Der Jihadist im Genter Altar

Wie die Suche nach Statisten zu einem Skandal führte.

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Vergangene Woche brach über mich der wildeste Skandal meiner Laufbahn herein. Nachdem «Laatste ­Nieuws» – Belgiens «Blick» – der Öffentlichkeit bekannt gemacht hatte, dass ich für ein Theaterstück Jihadisten suchen würde, eskalierte die Situation in kürzester Zeit. Ein Mediensturm brach los, und schon am zweiten Tag erfolgte die Forderung der NVA – Belgiens SVP –, meinem Theater die Subventionen zu entziehen. ­Soweit nichts Besonderes. Aussergewöhnlich wurde es erst, als sich der belgische Kulturminister einschaltete. Die Kunstfreiheit habe ihre Grenzen, verkündete er, und meine «Schauspieler» würde er ins Gefängnis bringen, bevor sie auch nur in die Nähe der Bühne kämen. Die NVA berief eine parlamentarische ­Fragestunde ein. Womit das Ganze zur Staatsaffäre wurde.

Was war passiert? Seit einigen Monaten bin ich Intendant des Theaters im belgischen Gent, und Anfang März haben wir einen Casting-Aufruf für das Stück «Der Genter Altar» veröffentlicht. Um das wohl berühmteste Altarbild der Kunstgeschichte auf die Bühne zu bringen, suchen wir 15 Charaktere: Adam und Eva, Kain und Abel, Kreuzritter, Märtyrer und ein Lamm.

Das Interessante am Genter Altar ist: Als die Brüder Eyck das Bild in der Frührenaissance malten, nahmen sie ihre Nachbarn zum Vorbild. Adam zum Beispiel hat sichtbar sonnenverbrannte Hände, denn Modell stand ein einfacher Landarbeiter. Das Gleiche gilt für alle anderen Figuren, und sogar der Sponsor des Bildes taucht als ­Figur auf. Die grossen Fragen nach Ursprung und Sinn des Lebens mit ­alltäglichen Menschen zu illustrieren: Das ist auch die Idee unserer Neu­inszenierung.

«Doch es brachte nichts, dass wir immer wieder erklärten, der Begriff Jihadist sei letztlich ironisch gemeint.»

Doch zurück zum Skandal. Für die Medien – bald auch der «Guardian», «Paris Match» und al-Jazeera – war die Idee, dass sich in meinem Bild ein belgischer Jihadist befinden könnte, «pervers». Ignoriert wurde dabei, dass zurückgekehrte Mitglieder des IS oder der Al-Nusra-Front in Belgien sowieso automatisch ins Gefängnis kommen. Ebenso ignoriert wurde, dass im Untergrund lebende Extremisten niemals in einem Theaterstück mitspielen würden. Kurz: dass in der realen Welt die unterstellte künstlerische Perversion völlig unmöglich ist.

Doch es brachte nichts, dass wir immer wieder erklärten, der Begriff «Jihadist» sei natürlich übertragen, letztlich ironisch gemeint. Denn Ironie funktioniert nur, wenn es gemeinsame Bewertungsgrundlagen gibt. Oder anders ausgedrückt: wenn dem Gegenüber nicht magische Kräfte unterstellt werden. Dass ein einfacher Theatermacher alle existierenden ­Gesetze des Rechtsstaats und der Logik aufheben könnte, davon ging man ungefragt aus.

So kam es, dass ich am Freitagabend nicht, wie ich eigentlich vorgehabt hatte, am Schweizer Filmpreis in Zürich teilnahm, sondern in Belgien über Kunst und Verbrechen debattierte. Aber wer fragt mich schon, was meine Pläne sind? Allah ist gross – und seine Wege sind undurchdringlich.

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