Zum Hauptinhalt springen

Die Liga vor dem NeustartBestreitet der FC Basel drei Wettbewerbe aus zwei Saisons in einer Woche?

Terminstress, Vertragschaos und Wettbewerbsverzerrung – das besondere Saisonfinale sorgt bei den zehn Clubs der Super League für kuriose Geschichten.

FC St. Gallen:
Das grosse Abenteuer

St. Gallen-Trainer Peter Zeidler spricht zu einem Teil seiner Mannschaft.
St. Gallen-Trainer Peter Zeidler spricht zu einem Teil seiner Mannschaft.
KEYSTONE

Die Terminvereinbarung per Whatsapp beendet Peter Zeidler mit «Allez Saint-Gall», gefolgt von drei Ausrufezeichen. Als er dann am Samstagmorgen am Telefon spricht, purzeln die Sätze im Sekundentakt aus ihm heraus. Ein Wort ist immer wieder zu hören, wenn es um die Schlussphase der Saison geht, die 13 Partien in 6 Wochen vorsieht. Der Trainer des Tabellenführers spricht von einem «grossen Abenteuer», weil ein solches Mammutprogramm im Schweizer Fussball ein Novum sei. Es könne sein, meint Zeidler, dass mehr Ballbesitz nötig sein werde, damit der Gegner mehr laufen müsse als die eigene Mannschaft. Dann ist Zeidler doch wieder ganz der Alte, wenn er sagt: «Wir werden unser Spiel nicht grundlegend ändern. Das Ziel ist es, voll loszulegen.»

Der FC St. Gallen trainiert seit drei Wochenso lange wie kein anderer Club in der Super League. Zeidler nennt es eine Investition der Vereinsführung, weil seither die Kurzarbeit nicht mehr gelte, was den Club 160000 Franken koste. Die Frage ist, ob das Abenteuer mit dem ersten Meistertitel seit zwanzig Jahren endet. «Lassen sie uns, erst einmal die ersten Spiele absolvieren», sagt Zeidler. Dem Deutschen gibt Zuversicht, dass der Vertrag des von Alaves ausgeliehenen Mittelstürmers Ermedin Demirovic in den nächsten Tagen zumindest bis zum Saisonende verlängert werden dürfte.

YB:
Zweites Double der Geschichte als Ziel

Die Young Boys während einem Training in der Zeit der Corona-Pandemie.
Die Young Boys während einem Training in der Zeit der Corona-Pandemie.
KEYSTONE

YB scheint bestens gerüstet für den Neustart der Liga. Die Verletztenliste im breiten Kader präsentiert sich erstmals seit langer Zeit überschaubar. Mehrere Akteure wie Miralem Sulejmani, Michel Aebischer, Vincent Sierro, Frederik Sörensen und Mohamed Camara stehen wieder zur Verfügung. Das grosse Ziel der Young Boys ist der zweite Doublegewinn in der 122-jährigen Clubgeschichte nach 1958.

Die Young Boys blicken auf das finanziell beste Jahr der Vereinsgeschichte zurück. Der einstige Rekordgewinn aus dem Jahr 2018 mit 17,4 Millionen Franken wurde 2019 sogar noch verbessert auf 21 Millionen. Letzte Woche kommunizierte YB zudem, dass die Fussballer und Trainer mit einem Lohnverzicht dafür sorgen, dass die übrigen rund 140 Angestellten in den Monaten Mai und Juni das volle Salär ausbezahlt bekommen. Details gab der Club nicht bekannt, diese sickerten aber durch. So verzichten die Akteure auf 7 bis 12 Prozent ihres Gehaltes, wobei sie je nach Lohn in drei Kategorien eingeteilt wurden. Allerdings betrifft der Verzicht nur den Fixlohn. Dank stark leistungsbezogener Verträge konnten die Fussballer in den letzten, erfolgreichen Jahren ihr Salär teilweise mehr als vervierfachen.

Die Verträge der Topverdiener Guillaume Hoarau und Sulejmani laufen Ende Saison aus. «Diese Ausnahmesituation mit der verlängerten Saison erfordert viele Gespräche», sagt Sportchef Christoph Spycher. «Wir werden eine Lösung finden.» Marco Wölfli wiederum beendet Ende Saison seine Karriere. Die grosse Berner Goaliefigur wird irgendwann ein Abschiedsspiel mit Zuschauern erhalten.

FC Basel:
Kollers zweite Wiedergeburt?

Wie lange ist Marcel Koller noch Cheftrainer des FC Basel?
Wie lange ist Marcel Koller noch Cheftrainer des FC Basel?
KEYSTONE

Die Basler stehen wie letzten Sommer vor einem Trainer-Dilemma. Damals überlebte Marcel Koller eine Entlassung. Noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie hat die FCB-Führung erneut entschieden, ohne Koller in die Zukunft zu gehen. Auch mit Blick auf die Kosten. Nur mitgeteilt hat man es dem Zürcher weiterhin nicht.

Kollers Vertrag endet am 30. Juni. Allerdings würde er sich im Fall des Meistertitels verlängern. Ein Szenario, zu dem es nur kommen kann, falls Koller eine zweite Wiedergeburt erlebt – und mindestens bis zum letzten Spieltag am 2. August weiterbeschäftigt wird.

Und dann? Bereits am 4. August könnten die Basler in die Europacup-Qualifikation starten – also in die neue Spielzeit. Am 8. August aber steht in der alten Saison der Achtelfinal der Europa League gegen Frankfurt an; das Hinspiel hat Basel 3:0 gewonnen. In derselben Woche wird auch noch Cup gespielt. Keine gute Zeit für einen Trainerwechsel.

Servette FC:
Der Kampf um Park

Jung-Bin Park (l.) ist einer der Trümpfe bei Servette.
Jung-Bin Park (l.) ist einer der Trümpfe bei Servette.
KEYSTONE

Es sieht gut aus für Servette: Platz 4 nach 23 Runden, der FC Basel davor ist nur drei Punkte entfernt. Präsident Pascal Besnard, seit Anfang Jahr im Amt, hat sich «aus sportlichen Gründen» für die Fortsetzung der Meisterschaft eingesetzt, er sagt: «Der Entscheid der Liga ist eine erfreuliche Nachricht.»

Nun wartet aber Arbeit auf ihn. Mehrere Verträge laufen in einem Monat aus, darunter jener von Jung-Bin Park. Der Südkoreaner kam im November nach Genf und unterschrieb die Vereinbarung, dass die Zusammenarbeit über den Sommer hinaus automatisch fortgesetzt wird, falls er es auf angeblich zwölf Einsätze bringt bis 30. Juni. Der 26-Jährige überzeugte, aber: Er steht erst bei sechs Spielen, kann wegen des Unterbruchs nicht das Dutzend Spiele erreichen und wäre demnach per 1. Juli vertragslos. Die Genfer müssen starke Argumente haben, wenn sie im Wettbewerb mit zahlungskräftigen Interessenten aus Frankreich eine Chance haben wollen.

FC Zürich:
Überschaubare Probleme für Bickel

Zürichs Sportchef Thomas Bickel.
Zürichs Sportchef Thomas Bickel.
KEYSTONE

Für FCZ-Sportchef Thomas Bickel ist die Fortführung der Saison «ein logischer Entscheid», der endlich den Sport wieder in den Mittelpunkt rückt. «Es werden zwar ungewohnte Bedingungen herrschen ohne Zuschauer in den Stadien», sagt er, «aber das Beispiel Bundesliga zeigt: Es ist auch so möglich, äusserst attraktiven Fussball zu bieten. Jetzt herrscht auch bei uns Klarheit, und ich spüre bei den Spielern Erleichterung darüber, dass sie ihrem Beruf wieder nachgehen dürfen.»

Was auslaufende Verträge angeht, steht Bickel nicht vor kniffligen Aufgaben. Pa Modou, Kempter und Vanins sind die einzigen drei Spieler, mit denen er eine Lösung finden muss. Erste Gespräche hat er mit ihnen schon geführt. Ausserdem erwartet er, dass im Sommer mit der Wiederaufnahme verschiedener Meisterschaften doch noch gewisse Bewegung in den Transfermarkt kommen wird.

FC Luzern:
Licht am Ende des Tunnels

Luzern-Trainer Fabio Celestini gibt seinen Spielern im Training Anweisungen.
Luzern-Trainer Fabio Celestini gibt seinen Spielern im Training Anweisungen.
KEYSTONE

Über 20 Verträge laufen weiter, mit sechs Spielern diskutiert Sportchef Remo Meyer darüber, ob es für sie eine Zukunft in Club gibt oder nicht. Vor der Pause waren die Luzerner das Team der Stunde mit 13 Punkten in den ersten 5 Partien des Jahres - «aber diese Serie ist weit weg, es geht jetzt wieder von vorne los», sagt Meyer, der von der Mannschaft in den ersten Trainings einen guten Eindruck gewonnen hat: «Die physische Verfassung stimmt, und bei jedem ist die Lust auf den Wettkampf extrem spürbar.»

Vorläufig geht es zwar mit Geisterspielen weiter, aber Philipp Studhalter wertet das trotz allem positiv: «Ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Natürlich gibt es Kreise, die mit Fussball ohne Zuschauer nichts anfangen können. Auch mir wäre ein volles Stadion lieber. Aber das, was wir ab dem 19. Juni tun dürfen, ist für mich ein grosser Schritt zurück in die Normalität.»

FC Lugano: «Nicht mehr dasselbe»

Luganos  Präsident Angelo Renzetti ist nicht nur glücklich über die Wiederaufnahme der Meisterschaft.
Luganos Präsident Angelo Renzetti ist nicht nur glücklich über die Wiederaufnahme der Meisterschaft.
KEYSTONE

Angelo Renzetti flüchtet sich in Fatalismus. «Ich bin enttäuscht, aber nicht erschrocken. Wir werden weiterkämpfen, so wie wir es immer gemacht haben», sagt der Lugano-Präsident, «aber es ist nicht mehr die gleiche Meisterschaft.» Fünf Auswechslungen statt drei, Partien alle drei Tage, dazu ohne Zuschauer, all das bereitet ihm Sorgen. «Die Anzahl Verletzungen beispielsweise wird sicher zunehmen», befürchtet er.

Dazu kommt die Unsicherheit wegen auslaufender Verträgen oder zu Ende gehender Leihgeschäfte. Marco Aratore beispielsweise müsste nach dem 30. Juni zurück zu Ural Jekaterinburg nach Russland, andere Spieler müssen wohl für zwei Monate weiter verpflichtet werden und verursachen damit Zusatzkosten - bei immer noch ausbleibenden Einnahmen. «Da sind viele Fragen offen», sagt Renzetti. Noch schlimmer sei, dass für die Planung der nächsten Saison nur sehr wenig Zeit bleibe, auch dann, wenn ein Club in der Super League bleibe: «Das wird das grösste Problem sein.»

FC Sion:
Constantin schert aus

An Sion-Präsident Christian Constantin scheiden sich die Geister.
An Sion-Präsident Christian Constantin scheiden sich die Geister.
KEYSTONE

Er sorgt wieder einmal für Aufregung: Präsident Christian Constantin hat angekündigt, dass er vor Gericht ziehen will, weil die Saison fortgeführt wird und er Ungerechtigkeiten erkennt. Er hat Serey Die und Gaëtan Karlen verpflichtet, aber laut Fifa ist die Qualifikation neuer Spieler vor Ende dieser Meisterschaft nicht zulässig. Kouassi und Djourou indes profitieren von einer Ausnahmeregelung und können ab sofort für Xamax spielen: Ihre Verträge bei Sion wurden während der Pandemie aufgelöst, beide waren seither arbeitslos.

Mehrere Spieler haben auslaufende Verträge, etwa Lenjani und Kasami. «Nicht alle sind bereit, nur um zwei Monate zu verlängern», sagt Constantin und redet von einer Wettbewerbsverfälschung: «Ich verliere Spieler, darf aber keine neuen einsetzen.» Er befürchtet einen hohen finanziellen Schaden – und bereitet nun Klagen vor.

Neuchâtel Xamax:
Transfer-Duell mit Sion

Serey Die läuft nicht mehr im Xamax-Dress auf, sondern in Zukunft in jenem des FC Sion.
Serey Die läuft nicht mehr im Xamax-Dress auf, sondern in Zukunft in jenem des FC Sion.
KEYSTONE

Xamax befindet sich auch neben dem Feld im Abstiegskampf. Kein anderer Club der Super League hat mehr Verträge, die entweder am 31. Mai oder am 30. Juni enden. Und tatsächlich haben die Neuenburger mit Serey Die und Karlen bereits zwei Stammkräfte an den FC Sion verloren.

Dass Xamax im Gegenzug die Ex-Sittener Kouassi und Djourou verpflichtet hat, sei «keine Retourkutsche », beteuert Xamax-Besitzer Jeff Collet. Er gibt aber zu, der Abgang von Serey Die sei «sportlich ein harter Schlag».

Weitere Stammspieler dürfen die Neuenburger nicht mehr verlieren, wenn sie den Abstieg in diesem gedrängten Spielkalender verhindern wollen. Ebenfalls auslaufende Verträge haben etwa die Stammverteidiger Oss und Neitzke. Und dann vor allem das Herz des Teams: Stürmer Nuzzolo.

FC Thun:
Ungesundes Pensum

Thuns Nias Hefti (M.) begrüsst vor den Augen von Trainer Marc Schneider (l.) Sportchef Andres Gerber.
Thuns Nias Hefti (M.) begrüsst vor den Augen von Trainer Marc Schneider (l.) Sportchef Andres Gerber.
KEYSTONE

Ob ein solches Programm gesund sei, lautet die Frage. «Nein», sagt Thuns Trainer Marc Schneider. Er denkt an die Temperaturen, daran, dass die Partien zuliebe der TV-Partner übers Wochenende verteilt werden dürften, ein Matchzumindest am ersten Sonntag – schon um 13.45 Uhr angesetzt ist. Das sei schwer nachvollziehbar, sagt Schneider.

Und doch ist der 39-Jährige froh, wird die Saison auf dem Platz beendet. Für die Thuner geht es in drei Wochen gleich mit dem Duell der Letztplatzierten beim punktgleichen Xamax los. Die Neuenburger haben sich am Freitag mit Kouassi und Djourou verstärkt, verlieren aber Serey Die und Gaëtan Karlen während der Schlussphase an den FC Sion. Schneider spricht von einer Wettbewerbsverzerrung. Und davon, dass es aus finanziellen Gründen ausgeschlossen sei, dass Thun nachbessern werde. Er ist schon froh, wenn die Stammspieler Rapp, Faivre und Hasler trotz Ende Juni auslaufenden Verträgen mindestens bis Saisonende bleiben.

2 Kommentare
    Pete Paetzold

    Bei diesem Pensum wird sich der Spreu vom Weizen trennen. Da ist Ausdauer und Fitness gefragt.