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Nachruf Djordje BalaševićDer «jugoslawische Bob Dylan» ist tot

Der serbische Musiker sang gegen Milošević und den Krieg. Danach half er, die Wunden zu heilen. Nun gehen Zehntausende auf die Strassen, um gemeinsam zu trauern – und zu singen.

Djordje Balašević wurde 1998 vom UNHCR zum «Goodwill Ambassador» im ehemaligen Jugoslawien ernannt. Seine Lieder würden jenen Kraft geben, die Frieden und Versöhnung wollen.
Djordje Balašević wurde 1998 vom UNHCR zum «Goodwill Ambassador» im ehemaligen Jugoslawien ernannt. Seine Lieder würden jenen Kraft geben, die Frieden und Versöhnung wollen.
Foto: PD

Man solle sich nicht wundern, was sich seit Stunden unter #Balašević abspiele, twitterte die österreichisch-bosnische Journalistin Olivera Stajić gestern.

Am Freitagabend starb der Musiker Djordje Balašević, einer der grössten Liedermacher des ehemaligen Jugoslawien. Serbischen Medienberichten zufolge ist er in einem Spital in seiner Heimatstadt Novi Sad an den Folgen des Coronavirus gestorben.

Nun trauern Millionen Menschen. Nicht nur in den sozialen Medien, auch draussen auf Plätzen und Strassen. Zehntausende versammelten sich, von Sarajevo über Split und Zagreb bis hin zu seinem Haus in Novi Sad. Sie zünden zusammen Kerzen an und singen «Djoles» Lieder.

Denn für sie war er mehr als ein Sänger und Liedermacher, Poet und Autor. Er war eine Stimme der Hoffnung und eine gegen den Nationalismus in den düstersten Jahren, welche die Balkanregion in der jüngeren Geschichte erlebte – und auch darüber hinaus.

Geboren wurde Djordje Balašević 1953 in der Vojvodina, in Novi Sad. Sein erstes Lied schrieb er, als er 17 war – es handelte von einer Fliege. In den 70er-Jahren stiess er zur Band Žetva, später gründete er seine eigene Gruppe Rani mraz («Der frühe Frost»). Mit beiden Gruppen feierte er bereits grosse Erfolge, bevor er ab 1982 als Solokünstler weiterzog und diverse eigene Alben herausbrachte.

Gerne wurde der Chansonnier als «jugoslawischer Bob Dylan» bezeichnet. Seine Musik war leicht, verspielt, melancholisch, aber auch klar politisch, humanistisch, pazifistisch.

1987 veröffentlichte Balašević den Song «Samo da rata ne bude» – «Nur, dass der Krieg nicht kommt». Der Krieg kam doch. Balašević sang weiter, gegen Hass und Gewalt, aber auch einfach über die romantische Liebe. Nur nicht in Serbien.

Solange Slobodan Milošević an der Macht war, weigerte er sich, dort aufzutreten. Als Mitte der 90er-Jahre die Menschen in Serbien gegen den Kriegstreiber protestierten, lieferte Balašević die Hymne dazu: «Slobodane! Soboda-ne!» – «Oh Slobodan, keine Freiheit».

1998 trat er nach dem Bosnienkrieg erstmals wieder in Sarajevo auf, das zuvor von bosnisch-serbischen und serbischen Truppen belagert worden war. «Jahrelang waren wir Zeugen, wie viel Leidenschaft wir darauf verwendet haben, uns zu hassen. Und jetzt sind wir Zeugen, wie sehr wir einander lieben», rief er der Menge zu, die ihn über fünf Stunden lang feierte.

Fans feiern den Sänger Djordje Balašević 1998. Er war der erste serbische Sänger, der nach der Belagerung der Stadt in Sarajevo auftrat.
Fans feiern den Sänger Djordje Balašević 1998. Er war der erste serbische Sänger, der nach der Belagerung der Stadt in Sarajevo auftrat.
Foto: Sava Radovanović (AP/Keystone)

In den folgenden Jahren blieb er über alle Teilstaaten des ehemaligen Jugoslawien hinweg und auch generationenübergreifend populär.

«Seine Songs verbanden all jene, die in einem Land aufgewachsen waren, das uns jetzt wie ein seltsamer Traum vorkam», schrieb Olivera Stajić im «Standard». Balašević habe geschafft, was sonst wenigen gelang: fast niemanden vor den Kopf zu stossen und Wunden zu heilen, so Stajić weiter auf Twitter.

Nun sieht man in den sozialen Medien eindrücklich, wie viele Menschen ihm bis heute dankbar sind dafür. Wie sein Tod an alte Wunden erinnert, die noch nicht verheilt sind, und gleichzeitig zeigt, dass die Leute aus seinen Liedern weiterhin Zuversicht schöpfen werden.

Doch auch kritische Stimmen erheben sich. Balašević habe sich für eine gegen Kosovo-Albaner gerichtete serbische Propaganda einspannen lassen, lautet etwa ein Vorwurf, der kurz nach dem Bekanntwerden seines Todes durch Autoren und Wissenschaftler auf Twitter diskutiert wird. Auch, dass er in einem seiner Lieder metaphorisch gegen die kosovo-albanische Bevölkerung gesungen habe und sich – vor vielen Jahren – abschätzig über Albanerinnen und Albaner geäussert hatte, wurde in der Vergangenheit bereits thematisiert. Doch auch in dieser aktuell neu aufgeflammten Kontroverse ist man sich einig, dass sein Engagement für Bosnien wertvoll war.

«Die Botschaft von der Sinnlosigkeit des Krieges bleibt sein universelles Vermächtnis», schrieb der bosnisch-österreichische Konfliktforscher Vedran Džihić auf Twitter.

Ein Lied zum Abschied

Mit Tränen in den Augen sagte der kroatische Hollywood-Star Rade Šerbedžija dem serbischen TV-Sender Prva: «Dieser einzigartige Mann, der die schönsten Liebeslieder geschrieben hat, die sanftesten Verse über unsere Kindheit, die traurigsten Reime über unser Unglück und die lustigsten Zeilen über unsere Mentalitäten, sollte gefeiert werden.» Šerbedžija spielte 2010 im Film Film «Kao rani mraz» mit, für den Balašević das Drehbuch geschrieben hatte.

«Kad Odem» – «Wenn ich gehe», sangen viele vor jener Konzerthalle in Sarajevo, wo Balašević nach dem Krieg zahlreiche Male auftrat, und wünschten dem selbst ernannten «pannonischen Matrosen» gutes Geleit auf seiner letzten Reise.

Djordje Balašević wurde 67 Jahre alt. Er hinterlässt seine Ehefrau und drei Kinder.

5 Songs von Balašević

1. Jesen Stiže Dunjo Moja

2. Ne volim Januar

3. U razdeljak te ljubim

4. Triput sam vido Tita

5. Priča o Vasi Ladačkom

Reaktionen auf Twitter – auch kritische

7 Kommentare
    Ludwig Sermos

    Er hat wie kein anderer der jugoslawische Seele und Sprache (heute Bosnisch/Kroatisch/Serbisch same same) mit seinen Melodien und Texten ein wunderschöne, unvergleichliche Gestalt gegeben. Bis heute und hoffentlich noch lange, ist er Ausdruck dieser vielen Gemeinsamkeiten, welche die Völker auf dem slawischen Balkan verbindet. Würden nur Herz und Seele sprechen, gäbe es Jugoslawien noch (ausser Kosovo und Slowenien), leider war und ist der Balkan ein Tummelplatz von Opportunisten, welche diese Emotionen dieser Völker für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.

    RIP du genialer und liebenswürdiger Mensch !

    Danke für diesen wirklich hervorragenden Artikel !