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Coronavirus in MexikoDie coolste aller Chefepidemiologen

In Mexiko droht das Coronavirus ein Desaster von ungeahntem Ausmass anzurichten. Ana Lucía de la Garza hält mit Ruhe und Rationalität dagegen. Und versetzt dem Internet Stromstösse.

Modelle, Projektionen und Reproduktionszahlen sind ihre Welt: Die mexikanische Epidemiologin Ana Lucía de la Garza.
Modelle, Projektionen und Reproduktionszahlen sind ihre Welt: Die mexikanische Epidemiologin Ana Lucía de la Garza.
Foto: PD

Es wirkt wie eine frivole Ablenkung von der Katastrophe, die sich auftürmt. Und man könnte meinen, es sei in Mexiko zum ersten Mal eine kompetente, junge, attraktive Frau am Bildschirm erschienen. Ana Lucía de la Garza ist Epidemiologin, Chefin einer Forschungsabteilung des mexikanischen Gesundheitsministeriums und Mitglied des nationalen Überwachungssystems für Epidemien.

Dass sie an Pressekonferenzen auftritt und Interviews über die Ausbreitung des Coronavirus gibt, versetzt der Öffentlichkeit elektrische Stösse. Zugleich provoziert die 38-jährige Ärztin in sozialen und traditionellen Medien eine Debatte über Gender, Feminismus und Sexismus, die phasenweise ins Karikatureske kippt.

Feministinnen sind stolz, weil inmitten der Corona-Krise unter all den männlichen Experten endlich einmal eine Frau sichtbar wird. Andere Feministinnen beklagen, es sei ein Skandal, dass sie mehr oder weniger die einzige ist. Die Twitter-Spekulationen über de la Garzas sexuelle Orientierung haben sie zum «trending topic» auf Twitter gemacht, es fallen Sprüchen wie: «Habt ihr gesehen, was für ein Schlitten das ist? Wenn die Pandemie vorüber ist, heirate ich sie.» Oder: «Eine Frau ist heterosexuell, bis sie Ana Lucía de la Garza trifft

Lesben sind auch nicht besser als Männer

Beide Einträgeund viele weitere im selben Stilstammen von Frauen. Lesben seien bezüglich Anmache und Sexismus auch nicht viel besser als Männer, heisst es deshalb in sozialen Medien, worauf die unvermeidliche Antwort kommt: Man wird doch das attraktive Äussere einer Ärztin noch erwähnen dürfen.

Selbst auf der anderen Seite des Atlantiks erregt die mexikanische Epidemiologin mittlerweile Aufmerksamkeit. Die Infochefin des deutschen Privatsenders Prosieben schreibt auf Twitter: «Die coolste aller Chefepidemiologinnen ist Ana Lucía de la Garza aus Mexiko. Sorry, Christian Drosten.»

Es ist, als ob ein Teil der Internetgemeinschaft an Ritualen aus einer besseren Zeit festhalten wolltebesser zumindest im Vergleich zu dem, was das Coronavirus in Mexiko anzurichten droht.

Drei der wichtigsten ökonomischen Sektoren und einträglichsten Devisenquellen des Landes sind Erdölexport, Tourismus und die Überweisungen ausgewanderter Arbeiterinnen und Arbeiter an ihre daheimgebliebenen Familien. Alle drei hat das Virus in eine existenzielle Krise gestürzt. Hinzu kommt, dass Mexiko mehr als 80 Prozent seines Aussenhandels mit den USA abwickelt. Bricht dort die Wirtschaft in derart katastrophaler Weise ein, wie es Ökonomen befürchten, sind die Auswirkungen auf das südliche Nachbarland fatal.

Zwei Millionen Arbeitsplätze weniger

In dieser Hinsicht steht Mexiko schlechter da als südamerikanische Nationen wie Brasilien oder Peru, die ihren Aussenhandel stark auf China ausgerichtet haben und davon profitieren dürften, dass die asiatische Grossmacht bei der Bewältigung der Krise weiter fortgeschritten scheint als der Westen.

Um mehr als 8 Prozent wird Mexikos Wirtschaft laut einer Prognose der Investmentbank JP Morgan 2020 einbrechen. In Lateinamerika sind die Aussichten einzig für Venezuela noch schlimmer, mit einem erwarteten Absturz um mindestens 15 Prozent. Zwischen 1,2 und 2 Millionen Arbeitsplätze wird Mexiko wahrscheinlich verlieren. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten arbeiten im informellen Sektor, ohne Vertrag, ohne Rechte, ohne Arbeitslosengelder oder Krankenversicherung.

Inmitten dieses drohenden Desasters ist Ana Lucía de la Garza ein Lichtblick, wenn auch ein kleiner. Der plötzliche Ruhm scheint sie wenig zu beeindrucken, sie redet weiter über Modelle und Wahrscheinlichkeiten, Ansteckungen, Reproduktionszahlen. Sie ruft dazu auf, die Anweisungen der Regierung zu befolgen, und ist sich dennoch bewusst, wie schwierig dies ist für all die Millionen, die ohne ihr kärgliches Arbeitseinkommen von heute auf morgen vor dem Nichts stehen.

Ana Lucía de la Garza repräsentiert Ruhe, Sicherheit und Rationalität in einer Lage, die täglich verzweifelter wird. Das hat etwas Bewundernswertesund zugleich etwas Groteskes.