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Die Patientin war stabil – plötzlich starb sie

Das Coronavirus fordert sein erstes Todesopfer in der Schweiz. Eine 74-jährige Waadtländerin ist in der Nacht auf Donnerstag im Universitätsspital Lausanne gestorben.

Zwei Tage lang wurde sie im Lausanner Universitätsspital (Chuv) behandelt, gestern verstarb die 74-jährige Patientin. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)
Zwei Tage lang wurde sie im Lausanner Universitätsspital (Chuv) behandelt, gestern verstarb die 74-jährige Patientin. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

In der Waadt ist eine 74-jährige Frau in der Nacht auf Donnerstag an den Folgen des Coronavirus gestorben. Die Frau wurde im Lausanner Universitätsspital (Chuv) behandelt, wie Spital­direktor Philippe Eckert gestern an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz erklärte. Die Frau gehörte gemäss Kantonsarzt Karim Boubaker zur «ersten Welle von Infektionsfällen», die in der Waadt festgestellt wurden. Sie litt an einer chronischen Krankheit, zu der die Behörden keine näheren Angaben machten. In einem Communiqué wird sie als «Hochrisikopatientin» bezeichnet. Mit dem Coronavirus angesteckt hat sich die Frau mit grosser Wahrscheinlichkeit bei einem Aufenthalt in Italien.

Zum Krankheitsverlauf und der medizinischen Behandlung machten die Behörden vage Angaben, wobei sie sich auf den Schutz der Verstorbenen und deren Familie beriefen. Klar ist: Am Dienstag begab sich die Frau in ein Waadtländer Regionalspital. Dort stellte man in einer ersten Anamnese Symptome fest, die auf eine Corona-Infektion hindeuteten. Man entnahm der Frau eine Speichelprobe und isolierte sie im Universitätsspital auf einer Spezialabteilung für hochansteckende Krankheiten. Der Corona-Verdacht bestätigte sich kurze Zeit später.

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Gemäss Spitaldirektor Eckert war der Zustand der Frau noch am Mittwoch stabil. Zwar litt sie an Atemproblemen, aber die Intensivpflege schien zu wirken. Doch in der Nacht auf Donnerstag verschlechterte sich ihr Zustand gemäss Eckert dramatisch. Die Frau verstarb. Die Ärzte hatten die 74-Jährige mit zwei antiviralen Medikamenten behandelt, wie sie bei anderen Virenerkrankungen und auch im Ausland von Spitalärzten eingesetzt werden. Medikamentennamen nannte Eckert keine. Die Angehörigen befinden sich in Quarantäne, um Ansteckungen zu vermeiden.

Fälle nehmen weiter zu

Die Waadt hat bis heute neun bestätigte Corona-Fälle. Von diesen gilt eine Person als geheilt. In der gesamten Schweiz stieg die Fallzahl gestern auf über 100 (zum Nachrichten-Ticker). Bei den bisherigen Krankheitsverläufen aus China von knapp 45'000 Patienten zeigt sich: Menschen mit Vorerkrankungen haben ein grösseres Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken.

Wer an einer Vorerkrankung litt, der hatte ein deutlich höheres Risiko, dass eine Behandlung auf der Intensivstation nötig wurde oder die Krankheit tödlich verlief. Am grössten ist das Risiko für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, chronischen Lungenleiden und Diabetes. Die virale Lungenentzündung strapaziert ein Herz oder eine Lunge, die sowieso schon angegriffen sind, stärker.

Auch das Alter ist ein Risikofaktor. Noch gibt es keine klaren Aussagen zur allgemeinen Todesrate, die Angaben der Experten schwanken zwischen 1 und 2 Prozent. Bei den über 80-Jährigen steigt dieser Wert jedoch auf knapp 15 Prozent. Der Waadtländer Kantonsarzt Karim Boubaker betont, man wisse nicht, wie sich die Fallzahl in der Schweiz entwickle. Man müsse sich an die Existenz des Virus gewöhnen.

Leuba attackiert Behörden

Am Mittwoch weilte Kantonsarzt Boubaker für zwei Stunden an einer Sitzung der Waadtländer Regierung. Seinen Ausführungen folgte auch Volkswirtschaftsdirektor Philippe Leuba (FDP). Am selben Abend trat Leuba in der «Tagesschau» des Westschweizer Fernsehens auf. Leuba spielte die Gefährlichkeit des Coronavirus herunter und ökonomische Interessen gegen prophylaktische Massnahmen aus. Er attackierte die Bundesbehörden. Das Coronavirus sei «nicht die schwarze Pest», so Leuba. Es werde «eine panische Angst» geschürt, dabei müssten Infizierte «bloss ein Dafalgan nehmen, und in vier bis fünf Tagen ist die Sache vorbei», so Leuba. Sowieso sei das Virus nur für Personen über 65 Jahre und Patienten mit chronischen Herz-, Kreislauf- und Atemwegserkrankungen gefährlich.

Pikant war: Während Leubas «Tagesschau»-Auftritt diskutierte Gesundheitsminister Alain Berset mit den Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren über ein gemeinsames Vorgehen gegen die Verbreitung des Coronavirus. Auf die Äusserungen ihres Regierungskollegen angesprochen, betonte die Waadtländer Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz (SP) gestern, es gälten die Vorgaben des Gesundheitsdepartements in Bern. Diese dürfe man nicht infrage stellen. Doch an der Sitzung der kantonalen Gesundheitsdirektoren mit Alain Berset traten erhebliche Differenzen zutage.