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Ganze Saison in drei MonatenCorona sorgt für Radsporthöhepunkte im Wochentakt

Am 1. August startet die Radsaison neu. Bis zum Spätherbst soll praktisch der ganze Rennkalender nachgeholt werden. Kann das gut gehen?

Die neue Normalität: Fahrer warten an der Burgos-Rundfahrt mit Gesichtsmasken auf den Startschuss.
Die neue Normalität: Fahrer warten an der Burgos-Rundfahrt mit Gesichtsmasken auf den Startschuss.
Foto: Getty Images

Der 1. August verspricht nicht nur für die Schweiz Feuerwerk. Sondern auch für alle Radfans. Ihr Sport begeht mit einem Höhepunkt den Saisonneustart, den spektakulären Strade Bianche in der Toscana. Und das Feuerwerk wird danach nicht weggepackt: Weil der ganze ausgefallene Radkalender auf drei Monate komprimiert werden muss, folgen die grossen Rennen nun praktisch im Wochentakt. Aber ist das überhaupt umsetzbar?

Sanremo, die Tour – und Roubaix als Abschluss

Dunkel und vielleicht auch garstig: Paris–Roubaix Ende Oktober könnte durchaus andere Bilder provozieren als jeweils am üblichen Termin Mitte April.
Dunkel und vielleicht auch garstig: Paris–Roubaix Ende Oktober könnte durchaus andere Bilder provozieren als jeweils am üblichen Termin Mitte April.
Foto: Keystone

Im konzentrierten Kalender zeigt sich einmal mehr die tragende Rolle der Tour de France. Sie erhielt den besten Platz Anfang September. Das Spätsommerwetter sollte dann noch anhalten, einen Monat nach dem Neustart werden überdies die Profis ihre Topform erreicht haben. Davor folgen im August die italienischen Eintagesrennen, danach Giro d’Italia und Vuelta a España. Und als Schlussbouquet Ende Oktober die Kopfsteinklassiker in Flandern und Roubaix.

Dick markieren sollte sich jeder Radfan den 25. Oktober, den «Cycling Super Sunday»: Dann folgt an der Vuelta eine Bergetappe mit Ankunft auf dem Tourmalet, das Abschlusszeitfahren am Giro d’Italia sowie Paris–Roubaix.

Und wenn ein Fahrer positiv getestet wird?

Tests, immer wieder Tests: Weltmeister Mads Pedersen wird an der Burgos-Rundfahrt vor dem Start die Körpertemperatur gemessen.
Tests, immer wieder Tests: Weltmeister Mads Pedersen wird an der Burgos-Rundfahrt vor dem Start die Körpertemperatur gemessen.
Foto: Getty Images

Alle Fahrer müssen laut UCI-Reglement in der Woche vor einem Rennen zwei negative Covid-19-Tests abliefern. Vor Ort bewegen sie sich in ihrer Teamblase, kommen darin nur mit ebenfalls getestetem Personal in Kontakt. Ausserhalb der Rennen gilt natürlich Maskenpflicht. Das gilt auch für die Zuschauer – sofern diese zugelassen sind.

Die wichtigste Frage blieb bislang aber unbeantwortet: Welche Folgen hätte ein positiver Fall? Jedes Rennen muss laut Reglement des Weltverbands UCI einen Covid-19-Arzt einsetzen, der darüber entscheidet. Wie, dazu hat sich die UCI noch nicht geäussert. Würde nur die infizierte Person vom Rennen ausgeschlossen? Oder das ganze Team? Und wie lange würde dann ein Rennen fortgesetzt?

Während die Sibiu-Tour in Rumänien und drei Frauen-Eintagesrennen in Spanien in den vergangenen Tagen ohne Zwischenfälle durchgeführt wurden, gab es zuletzt an der Burgos-Rundfahrt in Spanien einen Vorgeschmack darauf, wie fragil die Situation weiterhin ist: Die Teams Israel Startup Nation (ISN) und UAE Team Emirates zogen zwei respektive drei Fahrer aus dem Rennen zurück, weil diese mit einer später positiv getesteten Person Kontakt gehabt hatten. Im Fall des Teams ISN versuchten laut Cyclingnews.com andere Fahrer, die ganze Equipe zum Startverzicht zu bewegen. Wie reagiert erst die Konkurrenz, wenn ein positiver Fall einen Fahrer im Rennen betrifft?

Mehrere Teams stehen vor dem Aus

Der Hauptsponsor ist weg: Will das Team CCC über diese Saison hinaus existieren, braucht es einen neuen Geldgeber.
Der Hauptsponsor ist weg: Will das Team CCC über diese Saison hinaus existieren, braucht es einen neuen Geldgeber.
Foto: Getty Images

Auch der Radsport zittert vor einer zweiten Welle. Diese könnte diesen schönen, dichten Rennplan innert Kürze implodieren lassen. Was schwerwiegende Folgen hätte: Bereits im Frühjahr beschlossen mehrere Worldtour-Teams deutliche Lohnkürzungen, um überhaupt die Saison zu überstehen. Ein Team stellte die Lohnzahlung ganz ein, ein anderes zahlte noch 20 Prozent aus. Beim Team CCC erklärte der Hauptsponsor wegen der Corona-bedingt schlechten Geschäftszahlen seinen Ausstieg per Ende Saison – ein Nachfolger ist noch nicht gefunden.

Sollten noch mehr Rennen gestrichen werden, könnte dies deshalb für mehrere Equipen das Aus bedeuten. «Ich glaube nicht, dass uns die Sponsoren nur für unsere schönen blauen Augen bezahlen werden», formulierte es Quickstep-Teamchef Patrick Lefevere gegenüber «Het Laatste Nieuws».

Aber auch die Fortsetzung der Saison hat finanzielle Folgen für die Teams. Allein die vielen Covid-19-Tests kosten ein Worldtour-Team über 100’000 Euro, rechnete ein Teamarzt von Groupama-FDJ in «L’Equipe» vor. Dazu kommen die zusätzlichen Hygienemassnahmen, welche alle mit Aufwänden verbunden sind.

Der französische Riese darf nicht stürzen

2019 die Ausnahme, 2020 wohl die Regel: Die Tour de France praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
2019 die Ausnahme, 2020 wohl die Regel: Die Tour de France praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Foto: Keystone

Es gibt ein Radrennen, dem im Profiradsport Systemrelevanz zugeschrieben wird: die Tour de France. Entsprechend wird die Radwelt bis zum Tour-Start am 29. August in Nizza die französischen Fallzahlen im Auge behalten. Findet die Tour statt, wird das die allermeisten Teamsponsoren beruhigen und dazu veranlassen, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen – egal, was sonst noch passiert diese Saison.

Die Tour-Organisation ist dem Vernehmen nach zu sehr deutlichen Massnahmen bereit, sie soll sich überlegen, Fans von Start und Ziel zu verbannen und sogar einzelne Pässe fürs Publikum zu sperren. Überhaupt sollen die Fahrer während der drei Wochen komplett von der Aussenwelt abgeschirmt werden.

Die Schweizer Profis unter Druck

Entspannte Siegerpose: Stefan Küng ist einer von nur fünf Schweizern in der Worldtour mit einem Vertrag über die aktuelle Saison hinaus.
Entspannte Siegerpose: Stefan Küng ist einer von nur fünf Schweizern in der Worldtour mit einem Vertrag über die aktuelle Saison hinaus.
Foto: Keystone

Das erste wichtige Schweizer Rennen fand bereits statt: die Meisterschaft im Zeitfahren. Sie endete mit Favoritensiegen durch Marlen Reusser und Stefan Küng. Auch für die Strassenmeisterschaften wurde noch ein Austragungsort gefunden: Die Trikots mit dem Schweizer Kreuz werden am 22. August im Wallis vergeben – die Rennen werden damit zur kurzfristigen Hauptprobe vor der Strassen-WM vom 20. bis 27. September in Aigle und Martigny.

Ein Meistertitel wäre ein gutes Argument für einen neuen Vertrag – wie auch jeder andere Exploit. Viele Schweizer stehen diesbezüglich unter Druck: Von den 18 Worldtour-Fahrern haben nur fünf einen Vertrag über diese Saison hinaus: Fabian Lienhard, Stefan Küng, Marc Hirschi, Stefan Bissegger und Johan Jacobs.

Die Sandwich-Position der Walliser WM

Höhenmeterreich: Das Schweizer Nationalteam bei einem gemeinsamen Training auf der WM-Strecke vergangenen Dezember.
Höhenmeterreich: Das Schweizer Nationalteam bei einem gemeinsamen Training auf der WM-Strecke vergangenen Dezember.
Foto: Keystone

Die WM in Aigle und Martigny soll wie geplant stattfinden. Die Pandemie wird so oder so grossen Einfluss auf diese Wettkämpfe haben, findet sich der ursprünglich perfekte Termin im Sandwich zwischen vielen anderen Rennen. So findet das Elite-Zeitfahren am ersten WM-Tag gleichzeitig mit der Schlussetappe der Tour de France statt. Was bedeutet, dass in Frankreich engagierte Fahrer früher aus der Rundfahrt aussteigen müssten, um in Aigle antreten zu können – sofern das die Tour erlaubt.

Bis zum Elite-Strassenrennen haben die Tour-Fahrer dann zwar eine Woche Pause. Doch das ist sehr wenig Erholungszeit für jene, die bis zuletzt an der Tour vorn mitkämpften. Für die starken Bergfahrer ist das besonders bitter, weil derart bergige WM-Parcours und damit ihre Chancen auf das Regenbogentrikot selten sind.

Bernal ist hier. Und Van der Poel ebenfalls

Sein richtiges Lächeln gibt es nur auf dem Rad zu sehen: Egan Bernal bei seiner Ankunft in Spanien.
Sein richtiges Lächeln gibt es nur auf dem Rad zu sehen: Egan Bernal bei seiner Ankunft in Spanien.
Foto: Keystone

Es fällt sehr schwer, einzelne grosse Namen herauszupicken. Schlicht, weil alle da sind. Das Profipeloton hatte mehr als drei Monate Zeit, um sich auf die kommenden drei Monate vorzubereiten. Entsprechend aufregend versprechen die Rennen zu werden.

Auch die Kolumbianer sind alle dabei, das war wegen weiterhin geltenden Flugrestriktionen eine Weile lang unsicher gewesen. Doch ein Charterflug brachte Tour-Sieger Egan Bernal und Co. rechtzeitig nach Europa.

Grosse Auftritte verspricht auch Mathieu van der Poel. Der Niederländer wollte eigentlich im August in Tokio Nino Schurter Mountainbike-Gold streitig machen. Nun tritt er stattdessen bei allen grossen Eintagesrennen an, was in einer normalen Saison gar nicht möglich wäre.

Die Grenadiere interessieren Sympathiepunkte nicht

Neuer Teamnamensgeber und in Velokreisen umstrittenes Produkt: Das Grenadier-SUV von Ineos.
Neuer Teamnamensgeber und in Velokreisen umstrittenes Produkt: Das Grenadier-SUV von Ineos.
Foto: zvg

Das Team Ineos, seit Jahren Tour-Dominator, ist immer für Schlagzeilen gut. Heuer schon lange vor dem Neustart. Da ist die Frage, was man mit Chris Froome machen wird. Der vierfache Tour-Sieger verlässt die Briten Ende Saison. Und seine Form ist nach dem schweren Sturz vor einem Jahr unklar. Wird er überhaupt für die Tour nominiert? Ineos hat mit Bernal und Geraint Thomas ja zwei weitere Ex-Sieger im Kader.

Kontrovers wird auch ein anderer Entscheid der Equipe diskutiert respektive ihres Hauptsponsors, des Chemiekonzerns Ineos: Das Team tritt an der Tour unter dem Namen Ineos Grenadier an. Grenadier ist der Name eines neuen SUV des Sponsors – und nicht unbedingt ein Produkt, das bei Radsportlern einen guten Ruf hat.

4 Kommentare
    Peter Minder

    Was für ein Schwachsinn. Wann endlich kapieren die Politiker im In- und Ausland das solche Veranstaltungen in diesem Jahr verboten werden müssen.