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Homeschooling und HomeofficeDie Mutter wird zur Aktivistin

Was heisst es, Kinder zu betreuen – gerade jetzt? Simona Isler von der «Eidgenössischen Kommission dini Mueter» findet: Mit Corona verschärfen sich die Probleme.

Trägt die Superwoman der «Eidgenössischen Kommission dini Mueter» auf der Brust: Simona Isler, Mutter und Aktivistin, beim Egelsee.
Trägt die Superwoman der «Eidgenössischen Kommission dini Mueter» auf der Brust: Simona Isler, Mutter und Aktivistin, beim Egelsee.
Foto: Christian Pfander

Dafür, dass sie wütend ist, macht Simona Isler einen ziemlich gut gelaunten Eindruck. Es ist kurz nach halb vier Uhr an diesem nassen, verhangenen Frühlingsnachmittag, sie lässt die Haustüre ins Schloss fallen und damit die Wohnung und ihre Kinder hinter sich. Ab drei Uhr versuche sie, sich Zeit zu nehmen für ihren Sohn (12) und ihre Tochter (7), sagt Simona Isler. An diesem Tag beginnt jetzt halt deren Fernsehzeit. Da ist sie pragmatisch.

Simona Isler (38), berufstätig und Mutter, ist beides gern – berufstätig und Mutter. Doch die Arbeit, die ein Kind mit sich bringt, werde kaum wertgeschätzt und politisch nicht ernst genommen, sagt Isler. «Das war schon vor Corona so, jetzt merkt man es erst recht.»

Simona Isler geht in der Jeansjacke durch den Regen im Obstbergquartier. Auf ihrem Rücken steht: «Zeit und Geld für gute Kinderbetreuung», darunter gross in Rot: «EKdM», und etwas kleiner: «Eidg. Kommission dini Mueter».

Am Anfang war der Frauenstreik

Die EKdM ist kein neues Organ der Bundesverwaltung, sondern – seit der Kinderwagendemo in Bern von vergangenem Juni – Teil der Bewegung rund um den Frauenstreik. Die EKdM will zwar eidgenössisch sein, faktisch kommen die meisten der rund dreissig Frauen aus Bern, ein paar aus Basel. Sie sind Mütter, arbeiten in der Kinderbetreuung, im Detailhandel oder im Büro, einige auch in der Wissenschaft. Seit dem Lockdown sind etliche dazugestossen. Da sei eine Dynamik, die Isler, die sich schon lange politisch engagiert, bisher nicht erlebt habe.

Wer reduziert das Arbeitspensum und übernimmt die zusätzliche unbezahlte Betreuungsarbeit? Wessen Arbeit wird als wichtiger erachtet? Warum sind Betreuungsberufe so schlecht bezahlt? Es sind Fragen, die die Frauen der EKdM abends während ihrer Sitzungen per Video beschäftigen. Eben erst hat sich die EKdM mit mehr als 35 anderen politischen Organisationen zu einer nationalen Koalition zusammengeschlossen. Die Forderung: Die Kinderbetreuung muss ein zentrales Element der Corona-Ausstiegsstrategie sein.

Sie habe Glück, sagt Simona Isler, inzwischen beim Egelsee, sie habe einen verständnisvollen Arbeitgeber. Die Historikerin arbeitet 80 Prozent als Gleichstellungsbeauftragte des Schweizerischer Nationalfonds. Sie kann im Moment Minusstunden machen, ohne dabei weniger zu verdienen. «Es sollte nicht von Glück abhängen, ob ich meine Kinder einigermassen betreuen kann und weiterhin ein Einkommen habe.»

Statt auf 8,5 probiert Simona Isler im Moment – neben der Betreuung der Kinder und deren Unterricht zu Hause – auf 6 bis 7 Arbeitsstunden am Tag zu kommen. Der Vater der Kinder, von dem sie getrennt ist, arbeitet 100 Prozent im Asylbereich und kann nicht reduzieren.

Zwischen Homeoffice und Kinderzimmer

Die Kinder gehen relativ spät ins Bett, so stehen sie am Morgen erst um neun Uhr auf. Isler setzt sich um 6.30 Uhr an ihren Bürotisch, damit sie zweieinhalb Stunden in Ruhe arbeiten kann. Das Müesli und die Milch stellt sie auf den Küchentisch, so können ihre Kinder selbstständig frühstücken. «Manchmal funktioniert das ganz gut, manchmal überhaupt nicht.»

Kurz vor zehn Uhr fragt Isler ihren Sohn, den Fünftklässler, per Whatsapp, ob er parat sei für die Videositzung mit der Klasse. Während ihrer eigenen Videokonferenz schaltet sie den Computer manchmal auf stumm und schaut nebenan nach den Kindern. In den zehn Minuten Pause zwischen zwei Sitzungen erklärt Isler ihrer Tochter, der Erstklässlerin, die nächste Aufgabe.

Am Mittag kocht sie etwas Schnelles, zur Not bestellt sie eine Pizza. Sie macht viele Abstriche – beim Kochen, beim Putzen, bei der Schule, der Aufmerksamkeit für ihre Kinder.

Die Situation sei ermüdend und sehr fragil, sagt Isler. Ihr fehle die Kaffeepause der Vor-Corona-Zeit, das Mittagessen mit einer Freundin. Es brauche wenig, und sie verliere die Geduld, streite sich dann mit den Kindern – etwa, wenn eines keine Lust hat, eine Aufgabe zu lösen.

«Auch ich schaffe es kaum, denn es ist eigentlich nicht zu schaffen.»

Simona Isler, Mutter und Aktivistin

Wie sie vor dem Holzhaus am See sitzt und erzählt, merkt man Simona Isler ihr Dilemma an. Einerseits will sie sich nicht beschweren, andererseits will sie die viele Arbeit nicht einfach hinnehmen. Sie betont, dass es andere Mütter im Moment schwieriger hätten. Wenn die Kinder noch ganz klein sind zum Beispiel, wenn man nicht einfach von zu Hause aus arbeiten kann, wenn die Arbeit und somit das Einkommen wegfällt (lesen Sie hier auch, was eine Mutter macht, deren Putzjobs weggefallen sind). «Aber auch ich schaffe es kaum», sagt sie, «denn es ist eigentlich nicht zu schaffen.»

Ihr Telefon klingelt. Ihr Sohn, er habe erbrochen. Isler beruhigt ihn, rät ihm, sich ein bisschen hinzulegen.

Unzufrieden mit dem Bundesrat

Sie steckt das Telefon zurück in die Jackentasche und sagt, jetzt ganz die Aktivistin, nicht mehr die Mutter: «Der Bundesrat nimmt die Kinderbetreuung nicht ernst, er hat sie den Kantonen und dem Zufall überlassen. Das baden jetzt die Frauen aus – in den Kitas, in den Kindergärten, zu Hause.» Sie kommt in Fahrt.

Wer Betreuungspflichten hat, sollte das Anrecht haben, sich von der Arbeit freistellen zu lassen, findet Isler. Es gibt zwar inzwischen die Möglichkeit, Erwerbsersatz zu beantragen, doch diesbezüglich sei die Rechtsunsicherheit gross. Und erst jetzt hat das Parlament überhaupt Geld für die Kitas gesprochen. In den Gremien und Kommissionen, die einberufen wurden, fehlen ihrer Ansicht nach die Frauen. Zu so vielen Themen gibt es runde Tische, zur Kinderbetreuung brauchte es auch einen, findet Isler.

«Es kann nicht auch noch Aufgabe der Frauen sein, Männer dazu zu bringen, sich in der Kinderbetreuung mehr zu engagieren.»

Simona Isler, Mutter und Aktivistin

Und die Männer, die Väter, wären nicht auch sie in der Pflicht? Auch das sei eine politische, keine private Frage, sagt Isler: «Es kann nicht auch noch Aufgabe der Frauen sein, Männer dazu zu bringen, sich in der Kinderbetreuung mehr zu engagieren.»

Am Montag werden auch Islers Kinder wieder in die Schule gehen. Doch gelöst ist die Betreuungsfrage aus ihrer Sicht deswegen nicht. Schon nur, weil die Grossmutter, die normalerweise zwei Tage hütet, die Kinder weiterhin nicht betreuen kann. «Jetzt werden Millionen und Milliarden gesprochen. Doch wo fliessen sie hin? Sicher nicht als Erstes in die Kinderbetreuung.»

Zurück vor ihrer Haustüre, das Telefon klingelt erneut. Simona Isler blickt kurz auf den Bildschirm: «Meine Kinder.» Und bevor sie im Treppenhaus verschwindet, sagt sie: «Für das, was wir in der EKdM machen, haben wir eigentlich keine Zeit. Doch Mütter und Kinderbetreuerinnen brauchen dringend eine Lobby.»