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Folgen des LockdownDer Cirque du Soleil braucht selbst ein Auffangnetz

Die Zirkusshow startete als Strassen-Variété und wurde zum Unterhaltungskonzern. Die Corona-Pandemie stürzt ihn nun in seine wohl grösste Krise.

Mit spektakulären Hochseilnummern hält der Cirque du Soleil seine Zuschauer in Atem. Nun droht dem Unterhaltungskonzern der Absturz.
Mit spektakulären Hochseilnummern hält der Cirque du Soleil seine Zuschauer in Atem. Nun droht dem Unterhaltungskonzern der Absturz.
Foto: PD

Am 14. März erhielt Daniel Lamarre, Chef des Cirque du Soleil, einen Anruf von MGM Entertainment in Las Vegas. Sämtliche Casinos würden wie alle anderen Tourismusattraktionen sofort geschlossen, richtete der Veranstalter aus. Wann wieder Shows zugelassen werden könnten, sei völlig offen. Zum ersten Mal seit 35 Jahren musste sich der weltweit aktive Unterhaltungskonzern einer höheren Gewalt beugen.

Lamarre hatte frühere Krisen bewältigt, doch noch nie musste er wie jetzt über 4600 Angestellte entlassen, 95 Prozent des Personals, und alle 44 Shows absagen. Auf einen Schlag verdunkelte sich auch die finanzielle Zukunft. Die Analysten von Moody's und S&P Global Ratings stuften die Bonität des Cirque umgehend auf Ramsch-Status ab und warnten, dass die schwache Liquidität, die hohe Schuldenlast und fehlende Nachfrage wenig Raum für Investitionen ins künftige Wachstum lassen.

Vom Strassenvariété zum Millionenkonzern

Der einmaligen Erfolgsstory droht ein jähes Ende. Angefangen hatte der Cirque du Soleil als Strassen-Variété in Montreal. Daraus wurde ein weltweit führender Zirkus-Veranstalter mit Shows in 1450 Städten und 90 Ländern. Der Umsatz betrug zuletzt geschätzt 950 Millionen Dollar.

Doch ohne offene Grenzen geht nichts. Eine Truppe von 1800 Künstlern ist darauf angewiesen, um von Show zu Show zu gelangen und auf Kreuzfahrtschiffen aufzutreten. Der Betrieb hängt von einem einzigartigen logistischen Netzwerk von Flugzeugen, Frachtschiffen, Lastwagen, Hotels und Food-Service-Unternehmen ab.

Doch nun sind die Kreuzfahrtschiffe zu Virusfallen geworden, der Flugverkehr ist um 90 Prozent geschrumpft, und mehr als die Hälfte der globalen Bevölkerung muss zu Hause bleiben. Die Welt für den Cirque ist zum Stillstand gekommen.

Fataler Lockdown in Las Vegas

Noch Ende Januar schien alles in Ordnung. Das Virus in China galt als lokales Problem, so wie früher bereits die Mers- und Sars-Infektionen. Der Cirque sagte nach der Sperre durch die Regierung die «Land of Fantasy»-Show in Hangzhou in der Nähe des Epizentrums in Wuhan ab, glaubte sich sonst aber auf der sicheren Seite. «Erst als sich das Virus in Europa und letztendlich in Nordamerika ausbreitete, wurde uns klar, dass wir ein Problem haben», sagt Diane Quinn, Kreativmanagerin des Cirque, dem Online-Magazin «Fastcompany».

Ins Mark trifft den Unterhaltungskonzern der Lockdown in Las Vegas. Dort erzielte der Cirque mit sechs parallelen Shows bisher rund 35 Prozent seines gesamten Umsatzes. Als Las Vegas zumachte, entschied sich Lamarre zum Lichterlöschen. «Es bleibt keine andere Wahl, als die beispiellose Einstellung aller Aktivitäten, bis die Pandemie unter Kontrolle ist und die Darsteller, Mitarbeiter und Zuschauer nicht mehr gefährdet sind.»

Einnahmen hat das Unternehmen keine mehr, und Berichte über eine Zahlungsunfähigkeit sind gemäss Lamarre nicht von der Hand zu weisen, wenn auch «übertrieben». Der Cirque erzielte letztes Jahr einen Umsatz von schätzungsweise 950 Millionen Dollar. Doch stehen dem Schulden von fast 900 Millionen gegenüber, die auf eine Mehrheitsbeteiligung der Private-Equity-Gruppe TPG von 2015 zurückgehen.

Der Cirque hat immerhin bereits frühere Abschwünge überstanden. Nach dem starken Wachstum in den 1990er- und 2000er-Jahren kamen die Shows etwas aus der Mode, und 2013 führte das zu einer massiven Entlassungswelle. Dann übernahm Investor TPG zwei Jahre später die Mehrheit und stabilisierte das Unternehmen.

Hoffen auf den Herbst

Hoffnung setzt Lamarre nun vor allem auf die kanadischen Pensionskassen und die kanadische Regierung, mit der er um einen Überbrückungskredit verhandelt. «Die Unterstützung der Regierung wäre hilfreich», sagt er, immerhin sei der Cirque so etwas wie der «kanadischen Botschafter» für die ganze Welt.

Noch hofft Lamarre, die ersten Shows im Herbst wieder starten zu können. «Wir sind zuversichtlich, dass wir an jenem Tag, an dem wir unsere Shows öffnen können, wieder profitabel sein werden.» Andere Unterhaltungskonzerne sind da weit skeptischer. Disney etwa glaubt nicht, diese Saison in den Vergnügungsparks noch retten zu können. Marktanalysten rechnen gar damit, dass grosse Live-Events wie jene des Cirque frühestens im Herbst 2021 wieder aufgenommen werden.

2 Kommentare
    Jörg Kramer

    Solch grosse Unternehmen werden es viel schwieriger haben, aus der Corona-Situation wieder heraus zu kommen. Die Frage ist, ob eine gewisse Grösse, auch an Personal, reicht, um auch in extremen Krisenzeiten, ökonomisch wirtschaften zu können. Besser wäre da, solche Unternehmen in kleinere aufzuteilen, um allfällige Ressourcen andres nutzen zu können.