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17, Schweizerin, Weltklasse

Duathlon-Weltmeisterin und Spitzenläuferin: Die Bernerin Delia Sclabas ist ein Multitalent, um das die Verbände kämpfen. Doch sie hat ihre Bestimmung gefunden.

Wenn Delia Sclabas ihre Runden dreht, hat sie ein verblüffendes Gefühl fürs richtige Tempo. Foto: Christian Pfander
Wenn Delia Sclabas ihre Runden dreht, hat sie ein verblüffendes Gefühl fürs richtige Tempo. Foto: Christian Pfander

Zuletzt, auf dem Weg zum Auto neben dem Wankdorf-Stadion, kauft sie sich vom Fünfliber des Vaters ein Softeis im Karton­becher. Dass sie Hamburger, Chicken-Nuggets und Pommes «soo gärn» hat, hat sie längst gestanden. Und hat gelacht dabei. Es scheint fast, als seien diese Vorlieben das einzig Normale an ­Delia Sclabas. Sie isst gern, was andere 17-Jährige auch gern essen. Der Vater sagt dazu nur, die Ernährung könne man sicher noch optimieren. «Aber obs dann noch Spass macht? Es muss doch auch im Kopf stimmen!»

Die Bernerin Delia Sclabas ist ein sportliches Ausnahmetalent, wie die Schweiz nur ganz selten eines hat. Ein Jahrzehnttalent, vielleicht sogar mehr. In diesem Frühsommer hat sie es wieder fertiggebracht, gleich zwei Verbände auf Trab zu halten. Denn Delia Sclabas hat das Talent zur Duathletin, Triathletin und Leichtathletin zugleich. Das führt bisweilen zu Interessenskonflikten, Terminkollisionen und Diskussionsbedarf. Ihr Wunsch für die erste Juli-Hälfte wäre gewesen: an der Junioren-WM der Duathleten den Titel von letztem Jahr verteidigen und eine Woche später an der U-20-WM der Leichtathleten möglichst auch noch eine Medaille gewinnen.

Das Nebeneinander toleriert

Der Tag ist heiss, Delia Sclabas geniesst die dritte Woche Ferien. Trainiert hat sie nur wenig, ein bisschen geschwommen, ein paar koordinative Übungen, sie ist in der Regenerationsphase, physisch und mental. Anfang ­August will sie wieder bereit sein, erstmals darf sie auch an der EM der Elite in Berlin starten.

Nun sitzt sie neben ihren Eltern, antwortet, fragt zwischendurch: «Willst du es erzählen?» Mahnt den Vater, nicht so viel zu reden, nicht immer abzuschweifen, scharrt ungeduldig mit den Füssen, lacht, wenn ihm eine Pointe gelungen ist. Zwei Wochen liegen nun die emotional grössten Momente ihrer noch jungen Sportkarriere zurück.

Zwei Bronzemedaillen hat ­Delia Sclabas als Mittelstreckenläuferin von der U-20-WM in Finnland nach Hause gebracht, gewonnen über 800 und 1500 m. «Ich wusste, dass es schwierig wird. Aber eine Medaille war mein Traum, und ich habe noch immer nicht richtig realisiert, dass ich sie nun habe», sagt sie.

Es ist nicht selbstverständlich, dass sie es auf die Welt schaffte – als Drilling.

Den Duathlon-Titel allerdings, den musste sie hergeben, denn Swiss Athletics hat mit sanftem Druck auf die Reduktion des Programms gepocht. Entweder die eine oder die andere WM. Und ihr für einen Duathlon-Verzicht einen Startplatz bei Athletissima in Lausanne angeboten. «Delia ist kein Normalfall, deshalb ­haben wir das Nebeneinander der Sportarten lange bewusst ­toleriert, aber es ist ein Hochseilakt», sagt ­Peter Haas, Leistungssportchef beim Leichtathletikverband. ­Natürlich hat man es auch mit dem Hintergedanken toleriert, dass sich das junge Multitalent dereinst ganz für die Leichtathletik entscheidet.

Es ist nicht selbstverständlich, dass es Delia Sclabas überhaupt auf die Welt schaffte. Sie hat Drillingsschwestern, wegen ihr musste die Geburt frühzeitig eingeleitet werden, die Nahrung drang nicht mehr bis zu ihr vor. Dass sie deshalb mit einem riesigen Kampfeswillen gesegnet ist, halten die Eltern Sclabas für Spekulation. Denn sportliches Talent hätten nicht nur die Drillinge, sondern auch ihre ältere Schwester und der Bruder.

Verwunderlich ist das nicht. Denn mit der Tante von Mutter Barbara Gerber Sclabas hat es sogar eine Olympiasiegerin in der Verwandtschaft gegeben: Hedy Schlunegger, die 1948 in St. Moritz die ­Abfahrt gewann. Und Enkelin Martina Schild zu ähnlichem (Silber in Turin) inspirierte. «De herti Gring» habe Delia eindeutig von der Berner Oberländer Seite geerbt, sagt der Vater.

Gerüchte, Meinungen, Fragen

Und nun also ist ihre jüngste Tochter in Finnland Zeiten gelaufen, die in ihrer Alterskategorie Weltklasse bedeuten. Vor und hinter sich Kenianerinnen und Äthiopierinnen. 2:01,29 Minuten über 800 m, 4:11,98 über 1500 m, wobei sie über die längere Distanz in Lausanne noch schneller war (4:10,10). Ihre Leistungen erinnern an Anita Weyermann, die im gleichen Alter in den 1990er-Jahren sogar zweimal Weltmeisterin war. Ihr hat sie die Nachwuchsrekorde bereits entrissen.

Und ähnlich wie bei Weyermann damals geistern über ­Delia Sclabas heute Geschichten, ­Gerüchte, Kommentare und Fragen durch die Stadien und Strassen, die Dario Sclabas als das Gerede «sogenannter Fachexperten» abtut. Darf ein Teenager so viel trainieren? So viele Wettkämpfe bestreiten? Dienstag, Mittwoch, Donnerstag einen 800er, Freitag, Samstag, Sonntag einen 1500er, geht das? Sie besuche ja längst nicht mehr die «normale» Schule, hörte die Mutter beim Gurtenlauf zufällig, habe einen Privatlehrer und trainiere dreimal täglich. «Solches gibt und gab es endlos», sagt sie.

Delia Sclabas hat zwei Trainer, Peter Mathys und Martin Hauert. Mathys war in den 1980er-Jahren Nationaltrainer der Mittelstreckler, der 73-Jährige arbeitet mit ihr im Ausdauerbereich, Hauert (71) fördert die Grundschnelligkeit. Dreimal wöchentlich trainiert sie mit ihnen, einmal schwimmt sie, einmal fährt sie Rad. Was die Umfänge betreffe, habe sie noch sehr viel Luft nach oben, sagt Hauert.

Der Schlüssel scheint zu sein, dass Delia Sclabas «im Prinzip», wie der Vater sagt, für die 1500 m trainiere, dank der Schnelligkeit und der Ausdauer aber auch ­fähig sei, über 800 und 3000 m das Tempo zu machen. «Wichtig ist, dass sie sich, noch bevor sie 20 ist, eine Schnelligkeit zulegt, die ihr später in der Endphase von längeren Distanzen zugutekommt», sagt er.

Sehr spezielle Fähigkeiten

Als Delia Sclabas 13 war, hätte sie sich mit ihren Schwestern entscheiden sollen, ob sie künftig dem Nachwuchskader der Triathleten oder Leichtathleten angehören will. Es war das Gezerre um rare Talente. Sie hat es nicht getan, «weil ich an allem Freude habe und vieles machen möchte, ich habe auch gerne Strassenläufe, jogge im Wald, auf der Finnenbahn», sagt sie. Die ältere Schwester ist ausgestiegen, die eine Drillingsschwester lebt heute ihr musisches Talent aus, und die dritte ist Stabhochspringerin geworden. Die Eltern Sclabas haben ihren Kindern die Wahl gelassen. Sich so früh festlegen zu müssen, fänden sie schlecht, sagt die Mutter.

Die Trainer fördern eine Athletin, deren Fähigkeiten und Konstitution sehr speziell sind und Leistungssportchef Haas ­sagen lässt, dass das Hauptziel die Nachhaltigkeit sein müsse. Er vergleicht Delia Sclabas mit dem gleichaltrigen Jakob Ingebrigtsen aus Norwegen, der letzte Woche Europarekord über 1500 m lief: «Sie sind out­standing.»

Gymnasiumabschluss steht bevor

Delia Sclabas wird eine extrem gute Grundlagenausdauer und ein erstaunliches Tempogefühl bescheinigt. So kann sie präzis an ihrer Leistungsgrenze laufen, ohne diese zu berühren. Gibt der Trainer ein Lauftempo vor, trifft und hält es die Läuferin ohne Uhr. Es gibt Dinge im Sport, die nicht zu lernen sind. Wie ein cleveres Wettkampfverhalten oder auch mentale Stärke. Delia Sclabas hat sie, und sie nützt sie.

In einem Jahr schliesst sie das Gymnasium ab. Das Thema ihrer Maturaarbeit ist bezeichnend: «Emanzipation der Frau in der Leichtathletik.» Sie hätte die Sportklasse besuchen können, ein Jahr länger Schule, dafür mehr Erholungszeit. Delia Sclabas wollte das nicht. Sie wollte mit den Schwestern fertig werden. «Damit ich vor Tokio ein Zwischenjahr einlegen kann.»

Das grosse Ziel ist klar. Mit 17. Sie möchte an die Olympischen Spiele 2020. Als Leichtathletin. Die Mutter warnt: «Bis dahin kann noch viel passieren.» Der Vater nennt es Gratwanderung.

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