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Falsch oder irreführendCorona-Verschwörungstheorien im Faktencheck

Eine Tamedia-Umfrage zeigt, dass mehr als jeder Dritte falsche Vorstellungen hat über die Herkunft von Sars-CoV-2. Wir haben sieben Behauptungen, die aktuell im Umlauf sind, genauer überprüft.

Hier trafen Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und Globalisierungskritiker aufeinander: Corona-Demonstration am 9. Mai 2020 in Bern.
Hier trafen Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und Globalisierungskritiker aufeinander: Corona-Demonstration am 9. Mai 2020 in Bern.
Foto: Keystone

Verschwörungstheorien sind wie Viren. Sie können mutieren und sich innerhalb einer Bevölkerungsgruppe rasend schnell verbreiten. «Einzelne Verschwörungstheorien erreichen derzeit eine riesige Reichweite», sagte die Extremismusforscherin Julia Ebner vom Institute for Strategic Dialogue in London kürzlich in einem Interview mit dem Sender NDR. «Sie schaffen es, die Unsicherheit und die Informationslücken, die es beim Coronavirus immer noch gibt, für ihre Zwecke auszunützen.»

Auch bei unseren Leserinnen und Lesern? Um dies herauszufinden, haben wir im Rahmen der zweiten Corona-Umfrage der Tamedia-Zeitungen und von «20 Minuten» die Teilnehmenden unter anderem gefragt, welche Aussagen zum Virus ihrer Meinung nach zutreffen. An der repräsentativen Umfrage haben 26’145 Personen aus der ganzen Schweiz teilgenommen. Mehrfachantworten waren möglich. Wir haben die sieben Behauptungen – Spoiler: einige davon sind komplett falsch oder irreführend – einem Faktencheck unterzogen.

Das Coronavirus gab es schon immer

Es handelt sich um ein neuartiges Coronavirus: Sars-CoV-2 unter dem Mikroskop.
Es handelt sich um ein neuartiges Coronavirus: Sars-CoV-2 unter dem Mikroskop.
Foto: Reuters

Die Umfrage:

Zwölf Prozent der Teilnehmenden an der Tamedia-Umfrage glauben, dass diese Behauptung richtig ist. Am häufigsten sind 18- bis 34-Jährige (16 Prozent) sowie Menschen mit nur obligatorischer Schulbildung (15 Prozent) von dieser Theorie überzeugt.

Der Check:

Auf der Erde zirkulieren viele Coronaviren, über hundert verschiedene. Die meisten davon infizieren Tiere, vorzugsweise etwa Fledermäuse. Vier Coronaviren können auch Menschen anstecken, sie verursachen in der Regel aber nur harmlose Erkältungen. Weit gefährlicher sind respektive waren die beiden Viren Sars-CoV und Mers-CoV, die – ähnlich wie Sars-CoV-2 – zu heftigen Lungenentzündungen und anderen schweren Schäden bis hin zum Tod führen können.

Die Sars-Epidemie grassierte 2002/2003, konnte aber dank rigorosen Contact-Tracing-Methoden eingedämmt und das Virus letztlich eliminiert werden. Mers-CoV kam 2012 auf, der Name steht für Middle East Respiratory Syndrome, weil das Virus vor allem im arabischen Raum auftrat. Es ist für den Menschen viel gefährlicher als das neue Sars-CoV-2, etwa jeder dritte Infizierte stirbt daran. Allerdings verbreitet sich Mers-CoV auch viel schlechter, seine Reproduktionszahl liegt deutlich unter 1. Der führende US-amerikanische Infektiologe und Immunologe Anthony Fauci sagte daher 2013, das Virus könne sich nicht nachhaltig zwischen Menschen ausbreiten.

«Es gibt schon vier Coronaviren in der menschlichen Bevölkerung. Aber die haben mit dem neuen Coronavirus nichts zu tun.»

Christian Drosten, Virologe

Coronaviren sind also tatsächlich nichts Neues, es gab sie «schon immer». Das bezieht sich aber nur auf die grosse Familie der Coronaviren, auf das neue Coronavirus trifft die Aussage nicht zu (auch wenn das zum Beispiel der deutsche Lungenarzt Wolfgang Wodarg immer wieder behauptet). Die vier in der menschlichen Bevölkerung zirkulierenden Coronaviren hätten mit dem neuen Coronavirus nichts zu tun, betonte der deutsche Virologe Christian Drosten in einem Podcast des Senders NDR.

Sars-CoV-2 ist für Menschen tatsächlich ein völlig neues Virus, unser Immunsystem hatte mit dem Erreger noch nie Kontakt, daher haben wir auch überhaupt keine Abwehr parat, wenn wir damit infiziert werden. Zwar lebte der Erreger vermutlich schon länger in Fledermäusen, allerdings ohne diesen dabei gross zu schaden. Irgendwann gelangte das Virus in einen noch unbekannten Zwischenwirt – möglicherweise waren es Marderhunde oder Schuppentiere — und sprang von diesem dann höchstwahrscheinlich im November 2019 erstmals auf einen Menschen über, vermutlich in Wuhan.

Fazit:

Die Behauptung ist falsch

Das Virus stammt aus einem Labor

Hier wird an Erregerstämmen geforscht: Ein Labor im Institut für Virologie in Wuhan (Aufnahme vom 23. Februar 2017).
Hier wird an Erregerstämmen geforscht: Ein Labor im Institut für Virologie in Wuhan (Aufnahme vom 23. Februar 2017).
Foto: Keystone

Die Umfrage:

30 Prozent der Teilnehmenden an der Tamedia-Umfrage glauben, dass diese Behauptung richtig ist, Frauen (33 Prozent) etwas häufiger als Männer (27 Prozent).

Der Check:

Das ist wohl die am schwierigsten zu prüfende Aussage. Bis heute gibt es keine Beweise dafür, dass das Virus aus einem Labor stammt, dass es in einem Labor konstruiert wurde oder dass es gar aus einem geheimen Biowaffenprogramm stammt. Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Virus natürlichen Ursprungs und nicht aus einem Labor entwichen ist, so zum Beispiel auch die Biosicherheitsexpertin Kathrin Summermatter von der Uni Bern. «Bei den kleinen Mengen, mit denen gearbeitet wird, geht das nur, wenn jemand direkt angesteckt wird», sagt sie in einem Interview mit den Tamedia-Zeitungen. Zu 100 Prozent ausschliessen könne man die Theorie allerdings auch nicht.

Unterstützt oder gar gepusht wird die Theorie vor allem von der US-Regierung. Aussenminister Mike Pompeo stellte sie Anfang Mai in einem Interview mit dem TV-Sender ABC gleich selbst auf und sprach dabei von «überwältigenden Beweisen» dafür, dass der neuartige Erreger aus einem Labor in der chinesischen Stadt Wuhan stamme. Nur: Diese Beweise fehlen eben bis heute, auch wenn Pompeo (und US-Präsident Donald Trump) das Gegenteil behaupten.

«Es ist sehr unwahrscheinlich, dass chinesische Forscher in China ein so gefährliches Virus freisetzen.»

US-Verteidigungs-Nachrichtendienst DIA

Allerdings gibt es tatsächlich einige Indizien, die ein solches Szenario nicht gänzlich unwahrscheinlich erscheinen lassen. Zum einen hatte jeder dritte der ersten 41 Corona-Fälle in Wuhan keinen Kontakt zu dem Fischmarkt, wo das Virus – gemäss der nach dem heutigen Stand des Wissens plausibelsten Theorie – auf den Menschen übergesprungen ist. Dann besitzt das Wuhan Institute of Virology (WIV) die weltweit grösste Sammlung von Coronaviren aus wilden Fledermäusen, darunter auch jenes Virus, das Sars-CoV-2 am stärksten ähnelt. Zudem arbeiten Forscher am WIV mit einer relativ neuen und umstrittenen Methode, bei der es darum geht, die Eigenschaft von Viren zu verschärfen, um so für künftige Pandemien besser gerüstet zu sein, wie das Nachrichtenmagazin «Newsweek» berichtet. Heimtückisch an dieser Methode ist, dass die so gezüchteten Viren nicht oder nur sehr schwer von natürlichen Viren zu unterscheiden sind.

Es könnte also theoretisch sein – nochmals: dafür gibt es bislang keine Hinweise oder gar Beweise –, dass sich ein Mitarbeiter mit einem solchen Virus angesteckt hat und als «Patient zero» das Virus in Umlauf gebracht hat. Das wäre ein Unfall gewesen, eine unbeabsichtigte Freisetzung eines gefährlichen Erregers. Selbst der US-Verteidigungs-Nachrichtendienst DIA geht nicht von einer absichtlichen Freisetzung aus: «Es ist sehr unwahrscheinlich, dass chinesische Forscher in China ein so gefährliches Virus freisetzen, solange man dagegen keine wirksame Impfung hat», schreibt er in einem Report.

Betreibt auch Forschung mit Coronaviren aus Fledermäusen: Das Wuhan Institute of Virology (WIV).
Betreibt auch Forschung mit Coronaviren aus Fledermäusen: Das Wuhan Institute of Virology (WIV).
Foto: Reuters

Es ist gut möglich, dass wir nie genau wissen werden, ob das Labor bei der Verbreitung des Virus eine Rolle gespielt hat. Ob an dieser Theorie etwas dran ist, könnte nur eine unabhängige Untersuchung, zum Beispiel unter der Ägide der WHO, zeigen. Dafür bräuchte es von chinesischer Seite völlige Transparenz und Offenlegung aller Daten. Doch die Regierung in Peking praktiziert derzeit das Gegenteil: Sie hält alle Daten aus dem WIV unter Verschluss.

Fazit:

Die Labortheorie ist wahrscheinlich falsch, aber ganz ausschliessen kann man sie auch nicht. Eine Verschwörungstheorie im klassischen Sinn ist sie jedenfalls nicht.

Das Virus ist von einem Tier auf einen Menschen übergesprungen

An einem solchen Fischmarkt könnte das Virus seinen Ursprung gehabt haben: Händler in der chinesischen Stadt Guangzhou.
An einem solchen Fischmarkt könnte das Virus seinen Ursprung gehabt haben: Händler in der chinesischen Stadt Guangzhou.
Foto: Keystone

Die Umfrage:

62 Prozent der Teilnehmenden an der Tamedia-Umfrage glauben, dass diese Aussage richtig ist. Am höchsten ist die Zustimmung bei Menschen mit einem Uni- oder Fachhochschulabschluss (80 Prozent).

Der Check:

Die Mehrheit der Teilnehmenden an der Tamedia-Umfrage liegt da absolut richtig. Die Aussage «Das Virus ist von einem Tier auf den Menschen übergesprungen» ist nämlich keine Verschwörungstheorie. Denn alles spricht dafür, dass Sars-CoV-2 tatsächlich von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Zum einen, weil eigentlich alle für uns Menschen neuen Erreger aus Tieren stammen: das HI-Virus aus Affen, das Ebola-Virus aus Fledermäusen, Grippeviren aus Schweinen und Vögeln, Sars-CoV von 2002/2003 vermutlich aus Schleichkatzen, Mers-CoV aus Dromedaren und so weiter.

Zum anderen, weil es mittlerweile auch zu Sars-CoV-2 Studien gibt, die einen tierischen Ursprung des neuen Coronavirus belegen. Mitte März analysierten US-Forscher Sars-CoV-2 mit verschiedenen anderen Coronaviren. Dabei zeigte sich, dass die genetische Sequenz von Sars-CoV-2 am besten mit derjenigen eines Coronavirus aus chinesischen Hufeisenfledermäusen übereinstimmt, und zwar zu 96 Prozent.

Unwahrscheinlich ist aber, dass das Virus direkt von den Fledermäusen auf den Menschen kam, und zwar weil sich das Fledermausvirus in einem wichtigen Punkt von Sars-CoV-2 unterscheidet: in jenen Oberflächeneiweissen, die das neue Coronavirus benutzt, um menschliche Zellen zu entern. Daher gehen die meisten Forscher davon aus, dass das Virus über einen Zwischenwirt in den Menschen gelangte.

Solange Mensch und Tier nahe zusammenleben, werden immer wieder neue Viren auftauchen.

Welches Tier das sein könnte, weiss man aber noch nicht. Unter Verdacht stehen einerseits Schuppentiere, bei denen Forscher ein Coronavirus gefunden haben, das in Bezug auf das Oberflächeneiweiss mit Sars-CoV-2 gut übereinstimmt. Der deutsche Virologe Christian Drosten hält die Schuppentier-These allerdings für «abwegig», er vermutet eher Marderhunde als Quelle. Die seien in China eine Industrie, sagte er in einem Interview mit dem ORF. Es könne gut sein, dass sich jemand in einer Zuchtfarm angesteckt habe. Das wisse man aber einfach noch nicht.

Eines steht fest: Solange Mensch und Tier nahe zusammenleben, wie dies zum Beispiel in ostasiatischen Städten der Fall ist, werden immer wieder neue Viren auftauchen, die im schlimmsten Fall eine Pandemie, wie wir sie jetzt erleben, auslösen können.

Fazit:

Diese Aussage stimmt.

Die Massentierhaltung hat den Ausbruch des Virus begünstigt

Leben so eng, dass sich Krankheiten schnell ausbreiten können: Legehennen in einem deutschen Stall.
Leben so eng, dass sich Krankheiten schnell ausbreiten können: Legehennen in einem deutschen Stall.
Foto: Keystone

Die Umfrage:

17 Prozent der Teilnehmenden an der Tamedia-Umfrage glauben, dass diese Behauptung richtig ist. Sympathisanten der Grünen Partei zeigen hier die höchste Zustimmung (27 Prozent).

Der Check:

Diese Behauptung wurde unter anderem von der Tierschutzorganisation Peta lanciert. Massentierhaltung sei eine wahre Brutstätte für tödliche Krankheiten wie das Coronavirus, sagte Harald Ullmann, zweiter Vorsitzender von Peta Deutschland, gegenüber der Zeitung TAZ.

Nur: Die klassische Massentierhaltung, wie wir sie kennen, mit in engen Ställen zusammengepferchten Schweinen oder Hühnern, hat zwar viele Probleme, aber mit der aktuellen Corona-Krise hat sie wohl nicht viel zu tun. «Bei dem, was wir über Betacoronaviren wissen, spielt die Massentierhaltung keine Rolle», sagte der Wiener Tropenmediziner Herwig Kollaritsch in einem Interview mit Netdoktor.at. Es sei allerdings schon so, dass mit bestimmten Tierarten ein enger Kontakt gepflegt werde, sagte Kollaritsch. In China zum Beispiel sind das Fledermäuse oder Marderhunde (siehe Theorie 3). «Das hat mit Massentierhaltung aber nichts zu tun», sagte Kollaritsch.

Fazit:

Die Behauptung ist (weitgehend) falsch.

Der Mobilfunkstandard 5G hat die Ausbreitung des Virus gefördert

Die Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung sind in der Schweiz etwa zehnmal strenger als die internationalen Vorgaben: Ein Techniker arbeitet in Genf an einer 5G-Antenne.
Die Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung sind in der Schweiz etwa zehnmal strenger als die internationalen Vorgaben: Ein Techniker arbeitet in Genf an einer 5G-Antenne.
Foto: Keystone

Die Umfrage:

Nur drei Prozent der Teilnehmenden an der Tamedia-Umfrage glauben, dass diese Behauptung richtig ist.

Der Check:

Diese Aussage klingt vielleicht für viele abstrus, hat im Moment aber Hochkonjunktur. So verwies beispielsweise einer der Köpfe an der Demonstration in Zürich vorletztes Wochenende auf diesen Zusammenhang: der Kardiologe Thomas Binder aus Baden AG (lesen Sie dazu: Wer steckt hinter den «Corona-Rebellen»?).

Seine Theorie wird auch von vielen anderen geteilt: Demnach wird die Übertragung des Coronavirus durch 5G-Antennen gefördert, da sich deren Strahlung negativ auf das Immunsystem auswirkt. «Es gibt keine Studien, die eine direkte Verbindung zwischen 5G und Covid-19 bestätigen, und die erwähnten Theorien werden von der wissenschaftlichen Gemeinschaft bestritten», schreibt dazu das Bundesamt für Umwelt. Es verweist auf die Tatsache, dass die Verbreitung des Virus global ist und sich weit über die Regionen hinaus erstreckt, in denen 5G überhaupt eingeführt wurde.

«Covid-19 verbreitet sich in vielen Ländern, die nicht über 5G verfügen.»

WHO

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt: «Covid-19 verbreitet sich in vielen Ländern, die nicht über 5G-Mobilfunknetze verfügen. Viren können sich nicht mittels Funkwellen ausbreiten.» Simon Clarke, Zellbiologe der Universität von Reading in Grossbritannien, bezeichnete die Theorie im Interview mit der BBC als «Quatsch». Das Energieniveau von 5G-Strahlen sei nicht annähernd stark genug, um das Immunsystem zu beeinflussen.

Diese Aussagen bestätigt auch das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz. «Elektromagnetische Strahlung kann keine solchen Auswirkungen haben. 5G verursacht weder Zellabbau noch grippeähnliche Symptome», schrieb es auf Anfrage des Rechercheportals Correctiv.

Fazit:

Diese Behauptung ist falsch.

Das Virus ist nicht gefährlicher als eine Grippe

Kampf um Leben und Tod: Ärztinnen auf der Intensivstation des Spitals Pourtalès in Neuenburg.
Kampf um Leben und Tod: Ärztinnen auf der Intensivstation des Spitals Pourtalès in Neuenburg.
Foto: Keystone

Die Umfrage:

13 Prozent der Teilnehmenden an der Tamedia-Umfrage glauben, dass diese Behauptung richtig ist. Am häufigsten stimmten SVP-Sympathisanten dieser Aussage zu (22 Prozent).

Der Check:

Ja, man hört immer wieder, dass das neue Coronavirus nicht schlimmer als eine normale Grippe sei. Aber dem ist definitiv nicht so, diese Aussage ist schlichtweg falsch. Man muss sich nur in Erinnerung rufen, welche Bilder wir im März und April aus den Spitälern der Lombardei, aus Spanien oder etwas später auch aus New York gesehen habe. Die Leichen mussten teilweise in Kongresszentren gestapelt werden, Patienten lagen auf den Gängen, und das Gesundheitspersonal arbeitete wochenlang praktisch Tag und Nacht und war völlig am Anschlag. Solche Bilder möchte man nie mehr sehen. Kann sich jemand erinnern, dass dies bei einer «normalen» Grippewelle ebenfalls der Fall war?

An einer saisonalen Grippe (Influenza) sterben in der Regel weniger als 0,1 Prozent aller Infizierten, bei einer starken Grippewelle können es 0,1 bis 0,2 Prozent sein. Eine solche gab es 2015 in der Schweiz, damals starben laut Bundesamt für Statistik rund 2500 Menschen an der Grippe. Das ist viel, auch im Vergleich zu den bislang knapp 1900 Corona-Toten in der Schweiz. Dieser Vergleich hinkt aber massiv, denn man darf nicht vergessen, dass die Zahl der Corona-Opfer ohne Lockdown-Massnahmen viel höher, möglicherweise bereits im fünfstelligen Bereich läge. Zudem wäre in einem solchen Szenario unser Gesundheitssystem arg strapaziert worden, um es sachte auszudrücken.

Es gibt rund 5- bis 15-mal mehr Tote als bei einer saisonalen Grippe.

Wie vieles anderes rund um das neue Coronavirus ist auch die damit assoziierte Sterblichkeit noch nicht genau bekannt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen unterscheiden sich die Testregimes in einzelnen Ländern oder Regionen zum Teil so massiv, dass man die Zahlen gar nicht vergleichen kann. Zum anderen variieren auch die Angaben zur Dunkelziffer der Infizierten noch immer stark. Realistische Schätzungen, basierend auf verschiedenen Studien, gehen davon aus, dass etwa 0,5 bis 1 Prozent aller Infizierten an Covid-19 sterben. Das sind rund 5- bis 15-mal mehr Tote als bei einer saisonalen Grippe.

Fazit:

Die Behauptung ist falsch.

Bill Gates und die WHO dramatisieren die Situation aus Eigeninteresse

Werden immer wieder zu Sündenböcken gemacht: Milliardär und Philanthrop Bill Gates (rechts) und seine Frau Melinda.
Werden immer wieder zu Sündenböcken gemacht: Milliardär und Philanthrop Bill Gates (rechts) und seine Frau Melinda.
Foto: Keystone

Die Umfrage:

Acht Prozent der Teilnehmenden an der Tamedia-Umfrage glauben, dass diese Behauptung richtig ist. Auch dieser Aussage stimmen SVP-Sympathisanten am häufigsten zu (14 Prozent), am wenigsten CVP-Sympathisanten (2 Prozent).

Der Check:

Um Bill Gates ranken sich viele Mythen und Verschwörungstheorien, er ist quasi deren Epizentrum – und dies nicht erst seit das Coronavirus die Welt lahmlegt. Er soll die WHO steuern; er soll das Virus selbst erfunden haben, um nachher die ganze Welt dagegen zwangsimpfen und viel Geld damit verdienen zu können; er wolle Menschen durch die Impfungen auch Mikrochips unter die Haut injizieren, um sie überwachen zu können; und so weiter. Einige dieser Behauptungen sind so abstrus, dass man eigentlich nicht weiter darauf eingehen muss.

Der Reihe nach: Bill Gates hat einen signifikanten Anteil seines auf über 100 Milliarden Dollar geschätzten Vermögens seiner eigenen Stiftung, der Bill & Melinda Gates Foundation, vermacht. Mit einem Vermögen von derzeit 47 Milliarden Dollar ist sie die grösste gemeinnützige Stiftung der Welt. Die Hauptziele der Stiftung sind die Verbesserung der globalen Gesundheitsversorgung, die Bekämpfung von Armut sowie der Zugang zu Bildung und Informationstechnologien.

Die Stiftung setzt sich unter anderem für Impfprogramme ein, allein 2018 gab sie dafür vier Milliarden Dollar aus. Sie ist auch die grösste private Spenderin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – was ihr Einfluss über die Programme gibt, deswegen aber auch immer wieder Kritik einbringt. Zur Bekämpfung der aktuellen Corona-Krise und zur Entwicklung eines Impfstoffs hat die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung bislang 250 Millionen Dollar zugesagt.

«Die grösste Bedrohung der Menschheit ist nicht ein Atomkrieg, sondern ein hochinfektiöses Virus.»

Bill Gates, Philanthrop, 2015

Dass über Bill Gates gerade jetzt so viele Falschinformationen kursieren, hat unter anderem mit einem TED-Talk aus dem Jahr 2015 zu tun. In diesem Vortrag warnte Gates davor, dass nicht ein Atomkrieg die grösste Bedrohung für die Menschheit sei, sondern ein hochinfektiöses Virus, das über 10 Millionen Menschen töten könne. Das Video des Talks wurde bislang über 28 Millionen Mal angeklickt.

Rechtsnationale Kommentatoren behaupten nun, der Vortrag beweise, dass Bill Gates die Pandemie von langer Hand geplant habe, um die Kontrolle über das globale Gesundheitswesen an sich zu reissen. Weil Bill Gates öffentlich auch die Corona-Politik von US-Präsident Donald Trump kritisierte, ist er zum Feindbild Nummer eins der konservativen Rechten geworden.

Warnte 2015 in einem TED-Talk vor einer grossen Pandemie: Milliardär Bill Gates.
Warnte 2015 in einem TED-Talk vor einer grossen Pandemie: Milliardär Bill Gates.
Foto: TED

Eine der abstrusesten Verschwörungstheorien ist jene, wonach Bill Gates die Menschheit zwangsimpfen und allen Geimpften gleich noch einen Mikrochip unter die Haut implantieren will. Gates hatte zwar die Idee aufgebracht, dass Menschen, die von Covid-19 genesen sind, ein digitales Zertifikat erhalten könnten, das bestätigt, dass sie das Virus schon hatten: einen Immunitätsausweis also, wie er bei uns auch kontrovers diskutiert wird. Von einem Mikrochip, der unter die Haut eingepflanzt werden soll, hat Gates aber nie gesprochen. Die Geschichte ist frei erfunden.

Fazit:

Viele Behauptungen zu Bill Gates sind schlicht erlogen.

26'145 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 14. Mai online an der Corona-Umfrage von «20 Minuten» und Tamedia teilgenommen. Die repräsentative Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit LeeWas durchgeführt. LeeWas modelliert die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,4 Prozentpunkten.

306 Kommentare
    Claudia Müller

    Ich kann leider Ihren Faktencheck nicht überall nachvollziehen und hätte mir eine sachlichere Darstellung gewünscht. Hierzu ein paar Anmerkungen zu Ihrem Punkt 6:

    "Man muss sich nur in Erinnerung rufen, welche Bilder wir im März und April aus den Spitälern der Lombardei, aus Spanien oder etwas später auch aus New York gesehen habe. Die Leichen mussten teilweise in Kongresszentren gestapelt werden, Patienten lagen auf den Gängen, und das Gesundheitspersonal arbeitete wochenlang praktisch Tag und Nacht und war völlig am Anschlag. Solche Bilder möchte man nie mehr sehen."

    Haben solche Abschnitte, die mit den Emotionen des Lesers spielen, in einem Faktencheck ihre Berechtigung?

    "[...] man darf nicht vergessen, dass die Zahl der Corona-Opfer ohne Lockdown-Massnahmen viel höher, möglicherweise bereits im fünfstelligen Bereich läge."

    Dieses "möglicherweise bereits im fünfstelligen Bereich" ist reine Vermutung und hat meines Erachtens in einem Faktencheck nichts zu suchen.

    "Realistische Schätzungen, basierend auf verschiedenen Studien, gehen davon aus, dass etwa 0,5 bis 1 Prozent aller Infizierten an Covid-19 sterben. Das sind rund 5- bis 15-mal mehr Tote als bei einer saisonalen Grippe."

    Von welchen Studien gehen Sie aus? Ich fände eine Verlinkung sinnvoll. Die Heinsberg-Studie geht von einer Todesrate von 0.37% aus. https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/corona-die-heinsberg-studie-und-ihre-ergebnisse/

    Hier noch der Link zu einer weiteren Studie. Diese geht von 0.04 - 1.12% aus. https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.02.12.20022434v2

    Ihre Aussage "Es gibt rund 5- bis 15 mal mehr Tote als bei einer saisonalen Grippe" gehört meines Erachtens ebenfalls nicht in einen Faktencheck rein, ausser wenn es sich nicht mehr um eine Schätzung handelt, sondern um eine unwiderrufbare Tatsache.

    Mein Fazit: Faktenchecks sind sehr wichtig und sinnvoll, sofern sie objektiv und seriös durchgeführt wurden. Leider hat es dieser Artikel nicht geschafft. Probeabo wird nicht verlängert.