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Disneys Angriff auf NetflixDas Imperium schlägt zurück

Der Disney-Konzern will bis 2024 weltweit 350 Millionen Abonnenten haben – und dafür massenhaft neuen Stoff produzieren. Im Zentrum: Das «Star Wars»-Universum.

Der Unterhaltungskonzern Disney will neue Serien aus dem «Star Wars»-Universum lancieren. Im Bild  «The Mandalorian».
Der Unterhaltungskonzern Disney will neue Serien aus dem «Star Wars»-Universum lancieren. Im Bild «The Mandalorian».
Foto: Keystone

Es gibt in «Star Wars» diesen Moment, in dem der Halunke Han Solo vom Planeten Tatooine und vor imperialen Streitkräften fliehen will. Sein Raumschiff ist ramponiert, die Waffen des Gegners sind geladen. Einziger Ausweg: Lichtgeschwindigkeit. Er vollführt ein paar Manöver und Berechnungen, dann schiebt er einen Hebel nach vorne, und schon ist der Falke unterwegs im Hyperspace und ausserhalb der Reichweite der Feinde.

Der Disney-Konzern, dem die Rechte am «Star Wars»-Universum gehören, hat Anfang Dezember ein ganz ähnliches Manöver hingelegt. Er schien aufgrund der Coronavirus-Pandemie ebenfalls ein wenig ramponiert zu sein: Freizeitparks wie Disneyland sind seit Monaten geschlossen, die Produktion von Filmen und Serien ist nur eingeschränkt möglich. Das Unternehmen hat gerade einen Verlust von 2,8 Milliarden Dollar fürs abgelaufene Geschäftsjahr verkündet und 30’000 Mitarbeiter entlassen, Streaming-Konkurrenten wie Netflix wirken bereit für einen Angriff.

Disney will bis 2024 die Zahl der Abonnenten vervierfachen.

Nun haben Disney-Chef Bob Chapek und Verwaltungsratspräsident Bob Iger ganz wie Han Solo einen Hebel nach vorne geschoben. «Wir fangen gerade erst an», sagte Chapek am Ende einer Vier-Stunden-Präsentation vor Investoren, und das darf durchaus als Drohung verstanden werden. Vor einem Jahr hatte der Konzern sein Streamingportal Disney+ gestartet und angekündigt, bis 2024 weltweit zwischen 60 und 90 Millionen Abonnenten gewinnen zu wollen. Konkurrent Netflix lag damals bei 167 Millionen und dürfte mittlerweile die 200-Millionen-Marke überschritten haben. Nun, im Dezember 2020, hat Disney bereits 86,8 Millionen Disney+-Abonnenten. Der Konzern hat seine Prognose korrigiert, nein, er hat sie mit Lichtgeschwindigkeit nach oben geschoben: Es sollen jetzt zwischen 230 und 260 Millionen, über alle Plattformen hinweg sogar 350 Millionen Abonnenten werden.

Der Preis für das Abo dürfte steigen

Normalerweise sind Veranstaltungen wie der «Disney Investor Day» ziemlich dröge. Apple-Gründer Steve Jobs hat diesen Präsentationen mit seinen «One More Thing»-Ankündigungen Würze verliehen. Doch das, was Disney da an seiner Veranstaltung Anfang Dezember veranstaltet hat, hätte sich auch Jobs nicht ausmalen können.

Immer wieder fiel das Kürzel «DTC». Die Direct-to-Costumer-Strategie bedeutet nichts anderes, als dass der Konzern seine Inhalte möglichst ohne Drittanbieter wie Kinos oder TV-Sender zu den Leuten bringen will. Es gibt das eigene Portal Disney+, die Plattform Hulu (derzeit 38,8 Millionen Abonnenten) sowie die auf Sport fixierte App ESPN+ (11,5 Millionen). Nun soll Star+ hinzukommen. In Europa soll das neue Angebot in Disney+ integriert werden, weswegen der Preis im März um rund ein Viertel ansteigen soll. In der Schweiz kostet der Zugang aktuell monatlich noch 9.90 Franken.

Disney-Chef Bob Chapek investiert viel Geld ins Streaming-Angebot.
Disney-Chef Bob Chapek investiert viel Geld ins Streaming-Angebot.
Foto: Keystone

Die Zuschauer wird aber vor allem interessieren, mit welchen Inhalten Disney seine Plattformen bespielen möchte, und da gibt es einige Überraschungen. Das Star-Wars-Universum soll symbolisch dafür stehen, wie sich der Konzern aufstellen will: Es soll zum Beispiel die Serie «Obi-Wan Kenobi» über den Jedi-Ritter geben, dargestellt von Ewan McGregor. Geplant ist die Serie «Lando» über den Gauner Lando Calrissian. Ebenfalls in Auftrag: Ein neuer Film, den die Regisseurin Patty Jenkins («Wonder Woman») verantwortet, das eher düstere «The Bad Batch», und zwei Spin-offs der erfolgreichen Serie «The Mandalorian» sowie eine Serie mit den Robotern C-3PO and R2-D2.

Eine ähnlich grosse Palette an Projekten hat Disney für andere Sparten vorgelegt. Also: Superhelden-Abenteuer aus dem Marvel-Universum, Zeichentrickfilme von Pixar, Dokumentarfilme und -serien von National Geographic, neue Sportrechte wie zum Beispiel der College-Football-Liga SEC, eine Serie basierend auf den «Alien»-Filmen und eine mit den «Cars»-Protagonisten Lightning McQueen und Mater.

Disney hat das Who’s who der Unterhaltungsbranche versammelt

Die Präsentation war deshalb so atemraubend, weil der Konzern nicht nur bei den Schauspielern, sondern auch bei Regisseuren, Autoren und Produzenten das Who’s who der Unterhaltungsbranche lieferte und penibel darauf achtete, auch nur ja keinen Markt unerwähnt zu lassen: Die Disney-Prinzessin kommt zum ersten Mal aus Südostasien, Ms. Marvel wird von der pakistanisch-kanadischen Schauspielerin Iman Vellani verkörpert, Hamilton-Autor Lin-Manuel Miranda verantwortet den Film «Encanto», der in Kolumbien spielen soll. Die afrikanische Comicbuch-Serie «Iwájú» wird als Zeichentrick-Projekt produziert.

«Die Pandemie war ein Beschleuniger dessen, was sich ohnehin angedeutet hatte.»

Bob Chapek, Disney-Chef

«Ich will sicherstellen, dass die kreativen Rohre weiterhin gefüllt sind», sagte Iger, der im Februar die Geschäftsführung an Chapek abgegeben hat. «Das ist wichtig, zumal wir Disney+ weltweit zur Verfügung stellen wollen.» Da war sie also, die wirkliche Botschaft: Es gibt eine Zeichnung von Firmengründer Walt Disney, auf der er die Verknüpfungen eines Entertainment-Konzerns darlegt, also Merchandise, TV-Rechte, Freizeitparks, Musik, Magazine. Alles ist mit allem verbunden, und der Knotenpunkt damals: qualitativ hochwertige Inhalte. Daran hat sich bis heute nichts geändert in der Konzern-Philosophie, auch wenn die Themen im digitalen Zeitalter andere geworden sind. «Die Pandemie war ein Beschleuniger dessen, was sich ohnehin angedeutet hatte», sagt Chapek. «Wir richten uns konsequent nach den Wünschen der Zuschauer.»

Der Musiker Pharrell Williams macht bald die Musik für einen neues Projekt mit dem «König der Löwen»
Der Musiker Pharrell Williams macht bald die Musik für einen neues Projekt mit dem «König der Löwen»
Foto: Keystone

Auch wenn diese Strategie der Anpassung in Zeiten der Krise zunächst einmal beeindruckend wirkt, so ist freilich auch festzustellen: Der Disney-Konzern kann es sich nun mal leisten, die Verluste in diesem Jahr hinzunehmen, die Ausgaben für eigene Inhalte bis 2024 pro Jahr auf mehr als 8 Milliarden Dollar zu steigern und Studios in Los Angeles, England und Australien zu bauen. Dazu passte, dass auf der Konzern-Website, während die Leute auf den Beginn dieser wahnwitzigen Präsentation warteten, das Rundum-Sorglos-Lied «Hakuna Matata» aus «König der Löwen» zu hören war. Ach ja: Auch dazu wird es ein neues Projekt mit echten Tieren geben. Die Musik dazu liefern, da wundert einen schon nichts mehr: Film-Musik-Star Hans Zimmer und der US-Sänger Pharrell Williams. Wer sonst?

8 Kommentare
    Sacha Meier

    Da hat der gute Herr Chapek durchaus Recht: Corona ist ein Beschleuniger. Und zwar ein Brandbeschleuniger für den Wechsel von der guten alten Konsumökonomie, als die Menschen noch Kulturgüter zu moderaten Preisen erwerben und dauerhaft nutzen konnten - etwa Bücher, Schallplatten, CDs DVD/BD - zur modernen «as a Service» Ökonomie. Diese beruht auf der Idee, dass der Konsument nicht mehr für den Besitz, sondern die Nutzung zahlt. Das immer und immer wieder. Im Prinzip eine Win-Win-Situation. Der Konsument kann mehr konsumieren, weil er kein Kapital mehr für den Erwerb von Konsumgütern binden muss, während der Anbieter immer und immer wieder Geld erhält. Und dazu auch noch die Nutzerdaten. Streaming-Abos, virtuelle E-Book-, Musik- und Filmsammlungen, aber auch viel Software, wie etwa Microsoft365, Adobe und AutoCAD, sowie Geräte mit geplanter Obsoleszenz, bzw. gesetzlich, per DMCA kriminalisierten unautorisierten Reparaturen (vgl. iPhone 12) kommen dieser Idee schon sehr nahe. Kein Wunder, investiert Disney ins Streaming. Wenn alles «as a Service» zu haben ist, brauchen wir, das Proletariat, gar kein Eigentum mehr. Dank IoT und LoRa/5G könnten wir - neben der Unterhaltung - bald auch unsere Wohnungen, Velos, Möbel, Mobiltelefone, Kleider, Schuhe abonnieren. Jeweils in der Nutzung sekundengenau abgerechnet. Und wird etwa das Schuh-Abo nicht bezahlt, kommt ein Dorn aus der Sohle und verunmöglicht die weitere Nutzung. Sacheigentum können sich dann nur noch die Reichen leisten.