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Der neue Tigers-CheftrainerDarum nimmt er die Herausforderung an

Rikard Franzén wollte lange gar nicht Headcoach werden. Nun wagt der 52-jährige Schwede das Abenteuer bei den SCL Tigers – obwohl das Team auf dem Papier jedem Gegner unterlegen ist.

Rikard Franzén mag nicht schwarzmalen. Der Trainer will mit Aussenseiter Langnau die Konkurrenz ärgern.
Rikard Franzén mag nicht schwarzmalen. Der Trainer will mit Aussenseiter Langnau die Konkurrenz ärgern.
Foto: Christian Pfander 

Die Frau bleibt stehen. Sie will den Fotografen nicht stören, der gerade dabei ist, einen Mann in knallroter Trainingsjacke abzulichten. Dieser aber blickt kurz zu ihr, lässt sie mit einem Handzeichen passieren und sagt dann höflich «Grüessech». Rikard Franzén ist in Langnau heimisch geworden. Obwohl er vor seinem Wechsel zu den SCL Tigers 2018 stets in einer Grossstadt gelebt hat, mag er das Flair im Dorf. «Weil die Leute einander eben noch grüssen, freundlich zueinander sind.» Franzén hat in Langnau eine Lieblings-Spazierroute, und er ist ab und an auf dem Golfplatz in Oberburg anzutreffen. Beides dient primär einem Zweck: den Kopf vom Eishockey zu lüften.

Es ist durchaus möglich, dass er dies in den kommenden Wochen öfter wird tun müssen. Denn der 52-jährige Schwede steht vor der wohl schwierigsten Aufgabe seiner Karriere: Er startet mit einem Team in die Saison, das den meisten Gegnern auf dem Papier klar unterlegen ist. Daran könnte ein Trainer verzweifeln. Doch Franzén sagt: «Ich habe gewusst, worauf ich mich einlasse. Alle wissen, dass es hart wird. Aber hey: Profisport ist hart.»

Beinahe hätte er sich vom Eishockey abgewendet

So leicht bringt man Franzén nicht aus der Fassung. Dafür hat er in diesem Business schon zu viel gesehen. Er war jahrelang Captain des Traditionsvereins AIK, spielte für die schwedische Nationalmannschaft und wechselte gegen Ende seiner Karriere noch zum SCB. Doch ausgerechnet als Cheftrainer arbeitete Franzén bis anhin erst wenige Monate. Weil er lange Zeit gar nicht in diese Rolle schlüpfen wollte. Ja, es gab sogar eine Phase, in der er mit dem Gedanken spielte, sich komplett vom Eishockey abzuwenden.

Als in seiner letzten Saison als Spieler sein Vater starb, zog er sich danach ein halbes Jahr zurück; er ging fischen, spielte Golf. Dann erhielt er einen Anruf aus Stockholm und kehrte als Team-Manager und später als Sportchef der Nachwuchsabteilung von AIK doch in «sein» Business zurück. Nicht zuletzt, weil diese Arbeit ihm ermöglichte, viel Zeit mit seinen Kindern zu verbringen.

«Es wäre dumm von mir, wenn ich nun eine andere Person vorspielen würde. Dann würden die Leute rasch den Respekt vor mir verlieren.»

Rikard Franzén

Sohn Mathias und Tochter Moa sind längst erwachsen. Doch erst als die SCL Tigers einen Nachfolger für Ehlers suchten, riet dieser Franzén, den entsprechenden Schritt zu machen. «Rikard ist loyal, sozial und freundlich. Aber er steht auch für seine Meinung ein, und du entwickelst dich nur, wenn du Leute mit einer eigenen Meinung neben dir hast», sagt der Däne. Deshalb wollte er Franzén stets in seinem Trainerteam haben.

Aber ist ein guter Assistenzcoach automatisch ein guter Headcoach? Franzén hat diese Frage in den letzten Wochen gefühlt 1000-mal gehört. Er verweist auf seine Heimat. «Dort gibt es fünf Trainer pro Team, die Aufteilung zwischen Headcoach und Assistenten ist nicht so strikt, man entscheidet zusammen. Nur wenn man sich nicht einig ist, hat der Headcoach das letzte Wort», erklärt er. Deshalb ist es ihm wichtig, mit Assistent Jens Nielsen und Goalietrainer Viktor Alm ein gutes Team zu bilden.

Rikard Franzén blickt auf eine lange, erfolgreiche Karriere zurück: Unter anderem spielte er auch zwei Jahre für den SCB.
Rikard Franzén blickt auf eine lange, erfolgreiche Karriere zurück: Unter anderem spielte er auch zwei Jahre für den SCB.
Foto: Stefan Anderegg

Mehr Freiraum, mehr Teamgeist

Als Chef wird Franzén, der nah an den Spielern dran ist, aber auch unpopuläre Entscheidungen fällen müssen. «Es bedeutet nicht, dass ich nicht hart sein kann, nur weil ich Assistenzcoach war», sagt er. «Aber es wäre dumm von mir, wenn ich nun eine andere Person vorspielen würde. Dann würden die Leute rasch den Respekt vor mir verlieren.»

Die Spieler bestätigen das. «Man merkt, dass er der Chef ist, und das ist auch gut so», sagt etwa Stefan Rüegsegger. Franzén spreche viel, sei freundlich, sagt Nolan Diem. «Für ihn ist es wichtig, dass wir uns wohlfühlen.»

Der Schwede wird seinem Personal auf dem Eis mehr Freiraum gewähren. Wobei die Systemanpassung auch der Not geschuldet ist, weil Langnau mit Harri Pesonen und Chris DiDomenico die besten Skorer verlor. «Deshalb müssen wir den Puck öfter vors Tor bringen, uns mehr Chancen erarbeiten. Dann kann jeder in diesem Team skoren», sagt Franzén. Daneben setzt er auf den Teamgeist. Als er nach Langnau gekommen sei, habe er eine verschworene Gruppe angetroffen. «Deshalb kamen wir ins Playoff. Letzten Winter dagegen hatten wir diesbezüglich ein Problem.» Die Folge ist bekannt: Ohne den Saisonabbruch hätten die Langnauer gegen den Abstieg spielen müssen.

Aber was können die SCL Tigers mit dieser Mannschaft überhaupt erreichen? Franzén möchte – allen Widerständen zum Trotz – in die Top Ten und sich damit ein Hintertürchen fürs Playoff offen halten. Und: «Wir wollen den Zuschauern etwas bieten. Sehen sie, dass wir hart spielen, werden sie hinter uns stehen

1 Kommentar
    P. Engel

    Seit ich zurück denken kann, steht der SCL Tigers im Schatten vom SCB, und ich war am Arbeitsplatz in Bern immer der einzige, der am Montag blöde Sprüche anhören musste, wenn der SCL gegen den SCB verloren hatte. Dass sich dieser Emmentaler Dorf-Klub seit seiner Gründung (1946) mehrheitlich in der Liga A halten kann, ist eigentlich ein grosses Wunder! Jetzt stelle ich endlich fest, dass der SCL nur ein 1 Jahr älter ist als ich:-) Ich wünsche Herrn Franzén und seinem Team alles Gute!