritt einstudieren: ein Duett mit Querflöte und Drehorgel. Dafür müssten sie allerdings noch etwas üben. In solchen Dingen ist sie Perfektionistin. «Schiefe Töne gehen gar nicht.»

Berner Zeitung

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