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Ist Gernhaben und Lieben dasselbe?

Über echte und falsche Liebe im Zusammenhang mit Pädophilie.

Wenn die Pädophilie nur ein Problem der Echtheit oder Unechtheit der Liebe wäre, müsste man den Straftatbestand anders formulieren. Foto: David Baer
Wenn die Pädophilie nur ein Problem der Echtheit oder Unechtheit der Liebe wäre, müsste man den Straftatbestand anders formulieren. Foto: David Baer

Warum nennt man Menschen, die Sex mit Kindern haben, ­Pädophile? Was hat denn Selbstbefriedigung unter Zuhilfenahme eines kindlichen Körpers mit ­Liebe zu tun? Da kann es sich doch höchstens um ein Gern­haben im Sinne von «ich habe Schweinsbraten (oder was auch immer) gern» handeln. Ist Gernhaben und Lieben dasselbe? I. N.

Liebe Frau N.

Ein Philatelist ist eine Person, die Briefmarken liebt, und eine Frankophile eine Person, die Frankreich liebt. Ich glaube mit der Etymologie des Wortes «Pädophilie» kommt man nicht weit. Das, was man heute als Homophobie bezeichnet, ist ja auch keine Angst, die manche Menschen vor Homosexuellen haben – so wie andere vor Spinnen oder grossen Plätzen –, sondern die Neigung, Homosexuelle zu beschimpfen oder zusammenzuschlagen. Gernhaben und Lieben lässt sich nur mit der definitorischen Brechstange voneinander unterscheiden.

Alltagstauglich ist so eine Unterscheidung nicht. (Man behauptet ja auch nicht, die Schweizer seien liebesunfähig, weil «ich liebe dich» auf Schweizerdeutsch «i han di gärn» heisst.) Es ist nicht sinnvoll, echte Liebe von falscher Liebe zu unterscheiden, wenn man damit eigentlich doch nur sagen will, dass man die eine Liebe akzeptabel findet, die andere höchst verwerflich.

Echte Liebe kann zugleich höchst problematisch sein.

Man sollte besser akzeptieren, dass es auch echte Liebe gibt, die zugleich höchst problematisch ist. Es gibt Pädophile, die sich wie Schweine verhalten (um beim Braten zu bleiben); es gibt solche Menschen aber auch unter den Hetero- und Homophilen. Und es gibt sicherlich Pädophile, die Kinder so «echt» lieben (was immer das dann auch heisst), wie erwachsene Menschen einander lieben. Wenn die Pädophilie nur ein Problem der Echtheit oder Unechtheit der Liebe wäre, müsste man den Straftatbestand anders formulieren.

Vielleicht gibt es sogar Vergewaltiger, die ihr Opfer «wirklich lieben», aber wir würden wohl kaum wollen, dass sie deshalb straffrei ausgehen. Gegenüber Pädophilen müsste man wohl geltend machen, dass ihre Liebe zu Kindern vernünftigerweise zu einem Verzicht auf Sexualität mit Kindern führen sollte.

Es gibt gewiss Pädophile, die das selber so sehen und sich so verhalten (und unter dem Verzicht leiden). Es sind vermutlich die, von denen man nie in der Zeitung liest. Und wenn, dann im Zusammenhang von Selbsthilfegruppen oder Institutionen wie «Kein Täter werden» (in der Schweiz: www.forio.ch/therapien/paedophilie/).

Diesen Menschen zu unterstellen, ihr Verhältnis zu Kindern sei im Grunde nur dasselbe wie zu einem Schweinebraten, wird ihnen nicht gerecht.

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