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True-Crime-Story aus der SchweizDas Killer-Pärchen aus dem Aargau

Die literarische Reportage «Revolverchuchi» rollt einen spektakulären Raubmord aus den 1950er-Jahren neu auf – und stellt die Frage: Weshalb ist die Realität immer viel gruseliger als die schwärzeste Fantasie?

Bonnie und Clyde auf dem Dorfe: Die norwegische Hilfsköchin Ragnhild Flater und ihr Geliebter, der Boxer und Gipser Max Märki.
Bonnie und Clyde auf dem Dorfe: Die norwegische Hilfsköchin Ragnhild Flater und ihr Geliebter, der Boxer und Gipser Max Märki.
Foto: StAAG/RBA

15 Mal traf der gusseiserne Wagenheber den Kopf des Opfers. Zuerst schlug der Mann zu. Dann auch die Frau. An den Banknoten, welche die beiden dem Schwerverletzten aus der Anzugtasche rissen, klebte das Blut. Wenig später warfen sie ihn von einer Brücke in die Reuss, wo er ertrank.

Dies geschah am 19. Oktober 1957 in der Nähe von Mülligen, Aargau, und es war bis dato eines der «grausamsten Verbrechen der Schweiz» («Schweizer Illustrierte»). Die Untat ereignete sich wie aus dem Nichts, die Täter kamen aus dem Schoss der Gesellschaft. Auch heute noch kann man sich der ambivalenten Wirkung des Geschehens, dem Grauen und der Faszination, kaum entziehen.

«Revolverchuchi», so heisst das soeben erschienene Buch des Journalisten Peter Hossli, das gewissenhaft die Bluttat des Gipsers Max Märki, damals 25, und der norwegischen Hilfsköchin Ragnhild Flater, 20, nachzeichnet. Das Liebespaar «massakrierte», wie es in der Presse hiess, den 30-jährigen Handelsvertreter Peter Stadelmann aus Rohr bei Aarau und erbeutete 4100 Franken; mit dem Geld wollten die Verliebten nach Amerika. Die Story hat Drive, sie ist spannungsreich. Und sie ist wahr.

Die dunkelste Seite der Realität

«True Crime Story», wahre Kriminalfälle, heisst das Genre, in die Hosslis Geschichte passt. Das Format ist, zugegeben, nicht ganz neu (man denke an Truman Capotes «In Cold Blood», 1965), es erfährt indessen «derzeit einen Hype», wie die FAZ kürzlich feststellte. Dabei handelt es sich um ein multimediales Phänomen, seit kurzem auch im deutschen Sprachraum: «Zeit Verbrechen», den True-Crime-Grosserfolg des «Zeit»-Verlages gibt es als Podcast und als Monatsmagazin und macht dem Magazin «Crime» aus der «Stern»-Redaktion Konkurrenz. Und der Münchner Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach verkauft seine Geschichten um wahren Mord und Totschlag besser denn je.

«Massakriert»: Das Mordopfer Peter Stadelmann aus Rohr AG.
«Massakriert»: Das Mordopfer Peter Stadelmann aus Rohr AG.
Foto: StAAG/RBA

Mächtige Treiber des Booms sind die True-Crime-Titel aus der Serien-Fabrik von Netflix. Neuester Schlager: «Tiger King», eine belegte Kriminalgeschichte aus dem schrillen Milieu amerikanischer Privatzoo-Besitzer. Und da ist natürlich der US-Podcast «Serial», 80 Millionen Mal im Netz abgerufen, der in mehreren Staffeln den Mord an einer High-School-Studentin neu aufrollt – die Benchmark fürs Audio-Storytelling. Nebenbei bemerkt, True-Crime-Podcasts, so stellten Medienwissenschaftler fest, werden mehrheitlich von Frauen angehört.

Echtes Verbrechen, bezeugte Niedertracht und erlebte Gewalt sind eben gruseliger als Kunstblut-Schocker und Räuberromane. Und die besten True-Crime-Werke erzählen immer auch von individuellen Katastrophen und sozialen Nöten. Ein Millionen-Publikum weiss das mittlerweile zu würdigen.

Ermittlungen im Aktenkeller

Nun also nimmt sich das Erfolgs-Genre der jüngeren Aargauer Kriminalgeschichte an. Hossli hat nicht nur den Fall recherchiert, sondern auch das Umfeld, die Zeit. Die Ereignisse sind von Quellen und Zeitzeugen belegt, die Dialoge der Protagonisten aus Verhörprotokollen und Briefen rekonstruiert. Hossli sass, so sagt er, bei seinen Nachforschungen drei lange Monate im Aargauer Staatsarchiv, um 1500 Seiten Gerichts- und Polizei-Akten abzutippen.

Die Mühe hat sich gelohnt. Zwar bewegen sich die Charaktere etwas steif durch die Story (etwa so wie das Mittelland-Personal in den Büchern eines Otto F. Walter). Doch die Beschreibung der Zeit, die Bilder passen. Und die Montage des Plots ist gekonnt gemacht, spannungsreich und packend.

Nasses Grab: Die Suche  der Leiche von Stadelmann bei der Reuss-Brücke zwischen Birmenstorf und Mülligen.
Nasses Grab: Die Suche der Leiche von Stadelmann bei der Reuss-Brücke zwischen Birmenstorf und Mülligen.
Foto: StAAG/RBA

Indessen ist der Autor manchmal etwas detailverliebt. Etwa dann, wenn er in eine Bahnhofsszene einfliessen lässt, 1957 seien noch 88 Prozent alle SBB-Waggons mit unbequemen Holzbänken möbliert gewesen. Ach ja? Die eine oder andere Weglassung und Begradigung hätte dem Text ohnehin gutgetan, der Geschichte nochmals Tempo verliehen – die Glaubwürdigkeit der Ermittlung hätte darunter nicht gelitten.

Dabei liegt die eigentliche Qualität des Buchs nicht so sehr in der getreulichen Rekonstruktion eines Verbrechens, sondern in der plastischen Schilderung der helvetischer Provinz Ende der Fünfzigerjahre. Restaurants heissen Tearooms, die Kinos spielen Western, die Jukebox Rock’n’Roll. Es ist eine Zeit, in der die Wirtschaft hochtourig dreht und vielen Tüchtigen der Aufstieg aus der Armut in die Mittelschicht gelingt.

Doch in jeder Zeit gibt es Verlierer. Typen wie Märki aus Brugg, an dem der Aufschwung der Nachkriegsjahre vorbeizieht. Mitte zwanzig ist Märki bereits dreifacher Vater und geschieden, immer knapp bei Kasse, aber mit genug Vorstellungskraft versehen, sich ein besseres Leben auszumalen. Aber sein Ausbruchsversuch aus der Misere misslingt.

Eskalierender Dilettantismus

Ein besonderes Kennzeichen realer Kriminalität ist oft, wie dürftig die Tat geplant ist, wie stümperhaft ausgeführt – die Täter sind ihren Verbrechen nicht gewachsen. Ein einzelner Schlag mit dem Wagenheber hätte den Handelsmann betäuben sollen, das war der Plan gewesen – nur wollte und wollte dieser nicht zu Boden gehen. Der Mord war eskalierender Dilettantismus, eine Panne.

Vom Gewissen und von Angst gequält, gesteht Märki nach einigen Wochen die aus Habgier verübte Tat. Das Geständnis ist ein Glück für die Gerechtigkeit – Polizei, Pendler und Hellseher hatten Täter und Tatort nicht ausmachen könne. Ende 1958 verurteilt das Aargauer Kriminalgericht das Mörderpaar. Max sitzt 15 Jahre im Zuchthaus, 1992 stirbt er in Aarau; Ragnild wird nach 9 Jahren Gefängnis 1967 nach Norwegen ausgewiesen. Amerika sehen die beiden nie.

Ein Ende im Zuchthaus:  Märki betritt das Gerichtsgebäude, Aarau, 10. Dezember 1958.
Ein Ende im Zuchthaus: Märki betritt das Gerichtsgebäude, Aarau, 10. Dezember 1958.
Foto: StAAG/RBA

Der Autor von «Revolverchuchi» – Journalist beim Fernsehen und bei Printmedien, aus dem Aargau stammend – stellt sich in die Tradition des New Journalism, jenes Reportagestils, ausgebildet Anfang der 1960er-Jahre, der hohe Faktentreue mit literarischen Stilmitteln paart. Man muss nicht, aber man darf solch hartnäckig recherchierte Stoffe als Gegenposition zu den Fake-Texten eines Claas-Hendrik Relotius sehen. Wir erinnern uns: Im Dezember 2018 kam ans Licht, dass der gefeierte «Spiegel»-Journalist seine Reportagen in Teilen oder zur Gänze frei erfunden hatte. Bekanntlich kam Relotious damit jahrelang durch, verzückte Publikum, Kollegen und Jurys von Journalismus-Preisen.

True Crime, New Journalism, Journalismus, Literatur – die Art der Etikettierung ist egal. Wer sich an solch aufwendige Recherche-Projekte wie «Revolverchuchi» heranwagt, sich zu einer gründlichen und geradlinigen Ermittlung verpflichtet, der hat allein deshalb schon Beachtung verdient.

Peter Hossli: RevolverchuchiMordfall Stadelmann. Zytglogge-Verlag 2020. 236 S., 34 Fr.

7 Kommentare
    Ulrich Buxtorf

    Wagenheber gußeisern? und zum 15mal zuschlagen? Ich weiß ja nicht . . . Soignez les détails, ils ne sont pas sans gloire!