Zum Hauptinhalt springen

Sawiris Aussage nachgerechnetDer Wert eines Menschen in Franken

Der Staat lässt sich den Schutz der Bevölkerung Milliarden kosten. Kritiker wie Samih Sawiris rechnen gerettete Leben gegen verlorenes Geld auf. Aber bringt uns das weiter?

Kampf um Leben und Tod: Ärzte und Pflegende kümmern sich um Patienten auf der Corona-Intensivstation im Spital Moncucco in Lugano.
Kampf um Leben und Tod: Ärzte und Pflegende kümmern sich um Patienten auf der Corona-Intensivstation im Spital Moncucco in Lugano.
Foto: Valeriano Di Domenico

6,7 Millionen Franken. So viel ist ein Menschenleben in der Schweiz wert. Mit diesem Betrag rechnet der Bund, wenn es gilt, Kosten gegen verhinderte Todesfälle abzuwägen. Ob zum Beispiel eine Lawinenverbauung genügend Menschen vor den Schneemassen schützt oder ob sich eine Leitplanke an einem Unfallschwerpunkt lohnt.

Damit werden in diesen Tagen aber auch ganz andere Dinge berechnet. Nämlich: Lohnt es sich, jeden Monat 15 Milliarden Franken zu verlieren, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen? So hoch beziffert der Bund den wirtschaftlichen Schaden, der der Schweiz durch den Lockdown entsteht. Wenn ein Leben 6,7 Millionen wert ist, müssten wir bei einer solchen Rechnung also gut 2000 Menschen pro Monat vor dem sicheren Corona-Tod retten, damit es sich lohnt.

Vielleicht hatte der Tourismus-Unternehmer Samih Sawiris eine solche Theorie im Kopf, als er in einem Interview mit der «SonntagsZeitung» kritisierte: «In der Schweiz gehen Milliarden von Franken verloren, damit es einige Hundert Tote weniger gibt.» Er ist damit nicht der Erste. Seit Wochen kocht das immer wieder hoch. US-Präsident Donald Trump twitterte schon Ende März: «Die Medizin darf nicht schlimmer sein als das Problem selbst.» Und auch einer der profiliertesten Gesundheitsökonomen der Schweiz, Stefan Felder von der Uni Basel, drängt seit Wochen auf diese Diskussion: «Leben zu retten, kann nicht unsere einzige Maxime sein.» Man müsse auch die Kosten für die Wirtschaft berücksichtigen.

Corona-Opfer hätten im Schnitt noch 4 bis 6 Jahre gelebt

Was die Bundesverwaltung, die Justiz und die Wirtschaftswissenschaften bereits in vielen Lebensbereichen tun und dort gesellschaftlich akzeptiert ist, wird jetzt also für eine Pandemie angewendet: Menschenleben in Franken umzurechnen. Das ist legitim. Nur: Welche Fragen kann man damit beantworten? Und: Bringt uns das weiter?

Ausgangspunkt für solche Kosten-Nutzen-Analysen ist der sogenannte Wert des statistischen Lebens. Statt sich zu überlegen, was ein einzelnes Leben wert ist, fragt man die Gesellschaft, was sie bereit ist, für ein bisschen mehr Sicherheit zu bezahlen. Das fiktive Lehrbuchbeispiel lautet: In einem Fussballstadion sitzen 10000 Menschen. Angenommen, einer muss sterben. Was ist jeder Einzelne bereit, zu zahlen, um dieses Risiko für sich persönlich auszuschliessen? In der Schweiz müsste die Antwort 670 Franken sein, um auf den Wert des Bundes zu kommen. Wenn 10000 Leute 670 Franken zahlen, um ein Leben zu retten, ist dieses Leben 6,7 Millionen wert.

Gesundheitsökonom Stefan Felder oder Lukas Rühli von der Denkfabrik Avenir Suisse machen nun also Folgendes: Sie rechnen aus, mit welchem Nutzen man rechnen könnte, wenn staatliche Massnahmen alle Covid-Todesfälle vermeiden könnten – und stellen dem die ökonomischen Kosten gegenüber. Sie arbeiten nicht mit geretteten Leben, sondern mit Lebensjahren. Es sterben vor allem alte Menschen an Covid-19, die meisten mit Vorerkrankungen. Jeder von ihnen hätte, abhängig vom Szenario, noch 4 bis 6 Jahre gelebt.

Drei von vier Schwerkranken hätten im Spital keinen Platz

Laut Rühlis Berechnung können in der Schweiz durch die staatliche Intervention über die Dauer der Pandemie rund 415000 Lebensjahre gerettet werden. Jedes davon ist dem Bund 230000 Franken wert eine Summe, die sich direkt aus den 6,7 Millionen ableitet. Multipliziert man das mit den von Rühli berechneten 415000 Lebensjahren, ergibt das einen wirtschaftlichen Nutzen von 95 Milliarden. Felder macht die gleiche Rechnung mit etwas anderen Zahlen und kommt auf eine Bandbreite von 23 bis 46 Milliarden.

23, 46 oder 95 Milliarden? Das sind dramatische Unterschiede. Rund 15 Milliarden verliert die Schweiz im Lockdown pro Monat nach gut zwei Monaten stehen wir also bei rund 30 Milliarden. Gemäss Felder übersteigen die Kosten also jetzt schon den Nutzen, bei Rühli könnten wir noch mehrere Monate anhängen. Allerdings, so Rühli, seien da die psychologischen Kosten des Lockdown noch nicht berücksichtigt.

Dass die Zahlen so weit auseinanderliegen, stärkt nicht gerade die Aussagekraft der Methode. Ausserdem reicht ihr Horizont nicht über die erste Welle hinaus. Bei einer zweiten Welle müsste man die Rechnung wieder bei null beginnen – denn was weg ist, ist weg. Erkenntnisgewinn: eher bescheiden.

Vielleicht hilft uns die Methode aber wenigstens bei der Frage, was wir im Fall einer zweiten Welle tun können: Sollen wir beim nächsten Mal aus wirtschaftlichen Gründen einfach alles laufen lassen? Wie viele Leben müssten wir opfern? Und wie viel besser würde es der Wirtschaft dann gehen?

Felder rechnet in einem Beitrag für die «Finanz und Wirtschaft» ein Szenario mit 240 000 Ansteckungen pro Monat. Und zeigt die dramatischen Folgen: Das Gesundheitssystem würde kollabieren, drei von vier Patienten könnten nicht mehr im Spital behandelt werden. Dieser Zustand würde nicht nur kurze Zeit, sondern zwei Jahre andauern. Erst dann ginge die Zahl der Neuansteckungen langsam zurück.

Diese Überlastung würde zusätzliche Leben kosten – auch weil vermutlich ein Behandlungsstopp bei älteren Patienten verhängt würde. Bei den 70- bis 79-Jährigen würde sich die Zahl der Todesopfer verdreifachen, wenn sie nicht im Spital behandelt werden, schreibt Rühli in seinem Beitrag. Bei den über 80-Jährigen, deren Überlebenschancen bei einer Hospitalisierung geringer sind, stiege die Zahl der Toten um 42 Prozent. «Gesamthaft hätte eine Rationierung ab 70 Jahren den Bettenbedarf um 55 Prozent gesenkt und zu einer Zunahme der Opferzahl um 72 Prozent geführt», rechnet Rühli vor. Das Resultat wären 72 000 Tote – viele davon deutlich jünger, als das durchschnittliche Corona-Opfer in der Schweiz heute ist.

Gesamthaft hätte eine Rationierung ab 70 Jahren den Bettenbedarf um 55 Prozent gesenkt und zu einer Zunahme der Opferzahl um 72 Prozent geführt.

Lukas Rühli, Ökonom Avenir Suisse

Und die wirtschaftlichen Kosten? Dazu macht Rühli keine Angaben. Grund: «Es gibt zu viele unbekannte Faktoren», sagt der Ökonom. Sie könnten theoretisch null sein, wenn «alle von Beginn weg akzeptieren, dass das Risiko von Covid-19 unausweichlich ist, und gleich weiterleben wie bisher». Oder aber die Leute reagieren «auf Bilder von Leichen in Armeelastwagen, überfüllten Spitälern und Ähnlichem: Das würde die Wirtschaft natürlich auch erschüttern.»

Felder kommt zum Schluss: «Ein solches Szenario wäre kaum durchzuhalten.» Es sei auch gar nicht realistisch, wie das Beispiel Schweden zeige. Sinnvoller wäre es also, so Felder, die Schweiz mit dem skandinavischen Land zu vergleichen, das weder Restaurants noch Primarschulen geschlossen hat. Auf dieser Grundlage könnte man eine Kosten-Nutzen-Rechnung der von der Schweiz ergriffenen Massnahmen durchführen. Dann liesse sich vielleicht auch ausrechnen, ob die Schliessung der Schulen, die Felder kritisiert, tatsächlich zu teuer war. Ein erster Vergleich der nationalen Covid-Taskforce legt nahe, dass die beiden Länder punkto wirtschaftliche Auswirkungen gar nicht so weit auseinanderliegen.

«Kill the economy or kill more people» ist ein falscher Gegensatz

Übersetzt heisst das: Leider lässt sich mit dem Modell weder ausrechnen, wie viele Leben wir der Pandemie opfern müssten, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Noch gibt es eine Formel, die zeigt, wie viel besser wir ohne Lockdown dastünden. Der Erkenntnisgewinn ist bescheiden: Wir bezahlen einen hohen wirtschaftlichen Preis für die staatliche Intervention. Was wir tun müssen, um möglichst günstig – für die Wirtschaft, für die Menschen – durch die Pandemie zu kommen, darüber sagen die Rechnungen leider nichts aus. Die Modelle taugen, wenn man ausrechnen will, ob sich die Lawinenverbauung oder die Leitplanke lohnt. Weil wir schon Hunderte von Lawinen und Tausende von Unfällen untersucht haben. Eine derartige Pandemie hat allerdings noch keiner erlebt.

Das Problem, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Romer: «Kill the economy or kill more people» – das ist ein falscher Gegensatz. Infektionsraten, persönliches Verhalten, staatliche Intervention und wirtschaftlicher Schaden sind eng miteinander verknüpft. Ein Modell, das das nicht berücksichtigt, bringt uns darum nicht weiter. Dabei wäre die Diskussion wichtig, wie wir die nächsten Monate und vielleicht auch Jahre überstehen. Aber bevor wir rechnen, müssen wir erst mehr wissen.

21 Kommentare
    Toni Bernasconi

    Saubere Analyse mit hohem Erkenntnisgewinn, vielen Dank!