Zum Hauptinhalt springen

Corona-Pandemie in DeutschlandDer neue Anstieg war doch keiner

Statistiken widerlegen den befürchteten steigenden Trend bei der Virusausbreitung in Deutschland. Und sie zeigen erstaunliche Werte bei der Übersterblichkeit.

Führte als Reaktion auf Kritik eine neue Kennziffer ein: Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts.
Führte als Reaktion auf Kritik eine neue Kennziffer ein: Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts.
Foto: Keystone/Jens Büttner

Mehr Neuinfizierte, mehr Risikogebiete, ein Reproduktionswert deutlich über 1: Vor gut einer Woche schreckten ansteigende Zahlen die deutsche Öffentlichkeit auf. Waren die ersten Lockerungen zu früh gekommen?

Schon damals warnten die Experten des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) vor vorschnellen Schlüssen. Man könne noch nicht eindeutig sagen, ob die Verbreitung des Virus wirklich wieder zunehme – oder in Tat und Wahrheit weiter sinke.

Plateau statt neue Welle

Neun Tage danach sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: Der Reproduktionswert, der angibt, wie viele andere Menschen ein Infizierter im Durchschnitt neu ansteckt, liegt seit vergangenem Dienstag wieder stabil unter 1. Seit neun Tagen wurden stets weniger als 1000 Neuinfizierte im Tag gemeldet. Und die Zahl der Landkreise, die innert sieben Tagen mehr als 50 Infektionen pro 100'000 Einwohner verzeichneten, stagniert zwischen zwei und fünf. Der steigende Trend von damals hat sich als Plateau entpuppt, von dem aus die Kurve danach wieder sank, wenn auch langsamer als zuvor.

Insbesondere die Interpretation des R-Werts, der zwischen dem 6. und 10. Mai von 0,65 auf 1,13 gesprungen war, erwies sich als tückisch. Der Wert wird zu einem wesentlichen Teil nicht gemessen, sondern geschätzt, um das reale Verbreitungsgeschehen zu beschreiben.

Lokale, isolierte Ausbrüche

In jener Woche seien nach Massentests grössere lokale Ausbrüche gemeldet worden, insbesondere in Schlachthöfen, erklärte das Robert-Koch-Institut kürzlich. Die temporär hohen Zahlen hätten angesichts der geringen Gesamtzahlen dazu geführt, dass der R-Wert das tatsächliche Infektionsgeschehen im Land damals überschätzt habe.

Als Reaktion darauf führten die RKI-Epidemiologen letzte Woche sogar einen neuen R-Wert ein, der die Lage über sieben Tag statistisch geglättet wiedergibt. Dieser 7-Tage-R-Wert lag bereits seit dem 21. März nie mehr über 1 – auch vorletzte Woche nicht.

Dass nun täglich weniger als 1000 neue Infektionen gemeldet werden, teilweise kaum die Hälfte, ist vor allem für die Nachverfolgung und Unterbrechung der Infektionsketten von Bedeutung. Laut Gesundheitsministerium kommen die 375 lokalen Gesundheitsämter in Deutschland mit derart geringen Fallzahlen in der Regel zurecht. Leipziger Epidemiologen errechneten kürzlich in einer Studie, dass sich die Kontakte in der laufenden Lockerungsphase um 40 Prozent intensivieren dürften, ohne dass die Epidemie deswegen wieder aufflamme.

Tiefe Mortalitätsraten bestätigen sich

Und noch eine erfreuliche Erkenntnis liefern neue Statistiken. Die sogenannte Übersterblichkeit ist in Deutschland im März und April nur leicht gestiegen. Zwischen dem 6. und 12. April starben etwa 12 Prozent mehr Menschen als im vierjährigen Durchschnitt, zwischen 13. und 19. April 8 Prozent mehr. Die amtlichen Statistiker gehen davon aus, dass der Anstieg vor allem eine Folge der Corona-Pandemie ist.

Im Vergleich zu anderen Ländern fällt die Übersterblichkeit in Deutschland auffällig gering aus – wie zuvor schon die amtlichen Zahlen der Covid-19-Todesfälle. Nach einer Aufstellung der «Financial Times» betrug die Übersterblichkeit in Deutschland während der Pandemie bislang kumuliert 7 Prozent. In der Schweiz liegt sie bei 22 Prozent, in Spanien bei 49 und in Grossbritannien bei 67 Prozent.

Wie in anderen Ländern sind die regionalen Unterschiede allerdings beträchtlich. Während Bayern, Bremen und Baden-Württemberg deutliche Ausschläge verzeichnen, lag die Sterblichkeit in der 3,6-Millionen-Stadt Berlin im März und April sogar unter dem vierjährigen Durchschnitt.