Der Eulen-Diplomat aus Lausanne

Zoologe Alexandre Roulin setzt im Jordantal zwischen Israel und den Palästinensergebieten Schleiereulen gegen Mäuseplagen ein. Die Konfliktgemeinschaften arbeiten lokal zusammen.

«Die Vögel kennen keine Grenzen», sagt Alexandre Roulin. Foto: Olivier Vogelsang

«Die Vögel kennen keine Grenzen», sagt Alexandre Roulin. Foto: Olivier Vogelsang

Barbara Reye@tagesanzeiger

In der Nacht gehen Schleiereulen auf die Jagd. Geschickt fliegen sie in der Finsternis über Felder und Wiesen. Dabei orientieren sie sich vor allem nach dem Gehör. Sowie irgendwo eine Wühlmaus am Boden auch nur einen kleinen Pieps macht oder etwas rascheln lässt, krallt sich die Eule blitzschnell aus der Luft ihre Beute.

«Während die Raubvögel dabei lautlos unterwegs sind, machen ihre Jungen zu Hause in der Zwischenzeit einen höllischen Lärm», erklärt Alexandre Roulin von der Universität Lausanne. Lange wusste man nicht, warum das so ist. Vor ein paar Jahren fand er zusammen mit Kollegen heraus, dass sich die Jungvögel im Nest erst einmal untereinander einigen, wer von ihnen am hungrigsten ist und deshalb auch das Futter der Eltern bekommt.

Meist hocken in einem Nest bis zu zehn Geschwister, die alle nacheinander innerhalb von zwei bis vier Wochen auf die Welt gekommen sind. Ihre Bedürfnisse teilen die unterschiedlich alten Nestlinge dann mit viel Tamtam mit. Es können 1800 Schreie pro Nacht aus einem Nest sein – in Form von Kreischen und Schreien. Sie tun es selbst auf die Gefahr hin, dass sie ihre eigenen Feinde mit dem unüberhörbaren Gezanke auf den Plan rufen. Doch wenn der Vater oder die Mutter zurückkehrt, ist die Lage geklärt, und es gibt keinen energiezehrenden Kampf mehr.

Verhandeln statt kämpfen

«Körperliche Auseinandersetzungen werden vermieden und auf Ausnahmesituationen beschränkt», sagt Roulin. Der Vorteil dieser Art von Kooperation und altruistischem Verhalten sei, dass nicht der Stärkste die gejagte Maus bekomme, sondern der Hungrigste. Aufgrund des starken Lärms würde er einen Nistkasten etwa auf einem Bauernhof nie in der Nähe der Schlafzimmer aufstellen. Denn das Geschrei gehe die ganze Nacht durch.

Der 51-jährige Westschweizer, der ursprünglich aus Payerne kommt, erforscht seit 24 Jahren Schleiereulen. Bereits als Schüler arbeitete er mit Freunden für Vogelschutzprojekte und beringte diverse Vogelarten – vom Haussperling bis zum Steinadler. Die Schleiereule «Tyto alba» fasziniert ihn jedoch besonders aufgrund ihres Verhaltens, ihrer Genetik, Reproduktionsbiologie und ihres Federkleids. So sieht etwa keine Schleiereule exakt aus wie die andere – mal haben die Federn mehr dunkle Flecken, mal ist das Gefieder etwas heller oder auch rotbräunlicher. Speziell ist auch, dass sie ein Kosmopolit ist und auf fast allen Kontinenten vorkommt, nur auf der Antarktika nicht.

Wenn Roulin bei unserem Treffen im Café des Musées de la Main beim Universitätsspital CHUV in Lausanne über die einzigartigen Eulen mit dem herzförmigen Schleier im Gesicht und der schneeweissen Unterseite spricht, ist er aber nicht nur der Forscher, sondern auch ganz der Diplomat. Denn er ist Teil des internationalen Programms «Eulen für den Frieden», das seit mehreren Jahren mithilfe der Raubvögel eine Mäuseplage im Jordanland bekämpft – mitten in der Konfliktzone zwischen Israel, Palästinensergebieten und Jordanien.

Eine Schleiereule jagt aufgrund ihrer speziellen Flügel lautlos. Foto: Amir Ezer

Vor neun Jahren lernte Roulin den Ornithologen Yossi Leshem von der Uni Tel Aviv bei einer Konferenz kennen. Dieser stellte 1982 die ersten Nistkästen in einem Kibbuz auf und arbeitet seit 2002 erfolgreich mit arabischen Forschern zusammen. So gibt es in Israel aufgrund der positiven Erfahrung mittlerweile 4000 Nistkästen, in Jordanien 250 und in den Palästinensergebieten 100.

«Die Vögel kennen keine Grenzen», freut sich Roulin, der als Schweizer die Rolle eines neutralen Botschafters innehat. Die meisten Bauern würden das Projekt erst einmal skeptisch betrachten, weil Eulen in Jordanien und in den palästinensischen Gebieten ein schlechtes Omen hätten. Man habe Angst vor ihnen und glaube, dass sie Tod und Unglück brächten. Deshalb benötige es zuerst Information und Aufklärung.

Auch in Europa ranken sich seit Jahrhunderten Mythen um Eulen, die für viele Abergläubige geradezu etwas Gespenstisches oder Böses haben. So stellte der niederländische Maler Hieronymus Bosch bereits Anfang des 16. Jahrhunderts im Gemälde «Die Versuchung des heiligen Antonius» verschiedene Spukgestalten dar, darunter einen schweinsköpfigen Mann mit einer kleinen Schleiereule auf dem Haupt. Aber auch die britische Schriftstellerin Joanne Rowling bediente sich des Vorurteils gegenüber diesen nachtaktiven Vögeln und liess in «Harry Potter» verschiedene Eulenarten die Post verteilen.

Noch immer geben die mysteriösen Vögel den Forschern Rätsel auf.

Als Jäger von Mäusen und Ratten wird die Schleiereule nun auch im Nahen Osten mehr und mehr geschätzt. Denn eine Familie frisst dort zwischen 2000 und 6000 kleine Säugetiere pro Jahr. In den untersuchten Gebieten im Jordantal fliegen sie jede Nacht bis zu drei Kilometer von ihren Nistkästen weg. «Sie können wahre Killermaschinen sein», sagt Roulin. Die Bauern seien froh, dass sie jetzt viel weniger Gift einsetzen müssten, um die Nagetiere zu töten. Schliesslich habe dies zuvor auch negative Folgen für andere Tierarten und die Umwelt gehabt.

Noch immer geben die mysteriösen Vögel den Forschern Rätsel auf. So berichtete Roulin erst vor gut drei Wochen zusammen mit Kollegen im Fachblatt «Nature Ecology & Evolution», dass die weisse Färbung an der Unterseite der Schleiereulen deren Jagderfolg bei klarem Vollmond deutlich verbessert. Dies liegt daran, dass Mäuse von Natur aus hellem Licht abgeneigt sind. Wenn nun über ihnen – wie ein angeschalteter Scheinwerfer – plötzlich der geisterhaft grelle Glanz erscheint, erstarren sie für ein paar Sekunden und werden somit häufiger zum Opfer.

Schleiereulen jagen zwar im Schutz der Dunkelheit, nutzen aber gleich­zeitig auch das von ihrem Federkleid reflektierte Mondlicht. Dieser Effekt ist besonders ausgeprägt, wenn das Gefieder an der Brust und im Gesicht sehr hell ist und somit mehr Strahlkraft aufweist. Dann blendet es stark und wirkt in den Augen der Mäuse wie ein Blitz. Bei Neumond hat die hellere Farbe des Gefieders keinen positiven Einfluss auf die Fangquote.

Besuch beim Papst

Der Professor für Biologie und Vater von zwei Teenagern schafft es wie kaum ein anderer, dass sich nicht nur seine Studenten im Hörsaal für diese «verrückten» Vögel interessieren, sondern auch Politiker. So reiste letztes Jahr der damalige Bundespräsident Alain Berset mit dem diplomatischen Corps auf den Bauernhof im Freiburger Sensebezirk, um sich bei den dort aufgestellten Nistkästen einen Vortrag über Schleiereulen anzuhören. Und diesen Mai wurde Roulin sogar in den Vatikan eingeladen, damit er über die neue «Friedenstaube» im Nahen Osten erzählen konnte.

Papst Franziskus sei von dem Projekt «Eulen für den Frieden» begeistert gewesen, sagt Roulin. Denn es trage dazu bei, Konfliktgemeinschaften zu versöhnen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Natürlich könne man damit das Problem nicht lösen, aber einen kleinen Beitrag für eine neue Form der Zusammenarbeit leisten.

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