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«Dann realisierte ich, dass ich keinen Job mehr suchen muss»

Roman Tschäppeler ist diplomierter Kaospilot, Musiker, Manager und ein äusserst vielseitiger Unternehmer. Im Interview erzählt der 30-Jährige, wie er mit Kochweltmeister Ivo Adam trotz mehrfach gescheiterten Vertragsverhandlungen erfolgreich zusammenarbeitet und warum er lieber keine langweiligen Dinge mehr macht, die viel Geld abwerfen.

Herr Tschäppeler, was schreiben Sie in Formularen unter der Rubrik «Beruf» jeweils hin? ROMAN TSCHÄPPELER: Meistens Projektmanager oder Geschäftsführer. Das variiert aber je nach Kontext, ich bin ja auch Ideenentwickler, Verleger, Musikproduzent, Buchautor, Koordinator und Kulturveranstalter.

Das klingt nach einem ziemlich chaotischen Berufsalltag. Seit mein Büro nicht mehr identisch ist mit meiner Wohnung, ist es besser geworden. Die Arbeit in einer Bürogemeinschaft ist nicht nur spannend und befruchtend, sondern auch disziplinierend. Meist erinnert mich am Mittag einer der Kollegen daran, dass es jetzt Zeit zum Essen ist – vorher ging das oft unter. Ich führe keinen 24-Stunden-Betrieb, aber meine Antennen sind immer auf Empfang.

Sie sind mit 20 Jahren, nach der Matura, bei der Bieler Ideenfabrik Brainstore in ein geregeltes Berufsleben ein- und zwei Jahre später schon wieder ausgestiegen. War es so schlimm, im Angestelltenverhältnis zu arbeiten? Nein, überhaupt nicht. Vorher war ich schon unternehmerisch tätig gewesen, hatte mit 17 Jahren die Kulturfabrik in Lyss gegründet – was unter anderem dank meinen guten Kontakten zur Politik, konkret: meiner Liaison mit der Tochter des Gemeindepräsidenten, möglich geworden war. Bei Brainstore lief alles bestens, Ende der Neunzigerjahre zahlten die Kunden unglaubliche Geldsummen für gute Ideen, ich arbeitete wie verrückt, verdiente sehr gut, hatte eine schöne Wohnung und eine gute Zeit – nur spürte ich, dass ich nicht sehr lange so weitermachen konnte und dass ich mich nicht behaglich einrichten wollte in dieser Art des Wohlstands.

Dann brachen Sie die Zelte ab, zogen ins dänische Aarhus und absolvierten die Ausbildung zum Kaospiloten. Ja, ich dachte, es wäre nicht schlecht, ein Papier in der Hand zu haben – erst später merkte ich, dass in der Schweiz niemand etwas damit anfangen kann. Für mich war es gleichwohl das beste Studium, das ich mir denken kann, ein grosses Tummel- und Experimentierfeld, das die Freude am Querdenken erhöht. Die Kaospiloten beherrschen das Navigieren in chaotischen Verhältnissen. Das ist in der heutigen Zeit eine ganz gute Qualifikation.

Half sie Ihnen bei der Stellensuche? Nicht direkt, ich hatte ja ein in der Schweiz unbekanntes Diplom in der Tasche und der Stellenmarkt war 2003 nicht gerade rosig. Zu der Zeit traf ich in der Kulturfabrik den Kochweltmeister Ivo Adam. Er erzählte mir von seinen Plänen, etwas zum Thema Jugend und Ernährung zu machen. Im Halbernst entwickelten wir die Idee, seine Rezepte mit Rap-Musik zu unterlegen, daraus ergaben sich ein erstes Projekt und später Folgegeschichten – irgendwann realisierte ich, dass ich keinen Job mehr suchen musste, sondern eher weitere Kunden.

Und da kam Ihnen entgegen, dass Sie ein blendender Kommunikator und Verkäufer sind. Ich bin kein guter Verkäufer, aber wenn ich mit jemandem ins Gespräch komme, dann kann ich ihm gut helfen und ihm das bieten, was er wirklich braucht. Aber ich hätte mir den Schritt in die Selbständigkeit damals vielleicht gar nicht zugetraut, wenn mich nicht mein Vater in diese Richtung geführt und mir 20'000 Franken für die Gründung einer GmbH geliehen hätte. Die Räpzept-Idee war Zufall, wir ahnten damals nicht, dass wir 100'000 Tonträger verkaufen und mit der englischen Version des Rezept-Raps sogar in New York für Aufsehen sorgen würden. Nun habe ich bereits das dritte Kochbuch mit Adam herausgegeben und er hat vor einem Jahr drei Restaurants in Ascona eröffnet. In fünf Jahren Zusammenarbeit haben wir eine gute Medienpräsenz erlangt.

Sie sind sein Manager und Vermarkter – ist er stärker von Ihnen abhängig oder Sie von ihm? Diese Frage vermochten wir bis heute nicht zu klären. In den ersten drei Jahren haben wir 15 Anläufe unternommen, unsere Zusammenarbeit vertraglich zu regeln. Irgendwann haben wirs aufgegeben, die Vertrauensbasis ist gut genug.

Diese Woche kommt das Buch «50 Erfolgsmodelle» in die Buchläden, das Sie mit dem Journalisten und Kaospiloten Mikael Krogerus verfasst haben. An wen richtet sich das «kleine Handbuch für strategische Entscheidungen»? An alle, die gute Entscheidungen treffen, Dinge verändern, effizienter werden und sich selber besser kennenlernen wollen. Da ich gerne zeichne und es gerne einfach mag, habe ich ein Faible für Modelle, also für die Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Eigentlich haben wir einen kleinen Westentaschen-Lehrgang für Kaospiloten verfasst, sozusagen den theoretischen Fundus der Ausbildung zusammengetragen.

Welche Projekte beschäftigen Sie sonst? Machen Sie immer noch Musik? Natürlich, die 10-köpfige Band «Männer am Meer» gibt viel Arbeit, wir produzieren Alben, geben Konzerte, feilen an neuen Texten. Damit wird niemand von uns reich, das ist eine «Schwarze-Null-Herzensangelegenheit». Daneben beschäftigt mich der Bau einer neuen Kulturfabrik in Lyss, das ist ein sehr arbeitsintensives 4,5-Millionen-Projekt. Und ich gebe weiterhin Seminare und Workshops zu Ideenentwicklung.

Gleichwohl gewinnt man den Eindruck, Sie hätten nicht mehr wie noch vor zwei Jahren zehn Baustellen gleichzeitig offen. Das stimmt, ich bin in einer Konsolidierungsphase und habe nicht mehr das Gefühl, alles machen zu müssen. Wenn ich früher zehn Mal ja und einmal nein sagte, so ist es heute genau umgekehrt. Ich will keine langweiligen Dinge machen, bloss weil ich damit gut verdiene.

Hat es Sie nie gereizt, Ihre Talente besser zu vergolden? Ich bin wahnsinnig neidisch auf meine Kollegen, die viel mehr Geld machen als ich, das will ich gar nicht verheimlichen. Lustigerweise beneiden mich manche von ihnen darum, wie gut ich mich in meinem Job verwirklichen kann. Es ist tatsächlich ein Luxus, spannende Projekte zu realisieren, die nicht viel Geld abwerfen. Manche von ihnen wären allerdings weniger nervenaufreibend, wenn man nicht endlos über die Finanzierbarkeit diskutieren müsste. Wenn ich mich aber mit jenen vergleiche, die für 8000 Franken im Monat einem stressigen Bürojob nachgehen, bin ich der freiste und glücklichste Mensch der Welt.

Kontakt und Information: www.guzo.ch Literatur: R. Tschäppeler / M. Krogerus: 50 Erfolgsmodelle – Kleines Handbuch für strategische Entscheidungen. Verlag Kein & Aber. 176 S., 26.80 Fr.

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