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Zum Tod von Larry FlyntDer «Perverse» ist nicht mehr da

So nannte sich Larry Flynt in einem Film über sich selbst. Nicht nur als Verleger des Erotikmagazins «Hustler» war er eine streitbare Figur: Flynt kämpfte gegen Homophobie und für die freie Meinungsäusserung.

Er war einer der wichtigsten Streiter für das Recht auf freie Meinungsäusserung: Larry Flint 2014 in seinem Haus in Los Angeles.
Er war einer der wichtigsten Streiter für das Recht auf freie Meinungsäusserung: Larry Flint 2014 in seinem Haus in Los Angeles.
Foto: Getty Images

Es gibt diesen Moment im Film «Larry Flynt – Die nackte Wahrheit» von Oscarpreisträger Milos Forman. Der Protagonist rollt nach seiner Operation, er war vom Serienmörder Joseph Paul Franklin angeschossen worden und von der Hüfte abwärts gelähmt, in das von ihm gegründete Verlagshaus. Er trägt ein T-Shirt, auf dem steht, dass Jesus ein Anarchist gewesen sei, und er will, dass alle Leute erfahren, dass er nun wieder die Verantwortung übernehme. «Der Perverse ist wieder da», brüllt er. Als niemand so recht zuhört, fordert er eine Sekretärin auf, es doch bitteschön über Lautsprecher mitzuteilen: «Der Perverse ist wieder da!»

Der «Perverse», das ist Larry Flynt, und er hätte sicherlich nichts dagegen, wenn man ihn nun, kurz nach dem Tod, so nennen würde. Es gibt ganz andere Bezeichnungen für ihn, schliesslich hat er Geld vor allem damit verdient, Frauen zu Objekten zu degradieren, ob nun in Stripclubs oder im Magazin «Hustler» nur gibt es da diese Regel, über Tote nichts ausser Gutes zu sagen. Ach was, egal: Flynt war ein Sexist. Er dürfte auch mit dieser Bezeichnung kein Problem haben, schliesslich hat er bis zum Supreme Court der Vereinigten Staaten erfolgreich geklagt, dass man solche Sachen auch über Prominente sagen darf. Er war einer der wichtigsten Streiter für das Recht auf freie Meinungsäusserung.

Seiner Meinung nach starren besoffene Männer auf nichts lieber als auf nackte Frauen.

Flynt kam vor 78 Jahren in einem Kaff in Kentucky zur Welt, und es wäre eine Untertreibung, seine Kindheit als schwierig zu bezeichnen. Sein Vater kam aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, da war Flynt schon drei Jahre alt. Seine Schwester Judy starb an Leukämie, da war er fünf. Nur ein Jahr später liessen sich die Eltern scheiden, er zog zunächst mit seiner Mutter weg; kehrte indes zwei Jahre später in eine der ärmsten Gegenden der USA zurück, weil er den neuen Freund der Mutter nicht leiden konnte. Er schlug sich als Fälscher durch, diente in der Navy und kaufte im Jahr 1965 die Bar seiner Mutter im Bundesstaat Ohio. Dort hatte er eine Erleuchtung: Die Leute prügelten sich, weil sie betrunken nichts anderes zu tun hatten.

Der Newsletter wird zum Magazin «Hustler»

Seine Strategie: Gäste brauchen Ablenkung, und seiner Meinung nach starren besoffene Männer auf nichts lieber als auf nackte Frauen. Er gründete elegante Stripclubs, die er Hustler Club nannte, und um sie zu bewerben, brachte er einen Newsletter heraus, der bis August 1973 so beliebt wurde, dass er auf 32 Seiten anwuchs. Wegen der Ölkrise gingen die Umsätze in den Clubs zurück, also baute Flynt den Newsletter zum pornografischen Magazin «Hustler» aus im Gegensatz zu anderen Magazinen waren darin die Vaginen der Models zu sehen.

Das sorgte für Ärger und Aufsehen, immer wieder wurden ihm und seinen Zeitschriften widerwärtiges und obszönes Verhalten vorgeworfen. Die Feministin Gloria Steinem nannte ihn einen «widerlichen und sadistischen Pornografen» wegen eines Fotos, das so aussah, als würde eine Frau durch einen Fleischwolf gedreht werden. Auch das fasste Flynt nicht als Beleidigung auf, in seinem Buch «Sex, Lies & Politics: The Naked Truth» beschreibt er sich selbst so: «Ich bin Hinterwäldler. Leute wie ich kommen mit Sex ohne die heuchlerische Moral der Mittelklasse in Berührung. Wenn gute Christen mir sagen, dass Sex schmutzig sei, dann antworte ich: ‹Ja, wenn man es richtig macht!› Für mich ist Sex eine Möglichkeit, diesen Leuten zu sagen, dass sie mir nichts anhaben können.»

Der Durchbruch kam mit Jackie Kennedy Onassis

Der Mainstream-Durchbruch folgte im August 1975: Was die Centerfold-Bilder der nackten Marilyn Monroe für den «Playboy» im September 1953 gewesen waren, das waren für «Hustler» die von Paparazzi geschossenen Nacktaufnahmen der sonnenbadenden Jackie Kennedy Onassis. Mehr als zwei Millionen Mal verkaufte sich diese Ausgabe, Flynt war spätestens jetzt reich. Er bot eine Million Dollar für Hinweise auf den Mörder von John F. Kennedy – erfolglos. Er bot während des Amtsenthebungsverfahrens gegen den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton erneut eine Million Dollar für Hinweise auf untreue Abgeordnete. Bob Livingston musste zurücktreten und sagte beim Abschied zu seinen Kollegen: «Ich wurde geflyntet.»

Das «Hustler»-Cover der Jahresrückblick-Ausgabe 1975: Die Ausgabe vom August 1975 mit den Paparazzi-Fotos von Jackie O. führte endgültig zum Durchbruch.
Das «Hustler»-Cover der Jahresrückblick-Ausgabe 1975: Die Ausgabe vom August 1975 mit den Paparazzi-Fotos von Jackie O. führte endgültig zum Durchbruch.
Foto: PD

Flynt wurde immer wieder wegen der Fotos, aber auch wegen beleidigender Karikaturen verklagt, und das führte zu einer Reihe skurriler Momente vor Gericht. Er trug zum Beispiel die US-Flagge als Windel oder kippte Unmengen von Bargeld vor die Füsse des Richters, der ihn zwingen wollte, eine Quelle offenzulegen. Er schien das Streiten zu geniessen – unvergessen, was er im Film seinem Anwalt entgegnet, als der das Mandat abgeben will: «Ich bin doch ein Traumklient: Ich mache am meisten Spass, ich bin stinkreich, und ich habe immer Ärger am Hals.»

Dann kam die Klage des Pastors Jerry Falwell: In der Parodie einer Campari-Werbung wurde nahegelegt, dass Falwell seine Jungfräulichkeit beim Sex mit seiner Mutter auf einem Plumpsklo verloren habe. Der Fall ging bis zum Supreme Court, und der entschied in einem noch heute oft zitierten Urteil zugunsten von Flynt mit der Begründung, dass Geschmack kein Kriterium sei. Die Kontrahenten wurden später Freunde, Flynt schrieb anlässlich des Todes von Falwell: «Er wusste, was ich verkaufe, und ich wusste, was er verkauft. Wir waren beide immer ehrlich, deshalb sind wir Freunde. Egal, wie sehr du jemanden hassen magst: Wenn du jemanden kennen lernst, findest du was, das du magst.»

Er bot der LGBTQ-Gemeinde eine Heimat

Seit einem Attentat war er von der Hüfte abwärts gelähmt. Angeschossen wurde Flynt aber nicht, weil er nackte Frauen zeigte, sondern wegen eines Fotoshootings mit Menschen unterschiedlicher Hautfarbe. Der Typ, der sich selbst «Schmutzhändler» nannte, startete 1984 eine Gaudi-Bewerbung um das Amt des Präsidenten – woran 2015/16 immer wieder erinnert wurde, weil zu Beginn der Bewerbung Donald Trumps viele glaubten, das sei ebenfalls nur ein Witz.

Flynt setzte sich nicht nur für freie Meinungsäusserung ein, er kämpfte gegen Rassismus und bot der LGBTQ-Gemeinde eine Heimat, als er in seinem Haus Magazine für Homosexuelle vertrieb, die andere Verlage abgelehnt hatten. 2003 kaufte er Nacktfotos der Soldatin Jessica Lynch, die während des Irakkriegs in Gefangenschaft geraten war, und er versprach, dass niemand jemals diese Fotos sehen werde.

Am Mittwoch starb Flynt in seiner Villa in den Hollywood Hills an Herzversagen.

2 Kommentare
    Michel ebinger

    Egal, was man von seinen Produkte denkt, er hat viel für die Meinungsfreiheit getan und das Recht die Herrschaften zu kritisieren!