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Naturpark GantrischDer Abstimmungs-Marathon kann beginnen

In den nächsten Monaten entscheiden zwanzig Gemeinden über ihren Beitrag zum Naturpark Gantrisch. Wir klären die sieben wichtigsten Fragen.

Mit gutem Bauchgefühl: Christoph Kauz, Geschäftsführer des Naturparks Gantrisch, vor dem alten Schloss Schwarzenburg.
Mit gutem Bauchgefühl: Christoph Kauz, Geschäftsführer des Naturparks Gantrisch, vor dem alten Schloss Schwarzenburg.
Foto: Nicole Philipp

Was genau ist der Naturpark Gantrisch?

Früher blieben die Gemeinden in der Region Gantrisch eher für sich, gemeinsame Projekte oder Tourismus gab es kaum. Dieses ungenutzten Potenzials nahm sich 2010 der Naturpark Gantrisch an: Sein Ziel ist es, die Region zu einen, zu stärken, zu pflegen und zu vermarkten.

Der Naturpark ist kein Naturschutzgebiet. Vielmehr handelt es sich um ein Label, verliehen vom Bundesamt für Umwelt (Bafu), das dem Gebiet von rund 400 Quadratkilometern eine nationale Bedeutung verleiht. Den aktiven Part übernimmt der Förderverein Region Gantrisch als Träger des Projekts. Seine Geschäftsstelle liegt im alten Schloss Schwarzenburg.

Das Engagement des Naturparks umfässt drei Einsatzgebiete: Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft. Die Gemeinden werden vernetzt, gemeinsame Projekte realisiert, die Natur nachhaltig geschützt. Der Spagat ist gross: Die Bandbreite reicht vom Lancieren eines Labels für Nahrungsmittel bis hin zum kleinen Einsatz auf dem Feld, bei dem Freiwillige einem Landwirt helfen, Überreste eines Steinschlags zu beseitigen.

Als System hat der Naturpark jedoch Grenzen. So darf er beispielsweise keine Infrastruktur erwerben oder betreiben. Deshalb wurde vor zwei Jahren die Aktiengesellschaft «Gantrisch Plus» gegründet, zu der etwa das Berghaus Gurnigel gehört.

Worüber wird abgestimmt?

Damit der Naturpark seine Tätigkeit fortsetzten kann, braucht es die entsprechenden finanziellen Mittel. Rund 2,2 Millionen Franken beträgt das jährliche Budget; es stammt zu je einem Drittel vom Bafu und vom Kanton, genauer vom Amt für Gemeinden und Raumordnung.

Ein weiteres Drittel, rund 600’000 Franken, muss der Naturpark durch Eigenmittel finanzieren. Neben Geldern von Sponsoren und selbst generierten Einnahmen macht hier vor allem der Beitrag der zwanzig Parkgemeinden den Löwenanteil aus.

Pro Einwohner bezahlt jede Gemeinde jedes Jahr fünf Franken an den Naturpark. Zehn Jahre lang wurde dieser Beitrag nun bereits bezahlt, also seit der Gründung des Fördervereins im Jahr 2010. Nun müssen die Parkgemeinden darüber befinden, ob sie den Vertrag für weitere zehn Jahre eingehen wollen.

Ausgenommen ist hier Belp: Da nur ein Teil des Gemeindegebiets zum Naturpark gezählt wird, stimmt Belp an seiner Gemeindeversammlung über einen Pauschalbeitrag ab. Auch dieser wäre wiederum zehn Jahre lang gültig.

Wie viele Gemeinden sind Teil des Naturparks?

Zwanzig Gemeinden bilden aktuell den Naturpark Gantrisch. Neunzehn davon liegen im Kanton Bern, Plaffeien gehört zum Kanton Freiburg. Dies bedeutet, dass über 35’000 Schweizerinnen und Schweizer im Gebiet des Naturparks wohnen.

Folgende Gemeinden gehören zum Naturpark: Belp, Burgistein, Forst-Längenbühl, Gerzensee, Guggisberg, Gurzelen, Kaufdorf, Kirchdorf, Thurnen, Niedermuhlern, Oberbalm, Plaffeien, Riggisberg, Rüeggisberg, Rümligen, Rüschegg, Schwarzenburg, Toffen, Wald, Wattenwil.

Als Erstes behandelt Toffen das Traktandum Naturpark an seiner Gemeindeversammlung vom kommenden Montag, dem 29. Juni. Weil wegen der Corona-Krise die meisten Versammlungen verschoben wurden, zieht sich der Abstimmungsmarathon anschliessend bis in den Spätsommer: Am 17. September entscheidet Belp als letzte Gemeinde, ob sie weiterhin einen Beitrag leisten will.

Mit welchem Gefühl geht man in die Abstimmungen?

Das Bauchgefühl sei gut, sagt Christoph Kauz. Man habe in den letzten Jahren regelmässig den Kontakt zu den Parkgemeinden gesucht und versucht, so gut wie möglich präsent zu sein. Besonders zu den Gemeinderäten hätten die Mitarbeitenden des Naturparks mittlerweile eine gute Beziehung aufgebaut.

Entsprechend stellen sich auch die meisten Gemeindepräsidien hinter den Naturpark und dessen Projekte. Trotzdem hat der Naturpark weiterhin mit Vorurteilen zu kämpfen.

Als Verein, der sich für Nachhaltigkeit und Biodiversität einsetzt, wurde ihm in der landwirtschaftlich geprägten Gegend rasch der grüne Stempel aufgedrückt. «Anfangs stiessen wir deshalb immer wieder auf Ablehnung», so Kauz, «mittlerweile konnten wir uns aber in der Region etablieren.»

Was, wenn eine Gemeinde Nein sagt?

Was genau passieren würde, wenn an einer Versammlung ein Nein beschlossen wird, lässt sich aktuell nicht sagen. «Das ist eine Frage, die uns auch das Bafu vorgängig nicht beantworten kann», sagt Christoph Kauz.

Dass dieser Fall das Ende des Naturparks bedeuten würde, ist jedoch zu bezweifeln. Gemäss den nationalen Vorgaben für einen Naturpark muss ein solcher über eine Fläche von mindestens 100 Quadratkilometern verfügen.

Theoretisch wäre es also auch möglich, mit einer Parkgemeinde weniger fortzufahren. Natürlich hänge dies davon ab, welche Gemeinde genau mit Nein stimmen würde. Handle es sich um eine der Kerngemeinden, wäre dies natürlich schwieriger. «Falls ein solcher Fall eintrifft, müssen wir die Situation neu beurteilen», so der Geschäftsführer.

Hoch oben auf dem Gantrisch – dem Wahrzeichen des Gebiets. Der Blick reicht weit über die Freiburger Alpen.
Hoch oben auf dem Gantrisch – dem Wahrzeichen des Gebiets. Der Blick reicht weit über die Freiburger Alpen.
Foto: Raphael Moser

Welche Projekte wurden in den letzten Jahren realisiert?

Die Liste an vorzeigbaren Projekten, die der Naturpark in den letzten Jahren realisiert hat – oder bei denen er zumindest massgeblich beteiligt war –, ist lang. So trug er etwa zur Erhaltung der Parkplätze im Sensegraben bei, indem er die verschiedenen Interessengruppen an einen Tisch brachte und vermittelte.

Weiter wurde ein nationales Gütesiegel für lokale Nahrungsmittel lanciert, etwa für Käse, Teigwaren, Honig oder Würste. Dieses hilft den Produzenten bei der Vernetzung und Vermarktung ihrer Waren.

Überregionale Ausstrahlung besitzt auch der neu errichtete Gäggersteg, der im Laufe des letzten Jahres realisiert wurde. Hier übernahm der Naturpark die Federführung und holte wiederum viele lokale Betriebe mit ins Boot.

Mit diesen vielen Projekten geht der Verein auch gegen einen der hartnäckigsten Kritikpunkte an: Der Naturpark sei zu wenig sichtbar in der Region. «Es ist wichtig, den Menschen etwas Handfestes zu bieten», sagt Christoph Kauz, «deshalb haben wir an unserer Präsenz gearbeitet.»

Wie will sich der Naturpark in Zukunft entwickeln?

«Wir wollen unserer Stossrichtung treu bleiben», so Christoph Kauz. Die Region soll gestärkt und weiterentwickelt werden. «Dabei möchten wir aber koordinierter vorgehen.» Bisher sei die Initiative oft von den Gemeinden oder Einzelpersonen gekommen – künftig wolle man klarer auftreten und mehr gemeinsame Projekte anstossen.

Zudem soll auch verstärkt in den sogenannt sanften Tourismus investiert werden. Um lokale Anbieter und Ausflugsziele zu unterstützen, müssen Gäste in die Region gelockt werden. «Gleichzeitig soll aber auch die Natur nicht darunter leiden – es braucht ein gesundes Miteinander, und an diesem wollen wir arbeiten.»