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Die Predigt am WochenendeCartoon mit besten Segenswünschen

Pfarrer Michael Stähli aus Köniz schickt seinen Konfirmandinnen und Konfirmanden eine Karte. Weil er die Konfirmation wegen Corona verschieben muss.

Michael Stähli, Pfarrer in Köniz
Michael Stähli, Pfarrer in Köniz
Foto: Raphael Moser

Statt einer Konfirmation in der Kirche gibt es neun Postkarten aufs Wochenende: eine halbe Sache, adressiert an meine Konfirmandinnen und Konfirmanden. Mit besten Segenswünschen und der Motivationsspritze, dass die auf August verschobene Konf auch toll wird. Vorne drauf ein «Wo ist Walter»-Remake in Zeiten des Physical Distancing.

Der Cartoonist Clay Bennett setzt Walter und seine Mitmenschen auf zwei Meter Distanz. Walter zu finden, ist viel einfacher als in den vertrauten «Wo ist Walter»-Wimmelbildern. Lächerlich einfach. Ein origineller, ein fröhlicher Umgang mit dem Gebot der Stunde. Gefällt mir. Daumen hoch.

Zu diesem Walter-Remake und zum Gleichnis des verlorenen Sohnes (unserem Konftext) hätte ich am Sonntag im Konfirmationsgottesdienst gepredigt. Ich hole es nicht vor. Die Konf kommt ja noch, einfach später. Keine halben Sachen.

Ich bin froh, dass am Sonntag keine Konf stattfindet. Das wäre maximal eine halbe Sache geworden und überhaupt nicht fröhlich wie das Walter-Distancing. Ich hätte nur die Kernfamilien eingeladen. Oder die Konfis einzeln. Und durch die Hygienemaske käme mit gedämpfter Stimme: «Gott segne dich und dein Leben.» Ohne Handschlag. Ohne Menschen in der Kirche. Das wollte ich mir und den jungen Menschen ersparen.

So heilswirksam ist die Konfirmation nicht, als dass diese Segenshandlung unter allen Umständen am ursprünglichen Datum erfolgen müsste. Es wäre wie eine Nottaufe kurz vor dem Schuljahresende. Sicher originell so in Einzeldosen; planungstechnisch nachvollziehbar; aber festlich und reformiert? Nein. Eine Konf ist für mich eine ganze Sache. Irreparabel fröhlich und frei. Oder sie ist nicht.

Eine Konf in einer halb oder ganz leeren Kirche ist wie ein misslungenes Tattoo.

Eine Konf in einer halb oder ganz leeren Kirche ist wie ein misslungenes Tattoo. Es tut weh und war eigentlich anders gedacht. Und sie passt nicht zur kontinuierlichen Lebenslinie der Freude, die ich zu gehen versuche.
Dazu mein Lieblingswort aus Jesaja 55: «Mit Freude werdet ihr ausziehen, und in Frieden werdet ihr geleitet. Vor euch werden die Berge und die Hügel in Jubel ausbrechen, und alle Bäume des Feldes werden in die Hände klatschen.» (Vers 12)

Das ist Cartoon auf biblisch. Mehr Trickfilm als Bild. Ein Amuse-Cœur für die Konfspruchauswahl. Und ein fantastisches Bild für die Freude, welche gerade jungen Menschen vorauseilt. Wo sie hinkommen, bewegt sich etwas. An den #fridaysforfuture jubeln die Berge, Hügel und Bäume. Ich bitte darum: nicht nur dann.

Im August werden die jungen Männer und Frauen hoffentlich nicht (nur) von Bäumen empfangen, sondern (auch) von vielen Menschen begleitet. Ich bin nicht Pfarrer für die Jugendlichen, ich bin Pfarrer mit ihnen, mit den Eltern, den Gotten und Göttis, den Grosseltern, den Kolleginnen, Kollegen, Freundinnen, Freunden. An der Konf brauche ich sie alle. Geselligkeit ist göttlich, wusste Kurt Marti. Recht hatte er.

Was unternehme ich nun, wenn sich abzeichnet, dass das Gruppenfoto der Konfklasse auch im August aussehen würde wie die «Wo ist Walter»-Corona-Edition von Bennett? Knicke ich ein oder plädiere ich erneut auf Verschiebung? Ich werde mir Rat holen. Beim BAG, den Jugendlichen und deren Eltern. Keine halben Sachen.