Die Macht der Worte

Kulturredaktorin Sabine Gfeller über das erste Buch, das ihr Tränen in die Augen trieb.

Sabine Gfeller

Mit sechs las ich mein erstes Buch. Von da an verschlang ich eins nach dem anderen. Obwohl mich die Geschichten in ihren Bann zogen und mich berührten, trieben sie mir lange Zeit keine Tränen in die Augen – diese Macht hatten nur Filme. Bis zu dem Sonntagnachmittag, als ich für den Englischunterricht «Kite Runner» von Khaled Hosseini lesen musste.

Ich war eingemummelt in eine Decke auf dem Sofa, draussen war es grau und neblig. Eingetaucht ins Islamabad im Jahr 2001, erfuhr ich von Hassans Sohn Suhrab, der genau wie sein verstorbener Vater vom machtgierigen Sadist Assef vergewaltigt wurde. Ein kleiner Junge, der unterdrückten Minderheit Hazara in Afghanistan angehörig, allein gelassen und traumatisiert.

Endlich schien Rettung in Sicht, doch die Träume waren schnell zerplatzt. Suhrab drohte erneut in ein Waisenhaus gesteckt zu werden. Die schreckliche Folge: Der kleine, fragile Junge stieg in die Badewanne und schnitt sich dort die Schlagader auf. Eine Träne kullerte über meine Wange, eine nach der anderen.

Der Damm war gebrochen und ich zur Erkenntnis gelangt: Geschriebene Worte vermögen weit mehr anzurichten, als es Filmszenen mit dramatischer Musik tun. Als wir den Film zum Buch in der Schule schauten, blieben meine Augen trocken. Das Blatt hatte sich gewendet.

Aare, Wasser, Tränen: In dieser Rubrik schreiben wir, wie Kultur und Kleinigkeiten uns nachhaltig zu bewegen vermögen.

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