Zum Hauptinhalt springen

Corona-Pause (23)Corona-Pause? Von wegen!

Glaubt man dem Internet, haben wir nun plötzlich Zeit und Musse für alles, was bisher liegen geblieben ist. Unsinn, findet unsere Autorin.

Dem Lockdown sei Dank, endlich so viel freie Zeit? Weit gefehlt.
Dem Lockdown sei Dank, endlich so viel freie Zeit? Weit gefehlt.
Illustration: iStock

Neulich in einer Einzimmerwohnung im Berner Nordquartier: Ich lungere im Raum herum, auf dem Schreibtisch sitzt der Laptop wie ein lauerndes Tier mit weit geöffnetem Maul. Ich müsste meine Masterarbeit schreiben, aber etwas ziemlich Essenzielles fehlt: die Konzentration.

Anders klingt es derweil im Internet: Kaum waren die Schulen, die Restaurants und die Clubs geschlossen, erklang so etwas wie ein heiterer Lobgesang auf all die freie Zeit, die wir nun zur Verfügung hätten. Besungen wurden ausgefallene Bastelprojekte, gratis zugängliche Betty-Bossi-Kochbücher und Sportprogramme, die sich in den eigenen vier Wänden absolvieren lassen. Endlich, so der Tenor, haben wir Zeit für die Dinge, die sonst nicht in unsere verplanten Leben passen. Internetforen, Newsportale und Tageszeitungen sind voll mit Tipps zur Zerstreuung: Wie beschäftigt man sich selbst, wenn die Kinos zu sind und das allabendliche Feierabendbier ausfällt? Im Kulturressort dieser Zeitung stampften wir enthusiastisch das Format «Corona-Pause» aus dem Boden – für all die Leute, die nicht wissen, was sie mit ihren neu gewonnenen zeitlichen Freiheiten anfangen sollen.

Ich habe ein anderes Problem. Natürlich habe ich gewusst, dass sich meine Masterarbeit im Lockdown nicht plötzlich von selbst schreiben würde. Trotzdem ist da dieses latente Pflichtgefühl, die Zeit zu nutzen und kreative Projekte anzugehen. Da ist der Drang, ständig die News zu checken und täglich Pressekonferenzen des Bundesrats zu schauen – vielleicht ist ja etwas passiert. Das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen – schliesslich pflege ich meine Kontakte jetzt übers Telefon. Ich brauchte mehr als eine Woche, bis ich dieses merkwürdige Gefühl von Getriebenheit einordnen konnte: Ich habe gar nicht mehr freie Zeit. Und schon gar keine Musse. Ich habe weniger Struktur und, eben, weniger Konzentration.

Klar gibt es Menschen, die plötzlich viel mehr unverplante Zeit haben, weil die Bar, in der sie arbeiteten, schliessen musste, weil sie in Selbstisolation sind oder weil sie sich durch die Arbeit im Homeoffice drei Stunden Arbeitsweg sparen können. Aber es gibt auch andere. Zum Beispiel den Mann, der in der Kommentarspalte unter einem Wie-bespasse-ich-mich-selbst-Artikel schreibt, er frage sich, woher er plötzlich mehr Zeit haben solle, schliesslich müsse er im Homeoffice seine Arbeit erledigen und gleichzeitig die Kinder betreuen. Oder die Nachbarin meiner Eltern, die in einem Lebensmittelgeschäft angestellt ist und zurzeit so viel arbeitet, dass sie nicht mehr zum Kochen kommt. Oder mich und andere Studierende, für die Zerstreuung keine willkommene Abwechslung ist, sondern eine Versuchung, der man nur mit ausgefeilten Strategien widersteht. Und nein, das Lesen von Artikeln zum Thema «Wie organisiere ich mich selbst?» gehört nicht dazu, sondern ist definitiv Teil der Zerstreuung selbst.

Gerade versuche ich, mein Gefühl, Zeit für alles haben zu müssen, abzuschütteln und mich der Realität zu stellen. Und diese sitzt mit weit geöffnetem Maul auf meinem Schreibtisch.

1 Kommentar
    Me

    Das beruhigt mich... meine Masterarbeit gähnt mich auch an. Sowie der Rest des Studiums. Viel Glück beim Überwinden des inneren Schweinehunds (und beim Pause machen)...