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Oscarpreisträger als OpernregisseurChristoph Waltz lässt Beethoven den Vortritt

In seiner Wiener Inszenierung des «Fidelio» spielt die Bühne die Hauptrolle.

Abstrakte Bühne, konkrete Konflikte: Marzelline, Jaquino und die als Fidelio verkleidete Leonore im Theater an der Wien.
Abstrakte Bühne, konkrete Konflikte: Marzelline, Jaquino und die als Fidelio verkleidete Leonore im Theater an der Wien.
Foto: PD

Von all den Corona-bedingten Absagen dürfte jene am Theater an der Wien besonders geschmerzt haben: Dort wollte man im Beethoven-Jahr den «Fidelio» zeigen, der 1805 auf dieser Bühne uraufgeführt worden war. Mit dem Wiener Hollywoodschauspieler, Bond-Bösewicht und Tarantino-Star Christoph Waltz hatte man einen Regisseur geholt, der weit über Opernkreise hinaus interessiert. Und nur wenige Tage fehlten bis zur Premiere, als das Theater schliessen musste.

Immerhin waren die Proben da schon so weit fortgeschritten, dass eine TV-Aufzeichnung möglich war. So sieht man nun zu Hause, wie Waltz in seiner dritten Opernregie (nach dem «Rosenkavalier» und «Falstaff» an der Flämischen Oper) mit diesem nicht ganz einfachen Werk zurechtkommt.

Die Hauptrolle überlässt er der Bühne: Barkow Leibinger hat eine Treppenlandschaft gebaut, die aussieht wie ein Gemälde von M.C. Escher. Winzig wirken die Figuren darin, aber auch überaus dekorativ. Und so metaphysisch sich die verschlungene Konstruktion interpretieren lässt, so konkret dient sie der Handlung: Noch vor der Ouvertüre stürzt Florestan (oder wohl eher ein Stunt-Double) über viele Stufen hinunter in den Kerker, den er erst zwei Stunden (respektive zwei Jahre) später wieder verlassen wird.

Die Figuren wirken überaus dekorativ in dieser Treppenlandschaft.
Die Figuren wirken überaus dekorativ in dieser Treppenlandschaft.
Foto: PD

Bis dann sieht man viele eindrückliche Auftritte und Abstiege – und dank häufiger Nahaufnahmen Menschen, die in dieser abstrakten Umgebung ganz konkret lieben, leiden, kämpfen. Wie sehr sich Waltz um die gesprochenen Dialoge bemüht hat, wird rasch klar. Da wird nicht rezitiert, sondern diskutiert, auch von jenen Protagonisten, die nicht deutscher Muttersprache sind. Marzelline (Mélissa Petit) und Jaquino (Benjamin Hulett) etwa hat man noch selten so schön streiten gehört.

Stilvolle Zurückhaltung

Dass der heikle Schritt vom Sprechen zum Singen hier noch grösser ist als sonst, nimmt man gerne in Kauf. Denn er gelingt: Nicole Chevalier gibt eine verzweifelt expressive Leonore, Eric Cutler einen klangvoll entkräfteten Florestan, Christof Fischesser einen ambivalenten Kerkermeister Rocco. Auch das Orchester erkundet unter Manfred Honeck die Extreme, ohne die Nuancen zu vergessen.

Die Regie kommt ihnen dabei nicht in die Quere. Waltz verzichtet auf Action und eigene Ideen; er zeigt, was im Libretto steht, zurückhaltend und stilvoll. Nur dem glücklichen Ende traut er nicht, traumatisiert sst er die Liebenden in der jubelnden Menge stehen. Ob sie den Kerker über dieselbe Treppe verlassen werden: Diese Frage bleibt über den Schlussakkord hinaus offen.

Ausstrahlung auf Arte: Montag, 13. April, 20.15 Uhr. Danach ist dieser «Fidelio» bis zum 2. Mai auf Arte.tv verfügbar.

1 Kommentar
    Res Weber, Thun

    Das ORF hat die Oper bereits gezeigt; es ist eben nicht Beethovens Fidelio von 1805, sondern ein modernisiertes Werk a la 2020. Ich habe rasch den Bildschirm ausgeschaltet und mich auf die Musik konzentriert; anders hätte ich die Übertragung nicht ausgehalten.