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Corona-Ausbruch in DeutschlandDie Hack-Ordnung

Warum bricht Corona gehäuft in deutschen Schlachthäusern aus? Für Behörden und Mediziner ist klar, dass oft miese Arbeitsbedingungen ein Grund dafür sind. Nun steigt der Druck auf die Branche.

30’000 Schweine werden hier getötet und zerlegt – pro Tag: Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück (27. September 2017).
30’000 Schweine werden hier getötet und zerlegt – pro Tag: Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück (27. September 2017).
Foto: Bernd Thissen (DPA, Keystone)

Am Tag danach herrscht Verbitterung bei Tönnies. Nicht bei Clemens Tönnies, dem Patriarchen jenes deutschen Fleischkonzerns, bei dem nun reihenweise Mitarbeiter an Corona erkrankt sind. Aber bei seinem Neffen Robert. In einem Brief hat sich Robert Tönnies an das Management der Familien-Holding gewandt. Schon der erste Satz hat es in sich. «Leider liegt uns heute das Ergebnis Ihrer Blockadehaltung (…) und Ihrer sorglosen, unverantwortlichen Haltung hinsichtlich der Risiken aus der Corona-Pandemie vor», schreibt der Neffe.

Die Abschaffung der umstrittenen Werkverträge habe die Geschäftsleitung trotz aller Warnungen und entgegen den Leitsätzen des Unternehmens blockiert. «Geschlossen» müsse die Geschäftsleitung zurücktreten, ebenso verantwortliche Mitglieder des Beirats. Das Unternehmen stehe vor einem «Scherbenhaufen», einem «nicht messbaren Reputationsschaden».

Diese Analyse dürfte stimmen. Am Donnerstagabend waren von 1100 getesteten Mitarbeitern 730 mit Corona infiziert. Tausende Tests stehen noch aus. Viele der Betroffenen sind indirekt Beschäftigte von Tönnies – Menschen, die für einen Subunternehmer in der Fleischfabrik arbeiteten, auf Basis von sogenannten Werkverträgen. Der Brief von Tönnies an Tönnies legt offen, wie umstritten diese Konstruktionen innerhalb des Unternehmens waren – und das offenbar schon vor der Pandemie.

Viele sind sauer auf den Patriarchen

Es gibt noch andere Menschen in Rheda-Wiedenbrück, der Stadt im Osten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, in der Tönnies domiziliert ist, die sauer sind auf den Fleisch-Patriarchen, der auch Boss des Fussballvereins Schalke 04 ist. Vanessa Düpmann zum Beispiel, die Mutter einer sechsjährigen Tochter. Zusammen mit 30 anderen Eltern und Kindern, die ab sofort nicht mehr in ihre Schule oder ihre Kita dürfen, ist sie vor das Privathaus jenes Mannes gezogen, der in ihren Augen schuld ist an allem: Clemens Tönnies. Erst vor zehn Tagen hatten die Kitas in Nordrhein-Westfalen wieder geöffnet, seit Montag dieser Woche durften Primarschüler wieder zum Unterricht. Und nun ist: Schluss. Wegen des Ausbruchs schloss der Landkreis Gütersloh nicht nur das Tönnies-Werk, sondern auch alle Schulen und Kitas.

Dass die oft miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Tönnies-Beschäftigten eine Ursache für den jähen Ausbruch von Covid-19 sind, gilt bei Behörden und Politikern, bei der Gewerkschaft und bei Medizinern als Allgemeinplatz. Im Mai hatte die deutsche Regierung rasch ein Konvolut von Reformen auf den Weg gebracht, um die Zustände rund um die Schlachthöfe zu verbessern. Die waren zwar schon seit Jahren bekannt, ein Corona-Ausbruch beim Tönnies-Konkurrenten Westfleisch aber hatte das Problem für alle sichtbar gemacht. Mehr Kontrolle, Erfassung der Arbeitszeiten, womöglich auch Mindeststandards für die Unterbringung. Ein Projekt, mit dem die Beschäftigten in ihren Heimatsprachen über ihre Rechte aufgeklärt werden, sollte just am Donnerstag vom Bundestag verlängert werden. Das dickste Brett aber ist das Verbot der Werkverträge.

Der Ton wird rauer

Nichts steht mehr für die bescheidenen Arbeitsbedingungen in der Branche als diese Werkverträge. Fleischkonzerne lagern hier etwa Zerlege-Aufträge an Subunternehmer aus, die dann günstige Arbeitskräfte anheuern, oft aus Osteuropa. Zum 1. Januar, so beschloss das Kabinett im Mai, sollen diese Verträge Geschichte sein – jedenfalls in der Fleischindustrie. Man arbeite fieberhaft an entsprechenden Regelungen, heisst es aus dem Arbeitsministerium. Mit den Vorfällen in Rheda-Wiedenbrück wächst der Druck.

Arbeitsminister Hubertus Heil hat nun Pläne für Gesetzesverschärfungen betont. Er fühle sich bestätigt, den Kurs, in der Fleischindustrie aufzuräumen, konsequent umzusetzen, sagte er. Im Sommer wolle er ein Gesetz vorlegen, das eine digitale Erfassung der Arbeitszeit in der Fleischindustrie vorschreibt. «Wir brauchen schnell das Verbot der Werkverträge», verlangt Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Die Chefs der grossen Schlachtbetriebe nennt er nur noch schlicht «Fleischbarone», ihr Geschäft «Machenschaften». Der Ton wird rauer. Andererseits: Was, wenn sie auf Mini-Jobber oder Saisonarbeiter ausweichen? Macht das die Sache besser? Noch mehr Regulierung, sagt ein Insider, könnte Tönnies in die Hände spielen. Die Konkurrenz könnte daran zugrunde gehen, aber er nicht.

Für manche ist er nur noch ein «Fleischbaron»: Der Tönnies-Chef und Schalke-04-Vorsitzende Clemens Tönnies (Mitte) an einem Bundesliga-Spiel in Gelsenkirchen (7. März 2020).
Für manche ist er nur noch ein «Fleischbaron»: Der Tönnies-Chef und Schalke-04-Vorsitzende Clemens Tönnies (Mitte) an einem Bundesliga-Spiel in Gelsenkirchen (7. März 2020).
Foto: Friedemann Vogel (EPA, Keystone)

In der deutschen Schlacht- und Fleischverarbeitungsindustrie ist Tönnies unter wenigen der mit Abstand grösste und mächtigste Unternehmer. Nutzniesser strengerer Hygienevorschriften war kein anderer als Tönnies. Kleinere Betriebe konnten die nötigen Investitionen dafür gar nicht stemmen. So kontrollieren heute zehn Schlachtkonzerne die Hälfte des Marktes für Schweine. Unangefochten an der Spitze liegt Tönnies mit einem Marktanteil von knapp 30 Prozent bei Schweinen und gut 20 Prozent beim Rest.

Er hat sein Geschäft nach allen Seiten abgesichert. Er schlachtet nicht nur, er zerlegt auch, verpackt, hält Tiefkühllager vor, die jetzt während der Schliessung eines Teils wichtig werden, und er beliefert die Wursthersteller. Insider sprechen von «monopolistischen Strukturen». Tönnies kann es sich erlauben, seine eigene Preispolitik gegenüber einzelnen Händlern durchzudrücken, auch gegenüber den ganz Grossen. Wenn Grillsaison ist, und nur einer kann am Freitag liefern, kostet das was.

Aldi gibt den Preis vor

Er beliefert sie alle, Rewe, Edeka, Lidl und Aldi, und nebenbei auch noch den Metzger um die Ecke. Für Discounter wie Aldi ist er sogar einer der grössten Lieferanten. Und Aldi ist unter den Konzernen immer noch der, der die Preise vorgibt. Meist gehen sie nach unten.

Deswegen war Ende Mai der Aufschrei laut, als Aldi das Billigfleisch noch billiger machen wollte. Denn der Preis für den «Rohstoff» Schwein lag darnieder wegen der Corona-Krise. Restaurants, Kantinen und Hotels waren zu. Das Überangebot drückte den Preis. Und wenn Aldi ihn senkt, senken ihn auch alle anderen. Der Unmut richtete sich aber vor allem gegen Aldi. Auf Tönnies wollte kaum einer was kommen lassen. Und fast niemand traut sich, offiziell gegen ihn etwas zu sagen. Aldi immerhin dringt auf menschwürdige Arbeitsbedingungen gegenüber Tönnies. «Von besonderer Relevanz» für den Discounter sei es, «zu erfahren, ob alle Schutzmassnahmen umgesetzt und eingehalten wurden». Ob das den Fleischbaron beeindruckt?

Allen ist gleichzeitig klar: Ohne ihn ändert sich nichts an der Misere für Mensch und Tier. Doch bisher hat er es immer geschafft, alles an sich abprallen zu lassen. Dass er gar nicht richtig mitmacht beim Tierwohllabel, sondern die Verantwortung auf Handel und Landwirte schiebt, interessiert kaum einen. Dabei wäre es ein Signal an die Verbraucher und die Politik, dass hier einer ein Einsehen hat, dass es so nicht weitergeht. Aber das passt nicht zu Tönnies. Sein Betrieb wäre nicht so mächtig und reich geworden, hätte er ihn nicht voll auf Effizienz getrimmt. Im Sekundentakt werden die Schweine in Rheda verarbeitet – und zwar komplett. Alles, was die Deutschen unappetitlich finden, «Füsschen, Öhrchen und Schnäuzchen», wie Tönnies auf einer Veranstaltung vor Lebensmittelhändlern einmal sagte, verkauft er nach China. Dort sei das eine Delikatesse. Und für die Schwänzchen finde er sicher auch noch Abnehmer, raunte einer. Ob mit Schwänzchen oder ohne: Deutschland ist Exportweltmeister bei Schweinefleisch.

Vorübergehend geschlossen: Das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück.
Vorübergehend geschlossen: Das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück.
Foto: Sascha Steinbach (EPA, Keystone)

Auf der Chefetage des Konzerns kann man sich noch immer nicht genau erklären, «wie das Virus von aussen in den Betrieb gekommen ist». Ein Unternehmenssprecher sagt: «Wir sind da im Vagen.» Was auch bedeutet: Das Hygienekonzept hat versagt. Sehr wahrscheinlich haben sich die Arbeiter an jenen silbernen Metalltischen in der Zerlege-Abteilung infiziert, wo sie dicht an dicht Schnitzel und Koteletts schneiden. 1,5 Meter Mindestabstand zählt hier nicht, zudem hat das Virus in den vier Grad kalten, feuchten Hallen ohne viel Licht oder Frischluft ideale Bedingungen, sich auszubreiten. Damit keine Spucke, kein Schweisstropfen aufs Fleisch tropft, tragen die Arbeiter seit je dicke Masken über Kopf und Hals. Doch die sind durchlässig für Viren. Zuletzt verteilte Tönnies obendrein Mund-Nasen-Schutze.

Erst jetzt, da ausgewählte Arbeiter noch bis Ende Woche die letzten Fleischvorräte aus den Kühlhäusern verwursten durften, gelten strengere Regeln. Die Männer, meist Polen, Rumänen und Bulgaren, erhielten FFP-2-Masken. Unterdessen hat Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) auf Kritik an seiner Aussage zum Corona-Ausbruch bei Tönnies reagiert. «Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich.» Der Ministerpräsident hatte am Mittwoch auf die Frage, was der Corona-Ausbruch über die bisherigen Lockerungen aussage, geantwortet: «Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da das Virus herkommt.»

37 Kommentare
    Lucas Basel

    «...zudem hat das Virus in den vier Grad kalten, feuchten Hallen ohne viel Licht oder Frischluft ideale Bedingungen, sich auszubreiten.» Soeben eine Studie zum Strömungsverhalten der Ausatmungsluft bei Masken der Universität der Bundeswehr in München gelesen – (mit SARS-CoV-2 geschwängerte) Aerosole verdunsten bei feuchtem Raumklima überhaupt nicht, das bedeutet, dass die Arbeitsumgebung, sprich Raumluft im Schlachtbetrieb als wahrscheinliche Hauptursache angesehen werden muss und ein Schlachtablauf wie bisher zukünftig nicht mehr möglich sein sollte.